Von der Psychologie des Eiersuchens

26. März 2013, 18:48
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Eier, die ausnahmsweise im Hasen wachsen - Nester, in denen auch ein wenig Freud steckt - Was geschieht, wenn wir zu Ostern bunte Eier suchen, und was das mit Religion und mit Geborgenheit zu tun hat, versucht der Psychiater Paulus Hochgatterer zu beantworten

Mancherorts wird am kommenden Sonntag noch Schnee liegen, wenn quer durch das Land wieder Kinder ausschwärmen, um nach Osternestern zu suchen, die ihre Eltern oder andere Bezugspersonen für sie versteckt haben - und die nicht vollständig sind, wenn nicht ein paar hartgekochte Eier drin liegen, deren Schale bunt bemalt wurde.

Es ist ein eigentümlicher Brauch, der mit dem religiösen Fest kaum etwas zu tun hat, und der im deutschsprachigen Raum eigentlich gar nicht so sehr zur Volks- als zur Hochkultur zählt. Denn es gilt als gut begründet, das Versteckspiel mit den gefärbten Eiern niemand Geringerem als Goethe zuzuschreiben. Von ihm ist jedenfalls überliefert, dass er dies in seinem Weimarer Garten einmal so eingeführt hatte, und die ganze Kulturnation, zu der im 19. Jahrhundert auch Österreich gehörte, folgte ihm nach.

Was geschieht da aber wirklich, wenn nach Osternestern gesucht wird? Wie so oft erweist sich, dass das Selbstverständliche gleich viel weniger selbstverständlich ist, wenn man es sich genauer ansieht. So geht es auch dem Psychiater und Schriftsteller (und vielfachem Standard-Autor) Paulus Hochgatterer, der sich zu einer Assoziationsstunde über den Osterbrauch zur Verfügung stellte. "Spontan fällt mir dazu ein: Es ist Frühling, alles wächst, und so wachsen auch die Eier." Sie wachsen nicht auf den Bäumen, aber sie fallen auch nicht aus den Hennen. "Die Eier bekommen dadurch den Anschein, dass sie Produkt der Natur sind. Wir alle haben gelernt, zu akzeptieren, dass sie in diesem Ausnahmefall nicht im Huhn wachsen, sondern im Hasen."

Sexuelles Erwachen

Könnte man bei dieser Verschiebung auch von einer Sexualisierung des Osterfests sprechen? "Unbewusst auf jeden Fall", meint Hochgatterer und fügt die Motive gleich noch einmal ein wenig anders zusammen: "Der Frühling steht für sexuelles Erwachen, der Hase ist sowieso einschlägig besetzt, und auch das Ei, das ja im übertragenen Sinn den Hoden meint. Aber noch ein anderer Aspekt weist in diese Richtung: In der Sexualität haben wir es ja wie beim Suchen nach dem Osternest auch mit etwas Verstecktem zu tun, bei dem klar ist, dass es gefunden werden wird, ja muss."

Nun aber noch einmal einen Schritt zurück, wir sind ja bei Kindern, die nach Nestern suchen, also auch bei einem psychologischen Lernprozess. Was wird bei diesem Spiel eigentlich erprobt? "Wie viele ganz wichtige Spiele hat auch dieses mit der Figur "fort/da" zu tun. Bei uns in Niederösterreich sagten wir beim Versteckenspielen immer wieder: kucku - tschatscha. Und so ein Wortpaar gibt es in vielen Sprachen. Nach Freud üben wir bei den Fort/Da-Spielen den trostvollen Umgang mit Verlusten." Etwas von diesem Ernst steckt auch noch, kaum merkbar, in der Osternestsuche.

"Einerseits geht es um die Zuverlässigkeit der Eltern, die das ganze Spiel ja gewährleisten und so erst dem Kind die Gelegenheit geben, sich als Finder zu bewähren. Andererseits geht es aber auch ganz einfach um orale Aspekte, um Habenwollen. In den Nestern liegen heute ja selten nur Eier, sondern auch noch Zuckerln, Gutscheine von Elektromärkten oder einfach Geld. Das heißt, das Ideelle oder Symbolische wird zum Materiellen."

