Rundschau: Metamorphosen für Sie und Ihn

Ansichtssache6. April 2013, 10:13
42 Postings
Bild 1 von 11
coverfoto: wurdack

Karsten Kruschel: "Vilm. Das Dickicht"

Broschiert, 310 Seiten, € 10,30, Wurdack 2013

Die Rundschau beginnt mit meinem bisherigen Lieblingsbuch mit Datumsstempel "2013". Je nach Zählung ist es der dritte oder vierte Band in Karsten Kruschels "Vilm"-Reihe - hängt davon ab, ob man "Galdäa" mitrechnen will oder nicht. Ich hatte mit "Galdäa" seinerzeit ein paar Schwierigkeiten, insbesondere formaler Art, weil dafür ältere Texte wiederverwendet wurden und die "Retroactive continuity" mich nicht ganz überzeugt hat. Jetzt aber kehren wir wieder auf den namensgebenden Schauplatz zurück. Und es ist der bisher beste "Vilm"-Roman von allen vieren.

Rückkehr nach Vilm

Die Handlung setzt etwa eine Generation nach den in Band 1 geschilderten Ereignissen ein. Nachdem ein Kolonistenschiff auf Vilm eine Crashlandung hingelegt hatte, musste man sich mit dem dauerverregneten und pflanzenüberwucherten Planeten irgendwie arrangieren. Kruschels Einfallsreichtum, was die erforderlichen Anpassungen betrifft, ist groß. So lernen wir in "Das Dickicht" beispielweise das Konzept der Weitergereichten Häuser kennen: Mobile Wohnkabinen, die sich von den Tentakeln der vilmschen Wälder in einem endlosen Kreislauf auf- und abbewegen lassen.

Die wichtigste Anpassung bleibt aber die Symbiose, die die Nachfahren der Pioniere mit den einheimischen Eingesichtern - optisch sechsbeinigen Hunden ähnelnd - eingegangen sind. Bis auf ein paar Relikte aus der Gründergeneration wie die einarmige Eliza ist jeder Vilmer nun ein auf zwei Körper verteiltes Individuum. Diese Körper sind getrennt voneinander einsetzbar, und doch steckt nur ein Geist dahinter. Beim Lesen kommt man da immer wieder ins Stolpern: Ein sehr schöner Effekt, der sich auch nicht abzunutzen scheint.

Besucherströme

Mehr noch als in Band 2 wird Vilm zum Ziel diverser Besucher von draußen. Insbesondere das Wolkengebirge, auch Supergestrolch genannt, hat es ihnen angetan: Ein kilometerhoher Wall aus Vegetation (vilm-typisch weder ganz pflanzlich noch tierisch), der sich um den Äquator zieht und in jeder Beziehung das Herz des Planeten darstellt. Der Raumfahrer Sergios Thanassatrides will seine Vermutung beweisen, dass es sich dabei um einen gigantischen organischen Computer handelt. Vertreter diverser Religionen glauben gar Gott darin zu erblicken - und andere haben es schlicht auf die zahllosen psychotropen Substanzen abgesehen, die der vilmsche Urwald liefert.

... jede Menge zu tun also für den planetaren Administrator Will und seine Helfer, damit ihre beschauliche Welt nicht allzutief in den Strudel galaktischer Interessenpolitik gerät. Deren wichtigste Akteure bleiben weiterhin geheimnisvoll, da Kruschels Vorgangsweise so ziemlich die Antithese zu Infodumps ist. Gut, die merkantile Bruderschaft der Goldenen kennt man mittlerweile ein bisschen besser (und versucht das geistige Auge zuzukneifen, wenn sie fett und nackt in ihren transparenten Schutzanzügen durch die Gegend stapfen ...). Doch was steckt hinter dem Päpste-Kollektiv (bzw. Päpstinnen-Kollektiv) und all den unzähligen konkurrierenden Splitterreligionen? Oder hinter den schon früher erwähnten ominösen Dunkelwelten? Aus einem Nebensatz erfährt man diesmal immerhin, dass eine Familie dort offenbar eine geradezu unglaubliche Zahl von Individuen umfasst. Begierig saugt man solche Info-Tröpfchen auf und wünscht sich langsam ein Vilm-Wiki.

Ökologie, Mysterien ...

Kruschel hat seinen Roman mosaikartig angelegt. Weder Will noch Sergios oder sonst jemand ließe sich wirklich als Hauptfigur bezeichnen. Diese Rolle nimmt Vilm bzw. das Supergestrolch selbst ein. "Er" bestimmt letztlich das Geschehen, und es ist ein ebenso vielseitiger wie unberechenbarer Player: Einer, der mit sich leben lässt und von seinen menschlichen BewohnerInnen auch mal Hilfe braucht, der sich aber auch - wenn nötig - zur Wehr setzt. Und der sich vor allem niemals, niemals, niemals in die Karten blicken lässt. Was zugleich den Roman selbst widerspiegelt, der sich dankenswerterweise in keinerlei Schema pressen lässt.

Nur Verwandtschaften, die gibt es natürlich. Ökologisch motivierte SF à la Ursula K. LeGuin oder Joan Slonczewski mag die mütterliche Seite bilden, die märchenartigen SF-Welten Cordwainer Smiths die väterliche. Dazu kommt aber noch ein drittes Element, das in "Das Dickicht" noch viel stärker durchschimmert als in den vorherigen Bänden: Humor. Und der ist von einer ganz besonderen Sorte. 

... und genialer Witz

Sei es das stets einen Tick eigenwillige Wording (Gestrolche, Wurbls, Geländekugler), sei es haarsträubende Situationskomik (etwa wenn ein Flottenangehöriger als Ersatzkind an den Zitzen eines Muttertiers landet, dessen Junge er versehentlich getötet hat): Vom Tonfall her erinnert mich Kruschels Humor ganz stark an den eines AutorInnen-Paars aus der DDR, das ich niemals müde werde zu empfehlen: Johanna und Günter Braun. Und da Kruschel selbst aus dem Osten Deutschlands stammt, ist anzunehmen, dass deren g-r-o-ß-a-r-t-i-g-e-s Werk seinen Einfluss auf ihn hatte.

Kennzeichen? Schwer zu beschreiben, ich versuch es mal so: Mit bestenfalls einem resignierten Achselzucken nehmen die ProtagonistInnen der Brauns Situationen hin, die so absurd sind, dass jeder mit weniger Contenance sich vor Lachen brüllend am Boden winden müsste. Oder Selbstmord begehen. Wie kein anderer seit den Brauns trifft Kruschel diesen ganz speziellen Ton, der zwischen dem totalen Irrsinn und leiser Ironie angesiedelt ist. Wie schreibt Kruschel doch zur peinlichen Selbstinszenierung eines religiösen Potentaten? Dann warf er sich der Länge nach auf den Boden, der seiner Überzeugung nach den göttlichen Gesandten hervorgebracht hatte. Zur Begrüßung und als Ausdruck seiner Dankbarkeit küsste er den Boden des Regenplaneten. Der Boden, halb flüssig, versuchte auszuweichen.

"Vilm. Das Dickicht" lässt sich leicht zusammenfassen: Das pure Vergnügen.

 

weiter ›
Share if you care.