Verschleppt, versklavt und heimatlos

26. März 2013, 18:42
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Über eine Million Zwangsarbeiter mussten während der NS-Herrschaft auf österreichischen Bauernhöfen oder in Fabriken schuften

Zeithistoriker haben anhand neu zugänglicher Akten aufgearbeitet, wie sie behandelt wurden und was nach dem Krieg aus ihnen wurde.

Sie kamen aus Russland, Frankreich oder anderen von NS-Deutschland okkupierten Gebieten und waren oft gerade einmal 14, 15 Jahre alt, als man sie zu Arbeitssklaven machte. Über eine Million Zwangsarbeiter schufteten während des Zweiten Weltkriegs in Österreich, die Hälfte davon Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, die andere Hälfte waren Zivilisten.

Wie wurden diese Menschen von den Österreichern behandelt und was ist aus ihnen nach Kriegsende geworden? Fragen, die sich die Geschichtsforschung erst sehr spät zu stellen begann. Einer der ersten, die sich in Österreich mit diesem Thema befassten, war Stefan Karner, Gründer und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung. Gemeinsam mit dem Historiker Dieter Bacher hat er ein vom Zukunftsfonds der Republik Österreich gefördertes Forschungsprojekt durchgeführt und aufgrund dessen nun einen Sammelband über Zwangsarbeiter in Österreich herausgegeben.

Auf der Basis erstmals zugänglicher Akten des Österreichischen Versöhnungsfonds sowie Gesprächen mit und Aufzeichnungen von Betroffenen geben die einzelnen Texte erschütternde Einblicke in ein lange verschlossenes Kapitel der österreichischen Geschichte. "In Galizien zum Beispiel fanden zeitweise regelrechte Razzien zur Rekrutierung von Zwangsarbeitern statt", berichtet Dieter Bacher. "Dort zogen Wehrmachtsangehörige von Haus zu Haus und nahmen alle arbeitsfähigen Menschen ab 14 mit." Auch über "Anwerbestellen" hat man Zwangsarbeiter rekrutiert, die mit falschen Versprechen oft aus lebensbedrohlicher Armut ins Land der Kriegsgegner gelockt wurden.

"Privilegierte" Franzosen

Eine der größten Gruppen unter den Zwangsarbeitern waren die Franzosen. Wie Jürgen Strasser in seinem Beitrag darstellt, unterschieden sich deren Lebens- und Arbeitsbedingungen beträchtlich von jenen der Ostarbeiter: Sie wurden nicht nur besser untergebracht und verpflegt, sondern hatten auch bessere Arbeitsbedingungen.

Diese "privilegierte" Behandlung verdankten sie der Rassenideologie der Nazis: "Im Vergleich etwa zu den Ostarbeitern sah man die Franzosen vom germanischen Herrenmenschen offenbar nicht ganz so weit entfernt", verweist Dieter Bacher auf diese neue Erkenntnis, die sich auf die Untersuchung tausender Einzelfälle stützt.

So unterschieden sich die Vorgaben zur Behandlung von Zwangsarbeitern je nach deren geografischer Herkunft. Anhand der Fallakten des Österreichischen Versöhnungsfonds zeigte sich auch, dass diese Vorgaben insbesondere in der Landwirtschaft nur selten eingehalten wurden. "Laut Vorschrift durften Ostarbeiter weder im Wohnbereich der Bauernfamilie untergebracht werden, noch mit ihr gemeinsam essen. Auch der Kontakt während der Arbeit sollte auf ein notwendiges Mindestmaß reduziert werden", erklärt der Wissenschafter. "Aber das war auf einem Bauernhof praktisch kaum einzuhalten, und so entstanden oft engere Kontakte und die zugeteilten Arbeiter und Arbeiterinnen wurden in vielen Fällen besser behandelt als vom Regime gewünscht."

Von dieser Behandlung hing es oft auch ab, berichtet Bacher, ob ein ehemaliger Zwangsarbeiter nach dem Kriegsende in Österreich blieb. Bezeichnenderweise waren es vor allem in der Landwirtschaft eingesetzte Menschen, die nach 1945 nicht mehr in ihre Heimat zurückgingen. Wie viele das insgesamt waren, konnte aufgrund der Aktenlage noch nicht ermittelt werden, aber immerhin rund 750 der in Österreich Gebliebenen haben beim 2001 eingerichteten Österreichischen Versöhnungsfonds um eine Entschädigungszahlung angesucht. Eine kleine Gruppe, gemessen an den 155.000 Anträgen, die von in Österreich eingesetzten Zwangsarbeitern insgesamt beim Fonds einlangten und von denen 135.000 bewilligt wurden.

