Die Laboratorien der Erinnerung

26. März 2013, 18:05
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Das Projekt "MemScreen" macht die österreichische Erinnerungskultur über den Zweiten Weltkrieg zum Gegenstand künstlerischer Forschung

Wie das Unsagbare sagen? Wenn es um die Aufarbeitung der Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs geht, stößt die wissenschaftliche Methodik an ihre Grenzen: Wie umgehen mit dem Erbe der Opfer- oder Täterschaft? Wie kann vergeben werden? Und was darf niemals vergessen werden? - All diese Fragen können in wissenschaftlicher Objektivierung nicht vollständig beantwortet werden, es bedarf alternativer Strategien der Forschung.

Im Projekt "MemScreen", das sich mit der Erinnerungskultur in Österreich und Israel in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt, werden künstlerische Praktiken für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt. Für solche Strategien hat sich in den letzten Jahren der Begriff der " künstlerischen Forschung" durchgesetzt.

In Österreich hat sich die künstlerische Forschung vor allem durch das " Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste" (PEEK) des Wissenschaftsfonds FWF etabliert. "MemScreen", das 2010 bewilligt wurde, war eines der ersten PEEK-Projekte. Die Ausstellung "Laboratorium Österreich", die letzte Woche an der Wiener Akademie der Bildenden Künste eröffnet wurde, präsentiert die Ergebnisse des Projekts, das noch bis Juli läuft.

Eva Blimlinger, Historikerin und Rektorin der Akademie, eröffnete das " Laboratorium Österreich" mit einer kurzen Geschichte: Am 23. März 1938 wurde den jüdischen Marktfahrern in Wien ihr Gewerbe verboten. Das Geschäftetreiben von "Nichtariern" würde die öffentliche Ordnung stören, war die Begründung. Durch den Verlust der Konzession verloren die Juden auch ihre Existenzgrundlage. "Das ist nur ein Beispiel, was in den Märztagen hier in Wien vor 75 Jahren passiert ist", sagte Blimlinger.

Erneut die Frage: Wie solche tiefgreifenden Ereignisse vermitteln? Blimlinger: "Wir können Mythen nachgehen und Antworten vorschlagen." Solche Antworten, die die gesellschaftliche wie persönliche Perspektive mit einbeziehen, will auch das "Laboratorium Österreich" anbieten.

Archive der Opfer und Täter

So treffen in einem Ausstellungsraum die Archive einer Opfer- und einer Täterfamilie aufeinander: Die Fotografien von Shimon Lev, dessen gesamte Familie mit der einzigen Ausnahme seines Vaters im Holocaust ermordet wurde, und der Webblog "Reichel komplex", in dem Friedemann Derschmidt, Leiter des "MemScreen"-Projekts, seine Familiengeschichte aufarbeitet - und sich damit Fragen der Schuld durch die Beteiligung seiner Vorfahren am Nazi-Regime stellt.

Die Künstler Tal Adler und Karin Schneider hinterfragen mit ihrer Arbeit " Zersprengte Fragmente", wie an Wiener Plätzen der Erinnerung, wie etwa in Museen oder an Denkmälern, Geschichte reproduziert wird. Auf die Exponate des Heeresgeschichtlichen Museums richten sie dabei ebenso ihre Kamera wie auf den altmexikanischen Federkopfschmuck (Penacho) im Museum für Völkerkunde. Im Visier sind auch sämtliche Ehrungen in Wiener Bezirksmuseen von Persönlichkeiten mit problematischer Vergangenheit, wie eine Büste von Wiens ehemaligem Bürgermeister mit antisemitischer Gesinnung, Karl Lueger, oder ein Ehrenzimmer für den Nazidichter Josef Weinheber.

In der künstlerischen Forschung geht es "nicht nur um das Beobachten", sagt Tal Adler. Vielmehr will er sich mit den Mitteln der Kunst auf einen Prozess des Überdenkens einlassen, wie Geschichte repräsentiert wird und an welche Medien Erinnerung gebunden ist. So gilt die Aufmerksamkeit vom "MemScreen" nicht primär der Aufarbeitung der Geschehnisse der Jahre 1938 bis 1945, sondern vielmehr der Erforschung der Prozesse des Vergessens und Erinnerns.

Adler hat mit dem Fotozyklus "Leveled Landscapes" außerdem zahlreiche - teils vergessene - Orte mit Kriegsvergangenheit abgelichtet, etwa das heutige Erholungsgebiet Viehofen bei St. Pölten, das während des Zweiten Weltkriegs als Konzentrationslager für ungarische Juden diente, oder den Swarovski-Kristallschriftzug "Yes to All" in Wattens, Tirol. Um der Geschichte der Schauplätze auf die Spur zu kommen, steht den Besuchern in der Ausstellung ein Archiv zur Verfügung, das Materialen zu ausgewählten Arbeiten versammelt. So ist zur Familie Swarovski in einer Publikation von Horst Schreiber nachzulesen, dass sie während der Kriegsjahre "einwandfrei nationalsozialistisch geführt" war. Betriebsführer und Familienmitglieder gehörten schon vor dem Parteiverbot von 1933 der NSDAP an.

Doch Adlers Fotografien fokussieren nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart und aktuelle Themen wie Fremdenfeindlichkeit. Das zeigt sich in einer Aufnahme des Wiener Stadtparks, in dem er ein Denkmal für Seibane Wague, der dort 2003 bei einem Polizeieinsatz gestorben ist, vermisst. Im Archiv finden sich wissenschaftliche Arbeiten, die den Fall aufarbeiten.

Um Antworten darauf zu finden, welche neuen Methoden die Kunst in die Wissenschaft einbringen kann, seien "Inseln des Outings" essenziell, meint Karin Schneider. Und eine solche Insel sei die Ausstellung " Laboratorium Österreich". (Tanja Traxler, DER STANDARD, 27.03.2013)

  • Im Projekt "Reichel komplex" erforscht Friedemann Derschmidt seine eigene Familiengeschichte und damit Fragen der Schuld seiner Vorfahren in der Nazizeit. Im Bild: Objekte aus dem Archiv des Künstlers, das neben Waffen und Zeichnungen auch ein Familienaufklärungsbuch der Nazis enthält.
    foto: laboratorium österreich

    Im Projekt "Reichel komplex" erforscht Friedemann Derschmidt seine eigene Familiengeschichte und damit Fragen der Schuld seiner Vorfahren in der Nazizeit. Im Bild: Objekte aus dem Archiv des Künstlers, das neben Waffen und Zeichnungen auch ein Familienaufklärungsbuch der Nazis enthält.

  • Wie Museen Geschichte erzählen, soll "Zersprengte Fragmente" hinterfragen. Im Bild: der Penacho im Museum für Völkerkunde.
    foto: adler

    Wie Museen Geschichte erzählen, soll "Zersprengte Fragmente" hinterfragen. Im Bild: der Penacho im Museum für Völkerkunde.

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