Das nahende Ende eines Parasiten

26. März 2013, 17:47
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Infektionen mit dem bis zu einen Meter langen Guineawurm sind extrem schmerzhaft - Bis 2015 soll er ausgerottet sein, doch der Endspurt gestaltet sich schwierig

Seit Jahrtausenden peinigt der Guineawurm Menschen in Asien und Afrika. Selbst in Mumien fand man seine Reste. Medikamente oder gar eine Impfung gegen den Parasiten existieren nicht, bis heute lässt er sich nur manuell entfernen: Schaut der Wurm zur Eiablage aus dem Fuß oder einem anderen Körperteil hervor, zieht man ihn ein kleines Stück heraus und wickelt ihn auf ein Stöckchen auf. Täglich nicht mehr als ein bis zwei Zentimeter, sonst reißt er ab.

In den letzten 26 Jahren gelang es, den Guineawurm (Dracunculus medinensis) massiv zurückzudrängen: Von 3,5 Millionen Infektionen im Jahr 1986 auf 542 Infektionen 2012. Laut einer aktuellen Mitteilung der WHO könnte der Guineawurm bis 2015 ganz eliminiert werden. Seine Ausrottung wäre eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Denn das Zurückdrängen des Parasiten geht vor allem auf die konsequente Aufklärung der Bevölkerung zurück. "Die Drakunkulose ist eine der seltenen Krankheiten, die sich durch eine Änderung des Verhaltens ausrotten lässt", sagt Dieudonné Sankara, Epidemiologe bei der WHO.

Kein sauberes Trinkwasser

Um sich vor einer Infektion zu schützen, müssten Menschen vor allem eines berücksichtigen: sauberes Wasser trinken. Weltweit haben allerdings noch immer 900 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Sie holen es aus Tümpeln und Teichen, wo in Äthiopien, Mali, Südsudan und Tschad bis heute auch die Larven des Guineawurms in winzigen Wasserflöhen leben.

Gelangen sie in den Menschen, entwickeln sie sich weiter und paaren sich. Nur die weiblichen Würmer, die bis zu einen Meter lang werden, überleben. Etwa ein Jahr nach der Infektion bahnen sie sich einen Weg in die Beine und rufen Geschwüre und qualvolle Schmerzen hervor. Die Betroffenen können sich oft kaum bewegen. Versuchen sie ihre schmerzenden Glieder im Wasser zu kühlen, entlässt das Weibchen tausende Eier, und der Kreis schließt sich.

Eine Infektion mit dem Guineawurm ist zwar nicht tödlich, aber sie belastet die Betroffenen massiv. Auch die wirtschaftlichen Folgen des Parasiten sind erheblich. In Nigeria nennen Menschen die Krankheit "Armut", in Mali heißt sie die "Krankheit der leeren Kornkammern". Denn früher, wenn ein Großteil des Dorfes infiziert war, lagen die Felder brach, und die Ernte fiel aus.

Aufklärung über Ansteckung

Um den Zyklus zu unterbrechen, klären NGOs wie UNICEF und das Carter-Center, das auf eine Initiative des Ex-US-Präsidenten Jimmy Carter zurückgeht, die Bevölkerung über die Ansteckungswege auf, zeigen ihnen, wie man Wasser durch ein Tuch filtert, und bilden Aufsichtspersonen aus den Dörfern aus. Diese achten unter anderem darauf, dass kein Infizierter die Gewässer zur Trinkwasserversorgung betritt.

Der Krieg in Mali sowie die Unruhen im Südsudan bereiten allen Beteiligten Sorge, denn die Konflikte können die Ausrottung des Guineawurms gefährden. Untersuchungen zeigen, dass ein Befallener im Durchschnitt 300 Mitmenschen infiziert, wenn er nicht umgehend aufgeklärt und behandelt wird. "Die Organisationen versuchen ihre Arbeit fortzusetzen, aber es gibt bereits einige Gebiete, in die sie nicht mehr vordringen können", sagt Sankara.

Die Flucht vieler Menschen aus diesen Regionen verschärft die Situation. 150.000 Menschen haben Mali bereits verlassen und leben in Flüchtlingslagern. In Nigeria - das 2011 als drakunkulosefrei erklärt wurde - wurden 2012 wieder drei Guineawurm-Infektionen entdeckt. Betroffen waren drei Flüchtlinge aus Mali. (Juliette Irmer, DER STANDARD, 27.3.2013)

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    Sieht grauenvoll aus und bereitet grauenvolle Schmerzen: Ein Guineawurm wird vorsichtig ein Stück weit aus dem Fuß eines Mädchens gezogen.

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