Aller Chancen beraubt

Was aber wurde aus den ehemaligen Arbeitssklaven, die sich entschlossen, in Österreich zu bleiben? "Viele von ihnen sind bis in die 1950er-Jahre als Mägde und Knechte auf den Bauernhöfen geblieben oder haben sich als Industriearbeiter durchgeschlagen", weiß Dieter Bacher. Für die meisten dieser Menschen bedeuteten die Jahre ihrer Zwangsarbeit ein lebenslanges Handicap: Viele wurden in so jungen Jahren verschleppt, dass sie keine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung hatten, wodurch ihnen auch nach dem Krieg oftmals nur Hilfsarbeiterjobs offen standen. Eine zusätzliche Hürde waren schlechte Sprachkenntnisse - die meisten lernten erst spät und ohne Unterstützung Deutsch - und nicht zuletzt die harte körperliche Arbeit, die bei den meisten im Laufe ihres Lebens massive gesundheitliche Folgen hatte.

Warum aber gingen diese Menschen nach Kriegsende nicht in ihre Heimat zurück? "In Österreich blieben vor allem Leute aus Osteuropa", erklärt Dieter Bacher. "Die Sowjetunion wollte ihre Landsleute zwar unbedingt zur Heimkehr bewegen, gleichzeitig wurden sie aber als Vaterlandsverräter abgestempelt. Es kam sogar zu Zwangsrepatriierungen. Viele Männer wurden zum Dienst in der Roten Armee verpflichtet, Frauen kamen zum Teil in den Gulag, wo man sie erneut zu Zwangsarbeiterinnen machte."

Keinen Kontakt in die Heimat

Um diesen Repressionen zu entgehen, entschieden sich viele für einen Verbleib in Österreich. Abgesehen davon hatten viele überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie, sie wussten nicht einmal, ob und wo es noch Verwandte gab. "Wo sollte ich denn hin?", brachte es eine ehemalige Zwangsarbeiterin aus Galizien, die 1943 mit 15 Jahren auf einen niederösterreichischen Bauernhof kam und dort auch nach dem Krieg als Magd arbeitete, in einem Zeitzeugeninterview auf den Punkt.

Bitterkeit haben die Forscher zu ihrer großen Überraschung bei ihren Gesprächspartnern dennoch kaum erlebt. "Ich hatte zumindest immer Arbeit und konnte mich aus eigener Kraft durchbringen", meinte die alte Frau, die als junges Mädchen in eine feindliche Welt verschleppt wurde, in der sie irgendwann so etwas wie eine Heimat zu sehen begann. (Doris Griesser, DER STANDARD, 27.03.2013)

  • Oben und unten: Zwangsarbeiter beim Arbeitseinsatz am Feld. Viele pflegten engen Kontakt mit den Bauern und kehrten nach 1945 nicht in ihre Heimat zurück.
    foto: adbik bildarchiv zwangsarbeit

    Oben und unten: Zwangsarbeiter beim Arbeitseinsatz am Feld. Viele pflegten engen Kontakt mit den Bauern und kehrten nach 1945 nicht in ihre Heimat zurück.

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    foto: adbik bildarchiv zwangsarbeit
  • Tausende Einzelfälle untersuchten die Historiker. Eine Quelle waren Originaldokumente der ehemaligen Zwangsarbeiter wie Arbeitsausweise oder Identitätskarten.
    fotos: österr. versöhnungsfonds

    Tausende Einzelfälle untersuchten die Historiker. Eine Quelle waren Originaldokumente der ehemaligen Zwangsarbeiter wie Arbeitsausweise oder Identitätskarten.

  • Dieter Bacher, Stefan Karner (Hg.): "Zwangsarbeiter in Österreich 1939- 1945 und ihr Nachkriegsschicksal", Studienverlag 2013, 352 S., 39,90 Euro
    cover: studienverlag

    Dieter Bacher, Stefan Karner (Hg.): "Zwangsarbeiter in Österreich 1939- 1945 und ihr Nachkriegsschicksal", Studienverlag 2013, 352 S., 39,90 Euro

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