Glückliches 2:2 in Dublin: Junuzovics Wert wird in Irland sichtbar

Analyse27. März 2013, 14:40
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Nach starkem Beginn braucht Österreich lange, um den Ausfall des Bremers zu verkraften - Eine Analyse aus Dublin

Der Zusammenprall in der 20. Minute zwischen James McCarthy und Zlatko Junuzovic sah von der ersten Sekunde an nicht gut aus. Und er stellte sich als bitterer Moment für das österreichische Team in Dublin heraus. Dieses hatte bis dahin EM-Teilnehmer Irland mit herrlichem, schnellem Passspiel, aggressivem Pressing, hoher Abwehrlinie und viel Beweglichkeit im Griff gehabt.

Dass der Ausfall so schwer wog, ist einerseits natürlich der Klasse des Bremers geschuldet. Junuzovic kann jederzeit spielerische Akzente setzen, ist mit seinem ebenso unermüdlichen wie technisch sicheren Spiel aber oft vor allem ein stiller Held des ÖFB-Teams. Am Dienstag war sein Einfluss offensichtlicher denn je. Nicht nur, dass er im Pressing gegen Giovanni Trapattonis Irland und dessen flaches, zweckmäßiges 4-4-2 hervorragende Arbeit leistete (und so mit einem Ballgewinn gegen Ciaran Clark sogar das frühe 0:1 durch Martin Harnik ermöglichte). Auch sein Fehlen fiel im Anschluss stark auf.

Junuzovic fehlt

Ob er unersetzbar für Österreich ist, lässt sich anhand des Spiels trotzdem nicht beurteilen, denn Marcel Koller verzichtete beim Tausch auf den offensichtlichen Wechsel (Andreas Ivanschitz). Stattdessen modifizierte er sein 4-2-3-1-System. Veli Kavlak - zuvor tadelloser Sechser hinter Achter David Alaba (und dort von Julian Baumgartlinger nahtlos ersetzt) - rückte auf die zentrale Position im offensiven Mittelfeld. Er rotierte weniger mit Harnik und stand tiefer als Junuzovic.

Was für einen Unterschied solche Details machen, wurde von den Iren nun umgehend demonstriert. In der Folge nahm ihr Pressing mehr Fahrt auf. Im Rückraum des defensiven Mittelfelds der Gastgeber war nun nur der durch das körperbetonte irische Spiel und die enge Deckung abgemeldete Philipp Hosiner (den Koller dem Wunsch der österreichischen Öffentlichkeit gemäß von Beginn an anstelle von Andreas Weimann oder Marc Janko brachte), weshalb sie sich stärker auf den österreichischen Spielaufbau stürzen konnten.

Vor allem Alaba wurde als Quell der österreichischen Gegenstöße aggressiv attackiert. Gleichzeitig konnten die irischen Verteidiger sich im Spielaufbau mehr Zeit lassen, das österreichische Pressing brach also seinerseits zusammen. Die Mitte war nun dicht, Österreich abgemeldet.

Ein Fehler

Der Ausgleich war eine Folge von zwei Dingen, die sich durch das Spiel zogen. Erstens: die Schwäche der Innenverteidigung, hohe Bälle zu klären (auch aufgrund mangelnder sicherer Anspielstationen, siehe Fotos). In der Vergangenheit erledigte Sebastian Prödl das oft verlässlich, leider ist aber auch der im Moment außer Form. Emanuel Pogatetz, selbst alles andere als in einem Hoch, ließ zögerlich einen Abschlag aufspringen, musste dann in ein Laufduell mit Shane Long und wählte dort mit seinem Tackling die falsche Option.

Bemerkenswert ist, dass Österreich sich hier (zum zweiten Mal, seit man in Unterzahl war) auskontern ließ, weil man selbst einen Vorstoß wagte und dabei den Ball verlor. Wie bei vielen Ballverlusten wurden die Außenverteidiger in einer vorgezogenen Position erwischt (manchmal auch von den offensiven irischen Außenspielern gelockt), und die irischen Stürmer verstanden es hervorragend, in den Raum an den Seiten zu stoßen. Das wäre die zweite Problemstelle, die sich immer wieder auftat.

Über die taktischen Implikationen offensiver Außenverteidiger

Aufgerückte Außenverteidiger sind ein wichtiger Faktor im Angriffsspiel des österreichischen und anderer 4-2-3-1-Systeme. Bei anderen Teams wird das aber stärker durch einen zwischen die Innenverteidiger zurückfallenden Sechser ausgeglichen. Eine daraus entstehende Dreierkette ist breiter und deshalb weniger anfällig über die Seiten. Zudem bietet diese Variante die Möglichkeit, höher aufzurücken und das mit einem schnellen, zweikampfstarken Sechser (was Baumgartlinger und Kavlak zweifelsohne wären) abzusichern.

Gegen die Färöer und Kasachstan ist das unnötig, und Österreichs Zweier-Innenverteidigung genügt. Aber gegen ausgewiesene Umschaltmannschaften wie Irland benötigt das österreichische System hier noch ein wenig Schliff.

