Männergeschichten und Ausländersachen

Rezension26. März 2013, 13:07
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Klischeehafte und abgegriffe Konflikte im "Problembezirk" Ottakring: Die neue ORF-Serie "CopStories" - ein klassischer Fall von gut gemeint

Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Nachbarn am Wiener Yppenplatz, Schutzgeld-Erpressung in türkischen Delikatessläden in Ottakring, Drogenhandel ebenda und natürlich Pokern mit dem Mafiaboss: Das sind die Aufgaben der "Problembezirk"-Kripo in der gerade im ORF angelaufenen Serie "CopStories".

Wien: Gefährlich wie Bad Tölz

Wie so oft in Krimiserien schlägt auch bei der neuen ORF-Eigenproduktion das "Bulle von Tölz"-Problem zu: Die Dichte der schweren Fälle ist schwer unglaubwürdig. Ottakring wird zur Bronx hinunterstilisiert, die Eskalationen im "authentischen" Umfeld des Migrantenbezirks wirken bemüht, aufgesetzt und unfreiwillig komisch. Eine realistische Betrachtung der Polizeiarbeit in einem Wiener "Problembezirk" würde wahrscheinlich eher eine Komödie als einen spannenden Thriller abgeben.

Internationaler Penisvergleich

In der Serie aber, die zeigen möchte, "wie das Leben so ist" (O-Ton Alexander Wrabetz), und die sich des "garantiert konfliktreichen Zusammenlebens" annehmen will, werden die "alltäglich" aufkommenden Probleme in einer Wiener Polizeistation regelmäßig durch pure Testosteron-Portionen gelöst. Die Missachtung polizeilicher Richtlinien schadet nicht nur so gar nicht, sondern ist meist einziger Lösungsweg am harten Ottakringer Pflaster. Wien ist Chicago geworden! Da muss man im Lauf der Ermittlungen Zivilisten und/oder Verdächtigen ordentlich auf den Tisch (oder Kopf) hauen, provozieren, sie (mit der Pistole) bedrohen. Aber keine Sorge, die Migranten-Männer wissen sich auch zu helfen - schließlich geht's um die Ehre! Zwei Testosteron-Welten treffen hier in einem Pheromon-Spektakel aufeinander, in dem derjenige gewinnt, der der größere Macho ist.

Exekutiv-Geschichten

Gleich in der ersten Folge der Polizeig'schicht'ln stirbt ein Mann während unkontrollierter und ungerechtfertigter Polizeigewalt. Aber was für ein Glück - der junge Outlaw mit rechtsextremer Vergangenheit, der das migrantische Opfer attackiert, trägt im Endeffekt gar keine Schuld an dem tragischen Tod. Nein, just in dem Moment, in dem der Blond-Blauäugige den Dunkelhaarig-Bärtigen packt, bekommt Zweiterer einfach einen Herzinfarkt. Drogeninduziert natürlich! Da wird die schon vorzeitig einen Skandal witternde, immer mit fraglicher politischer Agenda inszenierte Integrationsstadträtin (eine Mischung aus Alev Korun und Maria Vassilakou) genüsslich zurückgepfiffen. So eine Imagination ist dreist und in Anbetracht der Geschichte polizeilichen Fehlverhaltens und systematischer Polizeigewalt gegen Migranten in Österreich und deren Vertuschung unerträglich zynisch.

Fragwürdige Verfahren

Natürlich gibt es in "CopStories" auch den einen oder anderen Erzählstrang, in dem Kriminalität auch von Österreichern ausgeht - gar so viele migrantisch aussehende Schauspieler will man dem Publikum dann doch nicht zumuten. Da zünden beispielsweise zwei Schülerinnen den Kopf ihres Lehrers an, der diese im Gegenzug unter polizeilicher Aufsicht schlagen darf. Auge um Auge, Zahn um Zahn - in einer perversen Verdrehung wird hier die (Scharia-)Vorstellung von Gerechtigkeit fiktional legitimiert, vor deren Import durch "unkontrollierte Migration" die Österreicher solche Angst haben.

Neben solchen - sagen wir - unkonventionellen Arten der Durchsetzung von Gerechtigkeit gibt es in "CopStories" auch andere Formen der Sühne. Ein offen rassistischer Kollege - der Einzige in der ganzen Station, der überhaupt fremdenfeindliche Kommentare ablässt - wird ständig vom Umfeld und seinem Chef zurechtgewiesen und landet sogar bei einer "Rassismus-Therapeutin". Die Message soll lauten: Rassismus ist nicht okay, nie, selbst als Witz nicht. Fiktionale Buße für ein reales Problem?

Klischeehafte Kriminellenrollen

"CopStories" wäre eine Chance gewesen, migrantische Talente ins Fernsehen und ins schwer zugängliche Land des Öffentlich-Rechtlichen zu bringen. In der Haupt-Cast (dem Personal der Polizeistation) findet sich aber nur ein einziger migrantischer Schauspieler (Farhi Yardim), und dieser ist Deutscher. Gibt es denn innerhalb Österreichs wirklich gar keine Schauspieler und Schauspielerinnen mit interessanten Wurzeln, die einer Förderung würdig wären? Und wie sieht es mit Drehbuchautoren und Regisseurinnen aus?

Yardims Rolle ist bestens im kriminellen Untergrund vernetzt. Also sind entweder alle seine Verwandten kriminell, oder er ist eben mit allen Türken in der Umgebung verwandt. Migranten ausschließlich in klischeehaften Kriminellenrollen und abgegriffenen Konflikten wiederzufinden hätte durch eine gebührende Einbindung und Diversität bei der Gestaltung wohl leicht verhindert werden können.

Gut gemeint ist das Gegenteil von gut

Migration ausgerechnet und ausschließlich in einer Krimiserie derart unreflektiert zu verarbeiten festigt die Ansicht, dass Migration und Kriminalität unzertrennlich miteinander verwoben sind, und reproduziert gefährliche Klischees und Vorurteile. Deshalb gilt für die verstaubten Polizeigeschichten passenderweise ein ebenso abgegriffenes Sprichwort: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut. (Olja Alvir, daStandard.at, 26.3.2013)

  • In der Haupt-Cast findet sich aber nur ein einziger migrantischer Schauspieler: Fahri Yardim (Altan Uslu).
    foto: orf/petro domenigg

    In der Haupt-Cast findet sich aber nur ein einziger migrantischer Schauspieler: Fahri Yardim (Altan Uslu).

  • "CopStories", Folge vom 19. März 2013: ORF-Reporter Christoph Feurstein (li.) spielt sich selbst.
    foto: orf/petro domenigg

    "CopStories", Folge vom 19. März 2013: ORF-Reporter Christoph Feurstein (li.) spielt sich selbst.

  • Folge vom 26. März 2013: Fahri Yardim (Altan Uslu), Hakan Yavas (Dogan), Deniz Cooper (Efe Uslu).
    foto: orf/petro domenigg

    Folge vom 26. März 2013: Fahri Yardim (Altan Uslu), Hakan Yavas (Dogan), Deniz Cooper (Efe Uslu).

  • Die im Frühjahr 2012 in der "Kronen Zeitung" aufgegebene Annonce zu den Dreharbeiten für "CopStories": Österreicher als Polizisten, Migranten für Kriminellenrollen gesucht.
    foto: dastandard.at

    Die im Frühjahr 2012 in der "Kronen Zeitung" aufgegebene Annonce zu den Dreharbeiten für "CopStories": Österreicher als Polizisten, Migranten für Kriminellenrollen gesucht.

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