Fracking lässt Geld in North Dakota sprudeln

Reportage26. März 2013, 18:04
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Der Boom beschert Donny Nelson leicht verdientes Geld. Nun plagt den Farmer die Sorge, alles könnte schiefgehen

Weit und breit kein Baum, nichts, was den Blick verstellt. Böiger Wind treibt Schnee über das flache Land. Ein Sprichwort sagt: Wenn dir hier dein Hund wegläuft, kannst du ihn drei Tage lang rennen sehen. Das Ende der Welt? Nicht für Donny Nelson: Am Fuße des Tableview Mountain hatte sich sein Urgroßvater angesiedelt. Ein "Homesteader", der das Stück Prärie, das er urbar machte, behalten durfte. Nels Langeland war aus Norwegen ausgewandert, vor gut hundert Jahren. Er züchtete Rinder und baute Hartweizen an. Seine Söhne erbten später die karge Ranch und nannten sich Nelson, was amerikanischer klang als Langeland.

Einfach war es nie. Guten Zeiten folgten schlechte, je nachdem, wohin sich an der Chicagoer Börse die Fleisch- und Getreidepreise bewegten. Noch kürzlich überlegten Geografen, ob man das Land am Sakakawea-Stausee nicht wieder den Büffeln überlassen sollte, weil die Einöde ganz einfach keine Zukunft versprach.

"Haaard, haaard times", murmelt Donny, die Worte melancholisch in die Länge ziehend. Dabei ist Donny Ölbaron. Nicht dass man es ihm anmerken würde. Sein bärtiges Haupt von einer Baseballkappe bedeckt, steht er im eisigen Wind. Sein Haus, eine Blockhütte aus oberschenkeldicken Balken, hat er selbst gezimmert. Sehr bescheiden. Nur die Harley in der Garage, blitzblanker Chrom, die hat er sich als Luxus gegönnt. "Oil money", sagt der Bauer und kratzt sich verlegen am Hinterkopf.

Öl und Gas mittels Fracking

Donny braucht nur den nächsten Hügel hinaufzufahren, um die Ölpumpen zu sehen, knapp ein Dutzend in einer Reihe. Die Einheimischen nennen sie " horse pumps", weil sie an ein dahintrottenden Pferd denken lassen.

In der Ferne blitzt das Stahlgerüst einer Fracking-Anlage, umgeben von blauen Containern, wie ein Aussichtsturm. Stellenweise liegt sie drei Kilometer unter der Erde, die Gesteinsschicht, in der das schwarze Gold lagert - benannt nach Henry Bakken, der als einer der Ersten Bohrungen auf seiner Farm gestattete. Der Schiefer der Bakken-Formation ist nicht porös genug, als dass eingeschlossene Öl- und Gasblasen von allein herausströmen würden. Erst wenn er aufgesprengt wird, wenn nach der Fracking-Methode Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck hineingepresst werden, gibt er seinen Schatz frei. 2004 erlebte North Dakota seine Fracking-Premiere, heute gibt es rund 8000 Bohrlöcher. In 20 Jahren werden es bis zu 50.000 sein.

Vor einem Szenario hat Donny Nelson besonders Angst: vor der Gefahr verseuchten Grundwassers. "Praktisch unmöglich", bekam er von den Ingenieuren zu hören, dazu liege die Bakken-Formation viel zu weit unter der Erde. Überzeugt hat ihn das nicht. "Du weißt nie genau, was passiert, wenn du die Erde aufknackst." Was, wenn sich Salzwasser und Chemikalien durch plötzlich entstandene Risse den Weg hinauf in die Süßwasserreservoirs bahnen? Was, wenn die Stahlrohre im Untergrund rosten und der Zement, der sie umhüllt, irgendwann bröckelt? Wenn Öl oder Schadstoffe aus den Rohren ins Grundwasser sickern? "Wo Menschen am Werk sind, machen sie Fehler", sagt Donny.

Andererseits: Das "oil money" ist ein willkommener Segen. 8000 Dollar (6200 Euro) kassiert er pro Monat, indem er der Hess Corporation Land verpachtet. "Das Geld macht vieles einfacher. Ich würde es hassen, müsste ich darauf verzichten."

Neue Perspektiven

North Dakota feiert den Aufschwung, gerade weil es in seiner Abgeschiedenheit lange Zeit das Aschenputtel war. Atomraketensilos, aber keine Perspektiven. Das war gestern. Heute ist die Arbeitslosigkeit mit drei Prozent die niedrigste der USA. Der Haushalt schreibt tiefschwarze Zahlen, vier Milliarden Dollar im Plus.

