Spaniens Demut unter der Haube

26. März 2013, 16:45
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Die Prozessionen von Toledo sind ein düsteres Schlüsselerlebnis zum Verstehen der alten spanischen Hauptstadt

Eine Pforte wird aufgerissen, die Menge verstummt in der Dunkelheit vor dem Portal der Klosterkirche San Juan de los Reyes. Knappe Befehle dringen durch die Nacht in Toledo. Einige zünden Fackeln an, ihre samtenen Spitzhauben schimmern im fahlen Licht. Zwanzig Männer der Bruderschaft vom Demütigen Christus tragen ein mit blauen Irisblüten übersätes Szenenbild aus dem Leidensweg Jesu. In der Menge fotografierender Touristen wirkt es wie ein trojanisches Pferd der Heiligkeit als Tausendfüßler.

Die 1658 gegründete Cofradía Hermandad del Santísimo Cristo de la Humildad - so ihr vollständiger Name - ist nur eine der insgesamt 21 Bruderschaften, die in der Karwoche Prozessionen durch die mittelalterliche Stadt 70 Kilometer südlich von Madrid abhalten. Am Vorabend des Palmsonntags startet dieser Prozessionsreigen, der sich in den folgenden Tagen warmläuft und spät in der Nacht am Ostersonntag endet.

Passive Leidensszene

Sobald der Paso, also die getragene Leidensszene, an den Menschen vorüberzieht, verstummt jegliches Getuschel in der Menge. Selbst die Kleinkinder auf den Rücken der Väter halten still. Das Fiasko, der Zusammenbruch, das schmach- und schmerzvolle Leiden Jesu wird an diesem Karmittwoch zelebriert. Die Zuschauer harren passiv am Wegrand aus - vielleicht ist es nur neugieriges Interesse an religiöser Folklore, weshalb sie gekommen sind. Gut möglich auch, dass sie ein wenig hinter die Kulissen blicken wollen, warum Symbolen der Ergebenheit hier so viel Platz eingeräumt wird.

Die Prozession in der Halbzeit der Semana Santa, also der Karwoche, ist in dieser Stadt jedenfalls ein doppeldeutiges Unterfangen. Denn Demut und Toledo scheinen besonders gut zueinanderzupassen: Die Stadt ist nicht irgendein Provinzkaff in der kastilischen Mancha. Die heute knapp 84.000 Einwohner zählende Stadt blickt auf eine über zweitausendjährige Geschichte zurück und war länger Hauptstadt als jede andere auf der Iberischen Halbinsel.

Von 531 bis 711 war Toledo das Machtzentrum der eingewanderten Westgoten, und es blieb nach der maurischen Periode bis 1561 Hauptstadt des christlichen Spaniens. Erst danach zog der Hof nach Madrid, und Toledo rückte an den Rand der Bedeutungslosigkeit. Nur die Kirche blieb in der Stadt - der toledanische Bischof ist bis heute Chef der katholischen Kirche in Spanien. Diesem schleichenden Verlust an weltlicher Macht begegnete die Stadt nur anfänglich mit Großmut und einem toleranten Klima.

Als etwa König Alfons VI. im Jahr 1085 die Macht von den Mauren übernahm, tat er dies, ohne die jüdische Gemeinde oder Muslime zu vertreiben. Die drei unterschiedlichen Kulturen lebten hier noch rund 300 Jahre friedlich zusammen. Manche wollen die heutigen Prozessionen im Zeichen der Demut daher als Schlüsselsymbol für dieses Zusammenleben sehen, das ab dem 14. Jahrhundert ein jähes Ende fand: Als "Toledanische Nächte" gingen die Tage der Judenpogrome im Jahr 1391 in die Geschichte ein. Und ein Jahrhundert später, am 31. März 1492, ausgerechnet in der Passionszeit, gipfelten diese Verbrechen im Dekret des katholischen Königspaares Isabella I. und Ferdinand II.: Alle Juden, die die Taufe verweigerten, wurden ausgewiesen und die jüdische Aljama-Gemeinde aus der Stadt vertrieben. Auch Muslim durfte hier ab diesem Zeitpunkt niemand mehr sein. Noch heute hängt in manchem Haus jüdischer Griechen ein rostiger Schlüssel an der Wand. Es ist der Schlüssel, der das Haus der Vorfahren in Toledo öffnet, sagt man darüber.

