"Alles schnell und picobello"

Reportage27. März 2013, 16:19
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Um zehn Euro die Stunde verkaufen Bulgaren und Rumänen ihre Arbeitskraft auf der Wiener Triester Straße

Es ist kalt auf der Triester Straße in Wien-Favoriten. Trotzdem stehen auch an diesem Tag Ende März einige Männer auf dem Parkplatz bei einem Baumarkt. Sie lehnen an der Mauer, unterhalten sich, rauchen Zigaretten und wärmen sich die Hände. Kunden sind sie nicht, denn sie gehen nicht ins Geschäft. Sie halten Ausschau nach einfahrenden Autos, winken ihnen nach, heben ihre Daumen und machen sich erkenntlich. Sie werben um Aufmerksamkeit.

"Ich kann alles machen: Malen, Fliesenlegen, Stromarbeiten ... Alles schnell und picobello", sagt Ilian*. Er ist 24 Jahre alt und kommt aus Bulgarien. Ursprünglich kam er mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Österreich. Nun steht er seit zwei Monaten auf dem Arbeiterstrich. Zehn Euro pro Stunde verlangt Ilian für seine Handwerkstätigkeiten. Eine legale Arbeit würde er nicht bekommen, sagt er. Vadim aus Rumänien erzählt, er könne auch einen Transporter, Männer und Werkzeug organisieren. Mit einer Pauschale sei das alles kein Problem. Man müsse sich nur vor dem Parkplatz treffen, denn sonst würde das Wachpersonal Probleme bereiten.

Wachpersonal vs. Schwarzarbeiter

Das Wachpersonal kommt auch schon auf die Männer zu. Zu zweit patrouillieren sie von einem Parkplatzende zum anderen und versuchen die Männer vom Eingang fernzuhalten. Sie sind jedoch chancenlos, denn die jungen Männer sind eingespielt: Kaum entfernt sich das Wachpersonal von einem Eingang, geben die Männer schon Handzeichen und Signale und warnen ihr Gegenüber. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Wichtig sei, dass sie die Kunden nicht belästigen und sich nicht direkt beim Einkaufsgelände und dem Parkplatz aufhalten, sagt ein Wachmann. Kameras hätten da sowieso keine abschreckende Wirkung: "Sie vermummen sich und steigen in die Autos ein."

Das Problem würden die Kunden verursachen, die Schwarzarbeiter in ihre Autos einsteigen lassen. Die Nachfrage nach Schwarzarbeit sei leider da. Ein anderer Wachmann erzählt, dass die Männer aufgrund der Konkurrenz oft in Streit geraten würden. "Vor zwei Jahren musste ein Notarzthubschrauber landen, weil sie sich gegenseitig mit Messern attackiert haben und gewalttätig wurden." Die Wachmänner wissen auch von einer Organisation zu erzählen, die den Männern den Transport aus Osteuropa nach Österreich und einen Schlafplatz vermittle und im Gegenzug zwei Euro pro Stunde Provision verlange. "Das kriegt man da so mit", meint der Wachmann.

Selbst die Polizei könne nichts dagegen unternehmen, da die Männer ihre Aufenthaltserlaubnis und Meldebestätigung immer bei sich hätten. Es gebe auch Zivilpolizisten, aber man würde einander schon nach kurzer Zeit kennen. Außerdem seien die meisten, die da stehen, sowieso EU-Bürger.

Nach Armut erneut in Armut

Ilian wohnt mit acht Leuten in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Geiselbergstraße im Nachbarbezirk Simmering. Die Unterkunft haben ihm Freunde aus Bulgarien vermittelt, erzählt er. Wenn er nicht am Arbeiterstrich steht, sammelt er Sperrmüll und Schrott und versucht das zu verkaufen. "Es gibt einen Fahrer, der pendelt zweimal pro Woche zwischen Sofia und Wien", sagt Ilian. Neben Geschenken gibt er ihm auch immer ein bisschen Geld für seine Frau mit. "Ich arbeite oft für einen Hungerlohn, und diese Kleinbusunternehmen verdienen seit der Grenzöffnung an den Transporten legal sehr viel Geld."

Keine Chance auf legale Arbeit

Menschen wie Ilian und Vladim kommen aus einfachsten Verhältnissen, es ist die Armut, die sie nach Wien treibt. Sie sind EU-Bürger, gehören aber zu den "Armutszuwanderern". Seit der Öffnung des Arbeitsmarktes am 1. Mai 2011 gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU uneingeschränkt - mit Ausnahme von rumänischen und bulgarischen StaatsbürgerInnen. Suchen diese innerhalb der EU eine Beschäftigung, sind sie bewilligungspflichtig. Zwar haben sie das Recht auf Aufenthalt, also eine Niederlassungsfreiheit - zum Arbeiten benötigen sie aber eine Genehmigung. Bis zum 31. Dezember bleibt diese Übergangsregelung noch aufrecht.

Bis zum Ende dieser Frist muss ein österreichischer Arbeitgeber für bulgarische und rumänische Staatsbürger beim Arbeitsmarktservice die Beschäftigungsbewilligung einholen - in gleicher Weise wie für Drittstaatsangehörige. Der Anspruch auf eine Genehmigung besteht nur, wenn der ausländische Arbeitnehmer über einen gültigen Aufenthaltstitel verfügt. Führungskräfte und "besonders qualifiziertes Personal" sind von der allgemeinen Quote ausgenommen. Für Ilian und Vadim, die über keine Ausbildung verfügen, bleibt somit nur noch der Arbeiterstrich.

Ilian zieht es bald weiter. Er möchte nicht länger als ein paar Monate hierbleiben. Nach Österreich möchte er nun in Frankreich sein Glück versuchen. (Isilay Güley, daStandard.at, 27.3.2013)

* Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.#

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Öffnung des Arbeitsmarktes am 1. Mai 2011

  • Männer stehen beim Eingang eines Baumarktes und bieten ihre Dienste an.
    foto: isilay güley

    Männer stehen beim Eingang eines Baumarktes und bieten ihre Dienste an.

  • Ist Herumstehen verboten? Das Wachpersonal versucht die Männer vom Eingang fernzuhalten.
    foto: isilay güley

    Ist Herumstehen verboten? Das Wachpersonal versucht die Männer vom Eingang fernzuhalten.

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