Drehtür

28. März 2013, 17:00
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Seine Entscheidung - "eine oda auße?" - jederzeit staufrei revidieren oder es ist nicht der Mensch, der den Rhythmus vorgibt

Pro: Ruinierter Flow
Von Sigi Lützow

Nicht einmal der geniale Erfinder der Kirschenentkernmaschine konnte voraussehen, dass der Lemming namens moderner Mensch die beste Idee stracks von gut in Richtung gut gemeint befördern würde. Denn was bezweckte Theophilus Van Kannel mit der Entwicklung eines ursprünglich deutschen Geistesblitzes zur Patentreife? Nein, nicht bloß die Einsparung von Energie durch Vermeidung des beim Betreten von Hochhäusern durch konventionelle Türen unweigerlich entstehenden Luftzuges.

Wie seinem Geistesbruder William Phelps Eno, dem Erfinder des Kreisverkehrs, war es Van Kannel auch daran gelegen, in einer sich ständig beschleunigenden Welt ein gedeihliches Miteinander zu fördern. Denn wer die Drehtür richtig bedient, bedarf keiner Rücksichtname der Vorderfrau, des Vordermannes. Er kann seine Entscheidung - "eine oda auße?" - jederzeit staufrei revidieren und braucht niemals zu befürchten, dass ihm ein "Hearst Oida, host Vurhäng daham?" nachgerufen wird. Dass schiere Dummheit den schönsten Flow ruiniert, konnte Theo nicht ahnen.

 

Kontra: Aus dem Rhythmus
Von Birgit Baumann

Egal, ob einer einst das Bärenfell in der Holzbude zur Seite schob oder ob jemand heute die Sicherheitstür im Büro benützt - eine Tür funktioniert seit Jahrhunderten so: Man öffnet sie, geht durch und schließt sie wieder.

Wichtigen Menschen wie dicken Fürsten (früher) oder mageren Prinzessinnen (heute) werden die Türen natürlich von Bediensteten geöffnet. Doch das Prinzip ist das gleiche. Das Schwingen der Tür(flügel) wird der Geschwindigkeit desjenigen angepasst, der durchgeht.

Bei der Drehtür jedoch wird dies außer Kraft gesetzt. Es ist nicht der Mensch, der den Rhythmus vorgibt, sondern eine Elektronik, die nicht auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen zu reagieren vermag. Der eine will durchhasten, der andere bummeln. Im Inneren der Drehtür treffen sie aufeinander. Und schon stockt alles, die Drehtür bleibt stehen, Menschen prallen aufeinander oder an Glasscheiben.

Es passiert also genau das, was die Drehtür, die doch eigentlich für Fortschritt steht, verhindern will: Stillstand und Rückschritt. (Rondo, DER STANDARD, 29.3.2013)

  • Stillstand und Rückschritt.
    foto: christian fischer

    Stillstand und Rückschritt.

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