Die Demut der Jungen

Diego Esteban Sánchez, der dieses Mal an der Mittwochsprozession teilnimmt, muss sich heute aus völlig anderen Gründen in Demut üben. Der 30-jährige Stadtführer hat in Cambridge Literatur studiert und erzählt: "Eine feste Anstellung wünsche ich mir, aber so viele junge Menschen sind in Spanien derzeit ohne Perspektive." Er leitet hier einen kleinen Chor, der den vier verbliebenen Nonnen von San Antonio bei der Prozession ein Ständchen singt. Dabei wird ein Paso unter großen Mühen und lauten Hammerschlägen durch das Portal in den Innenhof des Klosters bugsiert. Auch eine ganz profane Blaskapelle ist mit von der Partie, sie bleibt aber draußen und unterhält die Wartenden.

Um Mitternacht wird die Prozession vom Capítulo de Caballeros Penitentes de Cristo Redentor fortgesetzt. Die sogenannte Ritterschaft der Büßer vom Erlösenden Christus geht dabei in weißen Kutten und schwarzen Kapuzen barfüßig über die kalten Pflastersteine der Altstadt. Dass Zaungäste immer wieder ihr Erstaunen darüber äußern, wie sehr diese Kapuzen doch an den Ku-Klux-Klan erinnern, ist nachvollziehbar. Rein optisch lässt sich dieser Eindruck der Ähnlichkeit nämlich nur schwer entkräften.

Allerdings gibt es zunächst eine religiöse Erklärung für das Tragen solcher Mützen: Hinter den schmalen Augenschlitzen der Kapuzen sollen keine eitlen Einzelkämpfer herausschauen, sondern in der Prozession Gleichgewordene. Der historische Hintergrund ist sogar noch banaler: Die Spitzhauben wurden vor allem in Andalusien bereits von Mönchen zu Zeiten der Pest als simple Schutzmasken getragen, wenn diese zu den Erkrankten gingen, um sie zu pflegen.

Am Gründonnerstag spielen hier auch einmal die Frauen eine Rolle - wenngleich keine tragende. Die Cofradía de Nuestra Señora del Amparo zieht von der Kathedrale über den Alcázar zurück in den Dom. Dabei tragen Männer die Figur einer Jungfrau, die Frauen gehen voran. Die Gesichter in feine schwarze Spitzentücher gehüllt, geben sie den Prozessionen an diesem Tag ein etwas weltlicheres Antlitz. Nach zwei Stunden löst sich dieser Rundlauf in der Kathedrale auf, die meisten der Bußgänger haben ihre langen Kutten und die Kopfbedeckungen bereits abgelegt.

Hinter den Kapuzen und den Spitzentüchern kommen überraschend viele junge Männer und Frauen hervor. Das spricht für die Verbundenheit mit diesen Traditionen, die im Jahr 2013 anachronistisch wirken mögen, über die Generationen hinweg. Tatsache ist, dass von den 21 Bruderschaften die jüngste erst im Jahr 2009 gegründet wurde und die älteste aus dem Jahr 1085 stammt. Mehr als 900 Jahre liegen also zwischen diesen Gründungen, was wohl ebenso nahelegt, dass die Prozessionen in Toledo zu den ältesten ihrer Art in ganz Spanien gehören. Zu den unverfälschtesten gehören sie allemal, weil Toledo freilich nach wie vor als Hochburg des katholischen Spanien gilt.

Da mag es auch eine kleine Herausforderung an die Demut der teilnehmenden Toledaner sein, dass ihre Semana Santa vom Staat lediglich als "Festlichkeit von nationalem touristischem Interesse" eingestuft wurde. Der Besuch der bekannteren Prozessionen in Sevilla, Málaga, Cuenca, Cartagena, Salamanca, León, Zamora, Valladolid, Lorca und Hellín wird internationalem Publikum nämlich auch offiziell empfohlen.

El Grecos bescheidener Appell

Bestimmt nicht ohne Hintergedanken hängt in der Sakristei der prächtigen und bis heute Macht ausstrahlenden Kathedrale von Toledo das Bild der Entkleidung Jesu. El Greco hat es gemalt, um die Priester beim Anlegen der liturgischen Gewänder auf die Begrenztheit ihres Wirkens hinzuweisen und um an größere Bescheidenheit zu appellieren. Ein noch älteres Fresko aus dem 13. Jahrhundert schmückt die maurisch-mudejarische Kirche San Roman, und im Kloster Santo Domingo de Silos el Antiguo hängt ein weiteres Greco-Gemälde, das die Auferstehung Jesu zeigt.

Bis heute verirrt sich kaum ein Tourist in diese Klosterkirche, man muss schon bei den Nonnen klingeln, um eingelassen zu werden. Dafür kann der Besucher ganz allein für sich die Arbeiten des Meisters bewundern, der anders als viele der vertriebenen Juden den umgekehrten Weg von Griechenland nach Spanien ging. Die Stimmung hier ist nicht zu vergleichen mit jener in der Kirche von Santo Tomé, wo Grecos Begräbnisbild vom Grafen Orgaz nur gegen ein Eintrittsgeld und unter Massenandrang kurz besichtigt werden darf.