Dominic Rawlice hat wärmere Gefilde verlassen, um in North Dakota sein Glück zu versuchen. In Oklahoma errichtete er endlose Zäune um endlose Farmen, hier verlegt er Ölrohre. Daheim verdiente er neun Dollar die Stunde, hier locker das Dreifache. Es gefällt ihm sehr, wenn seine Freunde ihn "Roughneck" nennen, so wie die zähen Ölarbeiter. "Es geht darum, Chancen zu nutzen. Und ich nutze sie, in der verdammt noch Mal kältesten Ecke Amerikas", sagt Dominic. In seinen Adern fließt das Blut von Cherokees, im Geiste ist er Republikaner. "Zum Teufel mit Uncle Sam! Du musst deinen Hintern schon selber hochkriegen!" Sobald das Geld für ein Haus reicht, will der 31-Jährige zurück nach Oklahoma und eine Familie gründen.

Wenn Rebecca Dechamps aus ihrem schäbigen Wohncontainer ins Freie tritt, liegt ihr das weite Tal des Missouri zu Füßen. Ein grandioser Anblick, wären da nicht die Autowracks. Seit Weihnachten lebt die Hidatsa-Indianerin mit ihrem Mann und zwei Söhnen auf einer Schrotthalde bei New Town. Eine Vertriebene des Ölrauschs. Ihren alten Trailerpark in Prairie Winds musste sie räumen. Der Besitzer hatte "Dollarzeichen in den Augen", schimpft sie. Der neue Trailerpark, namenlos, ist ein trauriges Provisorium.

Ward Koeser ist Bürgermeister von Williston - ehrenamtlich. 1994 war es tatsächlich bloß ein Nebenjob, doch heute hat er kaum noch Zeit für seinen Hauptberuf in der Telekommunikationsbranche. Er nimmt ein Marmeladenglas vom Regal und schnuppert selig an der dunkelbraunen Flüssigkeit. Öl! Wegen Bakken platzt Williston aus allen Nähten, wegen Bakken ist Wohnraum so knapp, dass die Vorarbeiter in Barackensiedlungen leben, während sich die Hilfskräfte zu dritt oder viert in einen Campingwagen quetschen müssen. Wegen Bakken verdreifachte sich Willistons Bevölkerung, wegen Bakken kletterten die Wohnungsmieten auf 2500 Dollar für zwei Zimmer. In Nachtclubs wie dem Heartbreakers verdienen Stripperinnen aus Osteuropa an einem Abend bis zu 2000 Dollar, jedenfalls meldet das die Gerüchtebörse.

Historisches Lehrstück

Doch Bürgermeister Koeser ist zu sehr gebranntes Kind, als dass er sie nachbeten würde, die schönen Slogans vom "Saudi-Arabien in der amerikanischen Prärie". Er hat alles schon erlebt: den Rausch des Aufschwungs, dem der Kater der Krise folgte. Mitte der 1980er-Jahre war das, eine Lehrstunde, wie er sagt: Dass die Erde unter Williston Ölreserven birgt, wusste man bereits seit den 1950er-Jahren. Nach dem Opec-Embargo der 1970er war es sinnvoll, sie zu heben - nicht im Bakken-Gestein, sondern in anderen Schichten. Doch als der Rohölpreis in den Keller rauschte, folgte der Katzenjammer.

Heute schwärmen die Ölmänner vom Energiehunger Chinas, von stabil hoher Nachfrage, von einer 30-jährigen Hausse. Doch Koeser bleibt nüchtern: "Nun, meine Ersparnisse würde ich nicht darauf verwetten." (Frank Herrmann aus Williston, DER STANDARD, 27.3.2013)

Wissen

Fracking saniert den Bundesstaat

"Hydraulic Fracturing" oder "Fracking" ist eine Methode zur Förderung von Erdöl und Erdgas, bei der ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in Bohrlöcher eingepresst wird. Dadurch werden für die Öl- und Gasförderung ansonsten zu wenig poröse Gesteinsschichten aufgebrochen ("fracturing"), und zuvor unrentable Vorkommen können so wirtschaftlich ausgebeutet werden.

Seit das - ökologisch umstrittene - Fracking in North Dakota flächendeckend angewandt wird, ist der nördliche Bundesstaat zum zweitgrößten US-Ölproduzenten mit 660.000 Barrel pro Tag aufgestiegen, hinter Texas, aber noch vor Alaska (Saudi-Arabien: rund zehn Millionen). Von jedem Petrodollar behält der Bundesstaat 11,5 Cent ein, bei insgesamt nur 673.000 Einwohnern ein schöner "Sparpolster". (fh)

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    Wäre da nicht der neue Ölboom, wäre North Dakota bloß ein weites Land ohne Perspektive. Fracking stößt allerdings auch auf Ablehnung.

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