Irland ist zu groß für Österreich

Die irische Führung vor der Pause fiel abermals aus einer Standardsituation. Beim Eckball verlor Christian Fuchs ein Kopfballduell mit dem nunmehrigen Doppeltorschützen Jonathan Walters. Die Iren hatten über Flanken und Standardsituationen schon den ganzen Abend gefährlich gewirkt und taten das auch weiterhin (etwa bei einer Spitzenparade von Heinz Lindner in der 67. Minute). Der Grund scheint simpel und erwartbar: Österreich hatte nicht genügend Abwehrtürme, um all die kopfballstarken irischen Hünen zu decken.

In der Pause verzichtete Koller vorerst auf weitere Wechsel, muss aber die richtigen Detailanweisungen gegeben haben. Sein Team gelangte schrittweise zur Ebenbürtigkeit zurück. Nach zehn Minuten im zweiten Durchgang (und insgesamt 35 Minuten Bedrängnis) gewann man auch wieder die Oberhand. Irland hatte zwar im Zentrum zugemacht, aber man verlagerte die Vorstöße nun stärker auf die Seiten. Vorerst vor allem die linke, auf der Marko Arnautovic im Rahmen seiner allgemein eher unauffälligen Partie nun deutlich aktiver wurde.

Rückkehr über die Außenbahnen

Erst war es aber eine schöne Spielverlagerung von Christian Fuchs, die Harnik mit Haken und Schuss abschloss (54.). Unmittelbar darauf folgte ein Vorstoß über Fuchs und Arnautovic, den der mitgelaufene György Garics per Halbvolley übernahm (55.). Garics bereitete seinerseits eine größere Chance vor, seinen Querpass verfehlten in der Mitte aber mehrere Spieler (65.).

Mit der Hereinnahme von Janko statt Hosiner (61.) funktionierten endlich auch die hohen Bälle für Österreich wieder. Erst als Weimann für Kavlak (69.) ins Spiel kam, war für Jankos Ableger aber auch eine Anspielstation in unmittelbarer Nähe zugegen. Irische Kollegen hatten schon am Vortag befürchtet, dass Weimann gegen seinen Aston-Villa-Teamkollegen Clark aufgestellt werden könnte. Wenige Minuten nachdem er auf das Feld gekommen und bereits ab und zu entwischt war, nahm Trapattoni Clark vom Feld.

Mit Arnautovic - Weimann - Harnik wurde Österreichs zweite Angriffsreihe nun wieder viel beweglicher und dominierte die restliche Partie mit teilweise schön anzusehendem Fußball. Doch Weimann konnte einen Querpass nicht anbringen (71.), einmal kam Janko bei seiner Flanke marginal zu spät (74.).

Irisches Ausputzen nicht belohnt

Die Iren verlagerten ihre Kräfte als Reaktion auf die neue Bedrohung aber noch weiter nach hinten. Auch Trapattoni erkannte, dass seiner Mannschaft das Wasser bis zum Hals stand. Er wollte die Tücher ins Trockene bringen und brachte Defensivmittelfeldspieler Paul Green anstelle von Long (82.). Die Iren droschen die Bälle nun einfach nur noch so weit wie möglich vom eigenen Tor weg, das österreichische Spiel fand dadurch zumindest kaum noch Abschlüsse. 

Bis in die Schlussminuten versuchte das ÖFB-Team es aber weiter. Nach einer gelungenen Freistoßvariante (89.) und einer abnehmerlosen Arnautovic-Hereingabe (91.) sorgte schließlich Alabas abgefälschter Treffer für den verdienten Endstand. (Tom Schaffer aus Dublin, derStandard.at, 27.3.2013)

  • Die Grundaufstellung verschaffte Österreich einen Startvorteil. Es war ein offensives, pressinglastiges 4-2-3-1 gegen ein flaches Trapattoni-4-4-2.
    grafik: ballverliebt.eu

    Die Grundaufstellung verschaffte Österreich einen Startvorteil. Es war ein offensives, pressinglastiges 4-2-3-1 gegen ein flaches Trapattoni-4-4-2.

  • Mit Junuzovic hinter dem irischen defensiven Mittelfeld konnten die Gastgeber kaum Druck auf Alaba und Kavlak erzeugen. Österreichs hohe Abwehrlinie stresste die Iren hingegen permanent und zwang sie zum Wegschlagen der Bälle. Für die ÖFB-Innenverteidiger gab es nach den Kopfballduellen sofort zwei Anspielstationen.
    foto: tom schaffer

    Mit Junuzovic hinter dem irischen defensiven Mittelfeld konnten die Gastgeber kaum Druck auf Alaba und Kavlak erzeugen. Österreichs hohe Abwehrlinie stresste die Iren hingegen permanent und zwang sie zum Wegschlagen der Bälle. Für die ÖFB-Innenverteidiger gab es nach den Kopfballduellen sofort zwei Anspielstationen.

  • Anstatt der agilen hängenden Spitze, die Junuzovic abgab, interpretierte der zuerst als Sechser aufgestellte Kavlak die Rolle tiefer liegend. Die Iren übernahmen daraufhin mit Überzahlsituationen im Zentrum das Kommando und konnten den Ball nun besser kontrollieren.
    foto: tom schaffer

    Anstatt der agilen hängenden Spitze, die Junuzovic abgab, interpretierte der zuerst als Sechser aufgestellte Kavlak die Rolle tiefer liegend. Die Iren übernahmen daraufhin mit Überzahlsituationen im Zentrum das Kommando und konnten den Ball nun besser kontrollieren.

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