Es war einmal kein Korea

Hintergrund28. März 2013, 05:30
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Falsche Versprechen der Großmächte sorgten für eine Trennung der Halbinsel, die seit fast 65 Jahren anhält. Der Ursprung liegt in Jalta

Rund 250 Kilometer lang und etwa vier Kilometer breit, trennt eine entmilitarisierte Zone die koreanische Halbinsel in einen nördlichen und südlichen Teil. Aufgezogen mit Stacheldrahtzäunen, gespickt mit Minenfeldern und bewacht von unzähligen Soldaten ist die Zone Symbol eines Konflikts, der die Welt seit fast 65 Jahren beschäftigt. Ihren Ursprung hat die Krise, die seit einigen Monaten wieder zu eskalieren droht, in der Alliierten-Konferenz von Jalta im Jahr 1945.

Jahrhundertelang ein Tributstaat der Mongolen und danach der Chinesen, wurde 1897 das Kaiserreich Korea ausgerufen. Dem vorangegangen war der verlorene Krieg Chinas gegen Japan, das immer mehr zur bestimmenden Kraft in Ostasien wurde. Japan vergrößerte danach seinen Einfluss auf die umgebenden Länder und damit auch auf Korea. Mit dem Sieg im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) etablierte sich das Land endgültig als dominierender Akteur in dieser Region und konnte nun seine imperialistischen Pläne umsetzen, die zur Annexion Koreas im Jahr 1910 führten.

Was für Korea folgte, waren nicht nur 35 Jahre Existenz als japanische Kolonie Joseon, sondern auch Fremdherrschaft in ihrer schlimmsten Ausprägung. Im Endeffekt zielte Japan darauf ab, Korea sowohl als Nation als auch als Kultur zu eliminieren. Hunderttausende Koreaner schickte man zur Zwangsarbeit nach Japan und in die Mandschurei, im Schulunterricht wurde die koreanische Sprache verboten, um nur zwei der zahlreichen repressiven Maßnahmen zu nennen.

Bereits in den ersten Jahren der Fremdherrschaft formierten sich Unabhängigkeitsbewegungen im koreanischen Untergrund. 1919 bildete sich in Schanghai eine Exilregierung, zum Präsidenten wurde dabei Syngman Rhee gewählt. Rhee setzte sich schon als junger Mann für die Unabhängigkeit Koreas ein und wurde 1897 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, da er eine Demonstration gegen den zunehmenden Einfluss Japans angeführt hatte. 1904 im Rahmen einer Amnestie aus der Haft entlassen, ging er in die USA, um in Harvard und Princeton zu studieren. 1910 kehrte der nationalistisch geprägte Rhee zurück, um sich seinen Traum von einem unabhängigen Korea zu erfüllen.

foto: us department of defense
Im Bild: Syngman Rhee, Präsident der koreanischen Exilregierung und später erster Präsident Südkoreas.

Dieser Traum sollte sich durch den Zweiten Weltkrieg der Realität nähern. Zumindest kurzfristig. Auf einer Konferenz in Kairo im November 1943 verfassten US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der britische Premier Winston Churchill und der chinesische Staatschef Chiang Kai-shek eine Erklärung, die zu gegebener Zeit Freiheit und Unabhängigkeit für die Koreaner vorsah. Dies erwies sich jedoch bald als leeres Versprechen.

Die tatsächliche Zukunft der Koreaner wurde auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 eingeleitet. Roosevelt, Churchill und der sowjetische Staatschef Josef Stalin einigten sich auf eine internationale Treuhandschaft für Korea, um das Land nach einer gewissen Übergangszeit in die Unabhängigkeit zu entlassen. Als erwünschter Nebeneffekt würde damit auch ein gewisser amerikanischer beziehungsweise sowjetischer Einfluss in Korea sichergestellt sein. Für den Fall notwendiger militärischer Operationen auf der Halbinsel legten Roosevelt und Stalin den 38. Breitengrad als Demarkationslinie fest. Eine Arbeitsteilung quasi, die zu damals noch ungeahnten Folgen führen sollte.

Als sich einige Monate später die Niederlage Japans abzeichnete, bereitete die japanische Verwaltung in Korea die Übergabe der Kolonie an eine noch zu bildende koreanische Volksregierung vor. Die Exilregierung nahm unterdessen Kontakt zu den Alliierten auf, um die Unabhängigkeit ihres Landes nach dem Krieg sicherzustellen.

Nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki verlas der japanische Kaiser zur Mittagsstunde des 15. August 1945 den "Erlass zur Beendigung" des Krieges, der zu kollektivem Jubel in Korea führte. Der japanische Generalgouverneur Abe Nobuyuki nahm Kontakt zu koreanischen Politikern auf, die einen Unabhängigkeitsausschuss bildeten. In Seoul, das den japanischen Namen Keijo bereits abgelegt hatte, trafen sich am 6. September mehr als tausend Volksvertreter und bestellten eine Koalitionsregierung. Zum Vorsitzenden wurde Syngman Rhee gewählt, der sich noch im Ausland befand.

