Russen lecken ihre zypriotischen Wunden

27. März 2013, 05:30
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Die Russen sollen trotz Zwangsabgabe in Zypern gehalten werden. Niedrige Steuern werden dabei eine Rolle spielen

Durch die harten Einschnitte im zypriotischen Bankensystem drohen die Insulaner, ihrer Russen verlustig zu gehen. Das könnte der strauchelnden Wirtschaft den Rest geben.

Kaum Industrie

Glaubt man einer Statistik des Brüsseler Bruegel-Instituts, dann trägt der zypriotische Finanzsektor neun Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. "Nur" ist man versucht zu sagen, angesichts der Endzeitstimmung, die in der Aussage, Zypern blieben "nur noch die Strände" des schwedischen Finanzministers Anders Borg gipfelte.

So unrecht hat Borg freilich nicht. Zypern hat kaum Industrie, die überwiegende Mehrzahl der Menschen arbeitet in öffentlichem Dienst, Handel, Bauwirtschaft, Schifffahrt und Tourismus. Allesamt Beschäftigungsfelder, die besonders unter einem Sparkurs leiden. Griechenland hat das jüngst aufgezeigt.

Russische Kleinstadt

Da im Falle Zyperns auch ausländische Anleger mit ihrem Geld einen Staatsbankrott verhindern sollen, könnten diese geschröpften Kunden nach Singapur oder in ein anderes Niedrigsteuerland ziehen und der Mittelmeerinsel in Zukunft fern bleiben. Denkt man an die 30.000 Russen und über 20.000 Briten wäre das ein herber Schlag für das kleine Land mit seinen 860.000 Einwohnern.

Ob Friseure, Boutiquen oder Restaurants, alle müssten mit Einbußen rechnen. Vor allem dem im Süden der Insel gelegenen Limassol droht der Abstieg. Die Stadt ist vor allem bei den Russen beliebt. Es gibt dort Inserate auf kyrillisch, Lokale mit russischen Spezialitäten, die Wochenzeitung "Vestnik Kipra" und sogar den Radiosender "Russkaja Wolna", die russische Welle. Der bequeme Online-Visumantrag und die noch aus der Zeit der blockfreien Staaten stammenden guten diplomatischen Beziehungen locken vor allem Menschen aus Moskau in die scherzhaft "Limassolgrad" genannte Küstenstadt.

Kind und Kegel

Die meisten Russen, die in Zypern ein zweites Leben begonnen haben, haben ihr Geld in ihrer Heimat gemacht. Investiert haben sie in Hotels, Banken oder über Briefkastenfirmen, derer es im Land 40.000 gibt. Hergezogen sind sie nicht, weil sie zu Hause Angst vor der hohen Besteuerung haben. Es sei vielmehr die Willkür der russischen Bürokraten, die Kontakten zur Unterwelt geschuldet  sei, ausschlaggebend. Zumindest hört man dieses Argument oft.

"Es ist leichter, Geld zu verdienen, als es beisammenzuhalten", wird Alexej Wolobojew in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zitiert. Der mit Öl reich gewordene Familienvater betreibt auf der Insel ein Weingut, das Lokal "Taras Bulba" in Limassol und den erwähnten Radiosender. Seine Investitionen haben Wolobojew die zypriotische Staatsbürgerschaft eingebracht. Der Preis für einen Pass liege gegenwärtig bei 20 Millionen Euro.

Die Russen bringen aber nicht nur Geld und Lebensart, sondern auch Personal von zu Hause mit. Im "Taras Bulba" servieren Russinnen den Wodka. Aber auch russischsprachige Köche, Fahrer und Gärtnerinnen werden von den Zuzüglern ins Land geholt. Diese Saisonniers sind mit ein Grund dafür, warum von den bis zu 30.000 im Land lebenden Russen nur 8.000 dauerhaft gemeldet sind.

Warten auf das Gas

Zu den auf der Mittelmeerinsel lebenden Russen gesellen sich noch 500.000 urlaubende Landsleute. Fast jeder vierte Urlauber kommt aus Russland, von Moskau aus fliegt man nur vier Stunden. Spendierfreudig sind sie auch, über 100 Euro fließen pro Urlaubstag in die lokale Wirtschaft.

Die Insel soll nun als Wellness- und Tagungs-Destination etabliert werden, fordert der frühere zypriotische Präsident Georgios Vassiliou gegenüber der Zeit. Nach dem Wegfallen der Bankgeschäfte sollen die Urlauber die Lücke füllen. Zumindest bis die Gasvorkommen im Mittelmeer erschlossen werden.

Banker suchen neue Aufgaben

Vom Finanzparadies verabschiedet haben sich die Zyprioten aber noch nicht. Durch die aktuellen Probleme solle man sich sein zuverlässiges Rechts- und Steuersystem samt Anwälten und Steuerberatern nicht madig machen lassen, ist Ex-Präsident Vassiliou überzeugt.

Dazu gibt es erste Anzeichen. So soll die für Firmen wichtige Körperschaftssteuer nur leicht über zehn Prozent steigen, die Zwangsabgabe auf Bankeinlagen über 100.000 Euro einmalig sein. Zur Budgetsanierung sind höhere Lohnsteuern im Gespräch. Das würde den Russen den Verbleib im Land versüßen, sind sie doch primär als Unternehmer im Land präsent.

Zudem könnte das Gefühl über die Vernunft siegen. "Einmal einen Winter in Moskau verbracht, fährt man lieber nach Zypern", ist der österreichische Wirtschaftsdelegierte Bruno Freytag überzeugt. Um ganz sicher zu gehen, sollte auch die orthodoxe Konfession als gemeinsames Band herhalten. Denn warm ist es in Singapur auch. (sos, derStandard.at, 27.3.2013)

Links

Bruegel-Institut: "An Eye on Cyprus"

FAZ: "Oligarchen und ihre Diener"

Zeit: "Unser Geschäftsmodell war gut"

Wissen

Der Ratingagentur Moody's zufolge haben russische Banken, Unternehmer und Privatpersonen rund 20 Milliarden Euro auf zypriotischen Bankkonten.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zwei russische Geschäftsleute in Limassol. Sie können vor Ort dem russischen Radio lauschen - oder dem Meer.

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