Rundschau: Metamorphosen für Sie und Ihn

    Ansichtssache6. April 2013, 10:13
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    Neues von Kim Stanley Robinson, Jo Walton, Karsten Kruschel und Karin Tidbeck, dazu eine Erinnerung an Paul di Filippo

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    coverfoto: edition lacerta

    Frank W. Haubold: "Odyssee in Rot: Mars-Geschichten"

    Broschiert, 238 Seiten, € 8,92, Edition Lacerta 2012 

    Die längste und zugleich einer meiner Lieblingsgeschichten in dieser Storysammlung, "Die Tänzerin", lässt sich lange bitten, bis der Mars ins Spiel kommt. Sie dreht sich um eine russische Primaballerina im Spätsommer ihrer Karriere, die sich das Selbstbewusstsein einer echten Diva erarbeitet hat, aber immer noch von ihren Erinnerungen getrieben wird. Lena Romanowa lässt sich zu einem Gastauftritt in ihrem alten Heimatkaff überreden und schlittert in eine Katastrophe. Das ergibt in sich eine so runde Sache, dass man denkt: Okay, Haubold wollte wie angekündigt seine Mars-Geschichten sammeln und hat diese eine einfach dazugestellt, weil sie gut ist. Aber dann taucht der Mars ja doch noch auf und verleiht dem Ganzen ein poetisches Nachspiel.

    Neue Mars-Chroniken

    Zugleich ist "Die Tänzerin" ein gutes Beispiel für eines der typischen Merkmale von Frank W. Haubolds ("Die Gänse des Kapitols", "Die Kinder der Schattenstadt") Erzählungen: Unvorhersagbarkeit. Neun Kurzgeschichten, geschrieben zwischen 2001 und 2007, sind in "Odyssee in Rot" enthalten und es hat sich gelohnt, sie noch einmal zusammenzufassen. Inspiriert sind sie laut Vorwort von Ray Bradburys "Mars-Chroniken", was für mich nicht automatisch verheißungsvoll klingt (mehr dazu später). Aber Haubold hat zum Glück seine ganz eigene Art zu erzählen.

    Eine Parallele ist natürlich der Aufbau: Auch "Odyssee in Rot" präsentiert sich als chronologische Aneinanderreihung von Episoden, den Hintergrund bilden die fortschreitende Besiedelung des Mars durch irdische Auswanderer und ein eskalierender Krieg auf der Erde. Die Geschichten selbst sind nur lose verbunden. Die eine oder andere Figur taucht nach "ihrer" Geschichte noch einmal kurz auf - allen voran Martin Lundgren, der erste Mensch, der den Mars betreten hat. Seine metaphysischen Erlebnisse in der anfänglichen Titelgeschichte und in der letzten Erzählung des Bands ("Kalte Nacht") bilden eine ähnliche inhaltliche Klammer wie die Begegnungen Jean-Luc Picards mit Q am Anfang und Ende von "Next Generation".

    Der menschliche Faktor

    Womit bereits angedeutet ist: "Odyssee in Rot" ist keine Hard-SF wie Kim Stanley Robinsons "Mars-Trilogie". Haubold geht es um die Menschen und ihre ganz persönlichen Beweggründe dafür, sich zu einer neuen Welt aufzumachen. Der 15-jährige Kindersoldat, der sich in "Warchild" als blinder Passagier einschleicht, die Freelance-Agentin, die in "Die Frau im Schatten" auf dem Mars auf einen ihrer alten Fälle trifft, der Plutokrat, der sich in "Die weißen Schmetterlinge" eine ganz besondere Art von Gedenkstätte errichten lässt.

    Selten sind die Motive der ProtagonistInnen so prosaisch wie in "Die alten Männer", wo der Mars als neues Paradies ohne Kriminalität, Terrorismus und Umweltverschmutzung beworben wird. Meistens sind es sehr intime Beweggründe. Erinnerungen, Reue, die Hoffnung auf eine zweite Chance und der Wunsch, Vergangenes rückgängig zu machen, sind die zentralen Motive der Geschichten.

    Der Mars fungiert dabei als Projektionsfläche für all diese Wünsche und ist bis zu einem gewissen Grad sogar austauschbar. So beschließt der leicht angestaubte John in "Der Bibliothekar", dass er sein Leben auf der Erde hinter sich lassen wird ... stellt sich während der Reisevorbereitungen insgeheim aber die Frage, ob er sich nicht vielleicht wünschen sollte, dass das Schiff den Mars gar nicht erreicht. Wie in vielen anderen Geschichten bleibt auch hier etwas Ungesagtes zurück.

    Magic Realism

    Wenn sich der steinreiche und steinalte Lewis in "Die weißen Schmetterlinge" eine Erinnerungsblase schafft, in der er einen entscheidenden Moment seines Lebens rekonstruiert und verändert, dann handelt es sich dabei um einen real existierenden Ort, aus dem Marsboden gestampft mit allen Mitteln der Technik, die Lewis zur Verfügung stehen. Beim Protagonisten von "Der traurige Dichter", der in einem Gewächshaus in der Marswüste lebt, sieht dies schon anders aus. Er setzt seine Vergangenheit in Geschichten um, die schließlich Realität annehmen. 

    Orte, die besser gemieden werden, Stimmen aus dem Sandmeer, flüchtige Blicke auf schattenhafte Bewohner des Mars und Visionen, die Gestalt annehmen: Mehrfach verschwimmen in "Odyssee in Rot" die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Fantasie und Wirklichkeit - siehe auch "Warchild", das letztlich eine Orpheus-Geschichte in einem SF-Setting ist. In Bradburys "Mars-Chroniken" gab es nur eine vergleichbare Geschichte, "Night Meeting", in der ein Erdenmensch und ein Marsianer aufeinandertreffen. Beide scheinen aus unterschiedlichen Zeiten zu stammen: Wo der eine prachtvolle ur-marsianische Städte voller Leben sieht, kann der andere nur verlassene Ruinen und die Zeichen der neuen Kolonialisierung ausmachen. Es bleibt offen, wer von beiden "die" Realität wahrnimmt.

    Ray Bradbury war einer der größten Stilisten, die die Phantastik jemals hervorgebracht hat. Allerdings fand ich seine Magic-Realism-Erzählungen immer sehr viel überzeugender als seine Science Fiction; man möge mir die Blasphemie verzeihen. Für meinen Geschmack hat sich Frank W. Haubold also vom bestmöglichen Teil des Vorhandenen inspirieren lassen und daraus etwas Eigenes geschaffen. Sehr schöne Sammlung.

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