Amerika träumt vom Öl-Unabhängigkeitstag

26. März 2013, 17:39
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Die gestiegene Produktion von Schiefergas hat die Energiekosten in den USA in den Keller getrieben und lockt Industriekonzerne an

Eine goldene Ära soll es werden. Die deutlich gestiegene Produktion von Öl und Gas aus Schiefervorkommen hat nicht nur die Kosten für Energie in den USA gedrückt, sondern auch die Hoffnung von Ökonomen, Politikern und Investoren geschürt. Seit 2009 ist die Öl- und Gasförderung in den USA um knapp 30 Prozent gestiegen: "Das Ergebnis ist, dass die Erdgaspreise in den USA real auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren gefallen sind", so Thomas Helbling, leitender Ökonom beim Internationalen Währungsfonds.

Auch als der heimische Stahlkonzern Voestalpine mehr als eine halbe Milliarde Euro in ein neues Werk in den USA investiert hat, waren die niedrigeren Energiekosten ein wichtiger Faktor. Zum Vergleich: In den USA kostet Erdgas nur rund vier Dollar je Messeinheit. In Europa müssen Verbraucher je nach Herkunft des Gases rund das Dreifache, in Asien sogar das Vierfache bezahlen, betont Robert Ineson, Energie-Analyst bei IHS Global. Der Begriff "Reindustrialisierung" der USA macht bereits die Runde.

Schnelles Wachstum

Die Fakten sprechen eine klare Sprache: die Produktion der US-Unternehmen ist seit 2009 deutlich schneller als die übrige Wirtschaft gewachsen. Im Vergleich zu anderen industrialisierten Volkswirtschaften in Europa oder Asien wächst die Produktion fast doppelt so schnell. Analysten überschlagen sich geradezu mit positiven Einschätzungen. Die US-Großbank Citigroup hat in einer aktuellen Studie geschätzt, dass bis 2020 annähernd 3,6 Millionen neue Jobs durch den Gasboom geschaffen werden. In dem Papier mit dem klingenden Titel "Energie 2020: Unabhängigkeitstag" skizzieren die Bankanalysten eine rosige Zukunft für die US-Wirtschaft. Dazu passt, dass dank höherer eigener Förderung von Schieferöl die Importe des schwarzen Goldes in den USA auf den niedrigsten Stand seit 1999 gefallen sind.

Auch die Internationale Energieagentur in Paris spricht von einer " goldenen Ära" für die Gasbranche. Bis 2020 könnte die US-Energieproduktion dank hoher Steigerungen bei Schieferöl und Schiefergas um mehr als 50 Prozent zulegen, mit großen Folgen für die globalen Energiemärkte.

Zuletzt haben etwa energieintensive Branchen wie der Chemiekonzern Dow Chemical Milliardeninvestitionen im neuen Erdgas-Gürtel der USA angekündigt. Allein vier Milliarden Dollar will Dow Chemical investieren, laut einer Analyse der Beratungsfirma PwC haben Chemiekonzerne ihre Kapazitäten bereits um ein Drittel ausgeweitet und mehr als 15 Milliarden Dollar investiert. IHS Global rechnet insgesamt mit Investitionen von mehr als 95 Milliarden Dollar, um bestehende Fabriken aus- oder neue zu bauen.

Zu früh für Jubel

Es sind Ansiedelungen wie diese, die das Wachstum in den USA relativ stabil halten. Die US-Notenbank Fed, die in den vergangenen Jahren immer wieder die lahmende US-Wirtschaft gestützt hat, lobt in ihren Konjunktureinschätzungen "die robuste Expansion der Schiefergasproduktion", zuletzt Anfang März. So ist die Wirtschaft North Dakotas zwischen 2010 und 2012 mehr als 20 Prozent gewachsen, mehr als dreimal so schnell wie die gesamte US-Wirtschaft. Doch für eine breite "Re-Industrialisierung" in den USA gebe es noch wenig Hinweise, argumentiert der Ökonom Jan Hatzius, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs. Aktuell macht die US-Industrie knapp zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung aus. In den 1980er-Jahren lag dieser Anteil noch doppelt so hoch. Billigere Energie allein reiche nicht aus, um an die alten Zeiten anzuschließen, sagt Hatzius. Zuallererst müsse sich die Weltwirtschaft deutlich erholen.

Mittlerweile stößt der Energieboom auch an seine Grenzen. So mussten 2012 die Prognosen zur Ausschöpfung wichtiger Erdgasquellen massiv gedrosselt werden. Neue Förderungen wurden unattraktiv, weil sie sich angesichts teurer Technik und niedriger Preise nicht mehr rechneten. Bleibt die Förderung aus, könnten die Gaspreise also wieder steigen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 27.3.2013)

  • Der US-Gasboom ist aus dem All sichtbar. Das Satellitenbild zeigt die Vereinigten Staaten bei Nacht. Das abgefackelte Erdgas erhellt das dünnbesiedelte North Dakota wie eine Großstadt.
    foto: nasa

    Der US-Gasboom ist aus dem All sichtbar. Das Satellitenbild zeigt die Vereinigten Staaten bei Nacht. Das abgefackelte Erdgas erhellt das dünnbesiedelte North Dakota wie eine Großstadt.

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