An dieser Stelle ist vielleicht der Querverweis oder die Abschweifung angebracht, dass das Ei erst unlängst wieder von dem Kochgenius Ferran Adrià zum herausragenden und vollkommenen Lebensmittel erklärt wurde. Und der Universalist Peter Kubelka sagt gern: Das Ei enthält die erste Metapher (weil man es in ein Spiegelei übersetzen kann). Tatsächlich gibt es nur wenige andere essbare Dinge, die so stark sinnbildlich aufgeladen sind. Mit seiner Bedeutungsvielfalt muss es geradezu versteckt werden, denn sobald man genauer hinschaut, birst das Ei geradezu vor Inhalt (und damit sind jetzt nicht das Eiklar und der Dotter gemeint, Grundbestandteile etwa der anspruchsvollen Einzelwissenschaft der Eierspeiszubereitung).

Doch Paulus Hochgatterer ist mit seinen Assoziationen schon woanders. Wir sprachen nämlich gerade vom Garten, und da tun sich weitere Facetten auf. "Das eine ist das Ei, das andere ist das Nest. Das Nest ist natürlich eine ganz paradiesische Gestalt und beschreibt den Zustand, den wir alle von Anfang bis zum Schluss wahrscheinlich gerne hätten, nämlich einen Zustand des Aufgehobenseins, einen Ort, an dem es warm ist und kuschelig, und alles Gefährliche und Böse bleibt draußen."

Das Nest, ist es erst einmal gefunden, wird zu Ostern geleert, aber es verweist auf einen nun tatsächlich religiösen Aspekt des Fests, das ja davon handelt, wie der Sündenfall im Paradies korrigiert wird. "Als gelernter niederösterreichischer Katholik" findet Hochgatterer diese rituelle Überarbeitung der Geschichte vom Apfel durch die Geschichte vom Ei sehr plausibel, und als Psychologe findet er sie stimmig.

Nun könnte man sogar noch eine Spekulation wagen: Ist nicht die Geschichte von Jesus, der stirbt, ins Grab gelegt wird und am dritten Tage aufersteht, auch so ein klassischer Fort/Da-Fall? Hochgatterer findet das überzeugend, will sich jetzt aber selbst nicht zum Mythologen aufschwingen, denn da gibt es auch viele Fallstricke. Die (germanische) Fruchtbarkeitsgöttin Ostara etwa, die mit dem Osterhasen in Verbindung gebracht wird, gibt es nur in der Deutschen Mythologie von Jacob Grimm, und sie beruht auf einem Übersetzungsfehler.

Das Ei wird zum Küken

Paulus Hochgatterer beschließt das vorösterliche Assoziationsspiel mit einer selbsterlebten Geschichte. "Neulich habe ich in Osttirol zum ersten Mal die Bezeichnung 'Ostergokelen' für Ostereier gehört: Das Ei wird da zum Küken, es wird also sprachlich belebt. Gegessen wird es trotzdem, und zwar schon eine Woche vor Palmsonntag."

Die alte Frage, ob zuerst die Henne da war oder das Ei, ist also mit Blick auf Ostern vielleicht falsch gestellt. Sie müsste vielleicht anders angegangen werden: Was ist eigentlich da, wenn das Ei gerade fort ist? Und was findet sich, wenn man auf ein Nest stößt? Fragen über Fragen, denen wir ab ovo nachgehen können, wenn wir erst einmal die diesjährige Suche hinter uns gebracht haben. Denn am Sonntag müssen wir wieder so tun, als wäre das ganz selbstverständlich, was wir da tun, wenn wir Ostereier suchen. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 27.03.2013)

  • Was steckt hinter dem Ritual des Suchens und Findens? Nach Freud üben wir beim Versteckenspielen den trostvollen Umgang mit Verlusten.
    foto: ap/meyer

    Was steckt hinter dem Ritual des Suchens und Findens? Nach Freud üben wir beim Versteckenspielen den trostvollen Umgang mit Verlusten.

  • "Das Ideelle wird zum Materiellen": Hochgatterer über Ostern.
    foto: standard/hendrich

    "Das Ideelle wird zum Materiellen": Hochgatterer über Ostern.

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