Nach der Kapitulation Japans standen bereits sowjetische Truppen im Norden Koreas, die US-amerikanischen Streitkräfte hingegen befanden sich noch im Südpazifik. Um zu verhindern, dass Stalin das Machtvakuum auf der Halbinsel vollständig ausfüllt, schlugen die USA vor, die in Jalta erstmals aufgekommene Teilung Koreas fortzusetzen. Stalin stimmte überraschenderweise zu, vermutlich wollte er eine gute Beziehung zum neuen US-Präsidenten Harry Truman aufbauen, um bei der zukünftigen Entwicklung Japans ein Mitspracherecht zu haben.

Im September folgte schließlich die Hiobsbotschaft für die Koreaner. Zuerst verkündete US-General Douglas MacArthur, Oberbefehlshaber über die Truppen im Pazifikraum, dass sich die japanischen Soldaten nördlich des 38. Breitengrades den Sowjets und südlich davon den US-Amerikanern zu ergeben hätten. Einige Tage später erklärte MacArthur, dass alle Regierungsgewalt südlich des 38. Breitengrades einstweilen unter seinem Befehl ausgeübt wird. Am 8. September ging US-General John Hodge bei Incheon an Land, um die japanische Kapitulation entgegenzunehmen. Er verweigerte dabei eine Begrüßung der Delegation der neuen koreanischen Regierung, die sich für ihn eingefunden hatte.

Auf Papier besiegelt wurde Koreas Nachkriegsschicksal schließlich am 20. Dezember 1945 im Moskauer Vertrag. Vorgesehen war für die Halbinsel eine fünfjährige Treuhandschaft von den USA, der Sowjetunion, Großbritannien und China. Eine amerikanisch-sowjetische Kommission sollte zudem eine provisorische koreanische Regierung bilden.

Im Frühjahr 1946 trat die Kommission zum ersten Mal zusammen, auf eine Regierung konnte man sich allerdings nicht einigen. Stattdessen kam es auf politischer Ebene zu einer klaren Trennung Koreas: Im Norden wurde ein provisorischer Volksausschuss gebildet, Kim Il-sung übernahm den Vorsitz. Er genoss eine sowjetische Ausbildung und verdiente sich seine Sporen als kommunistischer Partisanenkämpfer gegen die japanische Kolonialmacht. Den Segen Moskaus hatte er also. Im Süden installierten die USA einen repräsentativen demokratischen Rat, dem Syngman Rhee vorstand. Die Regierungsgeschäfte blieben aber weiterhin den Amerikanern vorbehalten.

Weitere Verhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion blieben ergebnislos, eine von den Amerikanern vorgeschlagene alliierte Außenministerkonferenz lehnten die Russen ab. Schließlich brachten die USA die Korea-Frage vor die UN, was die Sowjetunion als Verstoß gegen die Abmachung wertete, die Angelegenheit bilateral zu lösen. Als Konsequenz daraus nahm sie nicht mehr an UN-Sitzungen zu diesem Thema teil. Im November 1947 beschloss die UN-Versammlung eine Resolution, der zufolge in Korea freie Wahlen durchzuführen seien. Auch war darin der Abzug sämtlicher ausländischer Truppen festgelegt. Daran sollte sich aber nur die Sowjetunion halten.

Die am 10. Mai 1948 im Süden des Landes durchgeführten Wahlen gewann Syngman Rhee, der damit erster Präsident der Republik Korea respektive Südkorea wurde. Allerdings boykottierten sämtliche linken Parteien die Wahl, da Rhee im Wahlkampf eine strikte Anti-Kommunismus-Kampagne führte. Etwa zwei Monate später übernahm er offiziell die Regierungsgeschäfte von den USA. Der Norden antwortete am 9. September 1948 mit der Ausrufung der Demokratischen Volksrepublik Korea und der Ernennung Kim Il-sungs zu ihrem Präsidenten. Beide, Rhee und Kim, betrachteten sich als rechtmäßige Staatsoberhäupter des gesamten Korea und kündigten an, diesen Anspruch auch militärisch durchsetzen zu wollen.

Am 25. Juni 1950 kam es schließlich zur erwartbaren Eskalation: Nordkoreanische Soldaten marschierten an diesem Tag über den 38. Breitengrad und überrannten die Südkoreaner. Die Folgen: ein 37 Monate andauernder Krieg mit fast drei Millionen Todesopfern; ein Waffenstillstand, der immer wieder gebrochen wurde; eine entmilitarisierte Zone rund um den 38. Breitengrad, die der ehemalige US-Präsident Bill Clinton einmal als "furchterregendsten Ort der Welt" bezeichnete; und schließlich ein Krisenherd, der auch im Jahr 2013 noch die weltweiten Schlagzeilen bestimmt. (Kim Son Hoang, derStandard.at, 28.3.2013)

Der 38. Breitengrad, der Nord- und Südkorea trennt:


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