Grecos Jesus im Domingo-Kloster ersteht in aller Stille auf. Durch einen Glasschlitz im Kirchenboden wird der Blick freigegeben auf einen Zinksarg. Es ist der Sarkophag des Malers, der 1614 in Toledo gestorben ist. Doch der Sarg ist leer und der Leichnam verschollen. Welch Symbolik als Abschluss der Karwoche und doch ein profaner Ausblick auf Ostern. (Nicolas van Ryk, DER STANDARD, Album, 23.3.2013)

  • Wie für einen Historienfilmset geschaffen, tragen mittelalterlich gekleidete Bußgänger in der Woche vor Ostern schwere Lasten durch die Straßen Toledos.
    foto: victor fraile/corbis

    Wie für einen Historienfilmset geschaffen, tragen mittelalterlich gekleidete Bußgänger in der Woche vor Ostern schwere Lasten durch die Straßen Toledos.

  • Direktflüge von Wien nach Madrid zum Beispiel mit Fly Niki oder Iberia. Alternativen mit einem Zwischenstopp bieten Austrian, Swiss, Lufthansa oder Brussels Airlines. Von Madrid kann Toledo mit dem Zug ab der Station Madrid-Atocha für neun Euro pro Fahrt oder einem Taxi für rund 115 Euro erreicht werden. Bequemer und tendenziell günstiger sind Mietwagen ab rund 120 Euro für drei Tage und ab 180 Euro pro Woche zum Beispiel bei www.sunnycars.at ab Flughafen. Weitere touristische Infos beim Spanischen Fremdenverkehrsamt, Walfischgasse 8, 1010 Wien, Tel. 01/512 95 80 oder im Netz unter: www.spain.info

    Direktflüge von Wien nach Madrid zum Beispiel mit Fly Niki oder Iberia. Alternativen mit einem Zwischenstopp bieten Austrian, Swiss, Lufthansa oder Brussels Airlines. Von Madrid kann Toledo mit dem Zug ab der Station Madrid-Atocha für neun Euro pro Fahrt oder einem Taxi für rund 115 Euro erreicht werden. Bequemer und tendenziell günstiger sind Mietwagen ab rund 120 Euro für drei Tage und ab 180 Euro pro Woche zum Beispiel bei www.sunnycars.at ab Flughafen. Weitere touristische Infos beim Spanischen Fremdenverkehrsamt, Walfischgasse 8, 1010 Wien, Tel. 01/512 95 80 oder im Netz unter: www.spain.info

  • Die Semana Santa fällt in Toledo heuer auf die Tage vom 24. bis 31. März. Weitere Informationen dazu - allerdings nur auf Spanisch - findet man unter: www.semanasantatoledo.com.
Buchtipps: Gustav Fabers Madrid und Kastilien, bereits im Jahr 2000 erschienen im Prestel-Verlag München, zählt noch immer zu den besten Büchern über die Region - 536 Seiten, 29,95 Euro. An keinem anderen Ort liest sich Lion Feuchtwangers Historienroman "Die Jüdin von Toledo" besser als in Toledo. Spannende Verquickung von Legenden und wahrem Leben am Hofe König Alfons VIII. Erhältlich als Taschenbuch im Aufbau-Verlag, 511 Seiten, 9,99 Euro.

    Die Semana Santa fällt in Toledo heuer auf die Tage vom 24. bis 31. März. Weitere Informationen dazu - allerdings nur auf Spanisch - findet man unter: www.semanasantatoledo.com.

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  • Unterkunft: In einer ruhigen Seitenstraße im Herzen der Altstadt liegen die Apartamentos Turísticos Casa de los Mozárabes, ab 115 Euro pro Doppelzimmer in der Callejón de Menores 10. Es handelt sich um ein restauriertes Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, das als nationale Kulturerbestätte geschützt ist. Das Hotel Almunia de San Miguel liegt 100 Meter von der Festung Alcázar aus dem 16. Jahrhundert sowie 250 Meter von der Kathedrale entfernt. Doppelzimmer ab 89 Euro. Die Zimmerpreise können während der Karwoche höher liegen, wenn nicht bereits vorab gebucht wurde.

    Unterkunft: In einer ruhigen Seitenstraße im Herzen der Altstadt liegen die Apartamentos Turísticos Casa de los Mozárabes, ab 115 Euro pro Doppelzimmer in der Callejón de Menores 10. Es handelt sich um ein restauriertes Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, das als nationale Kulturerbestätte geschützt ist. Das Hotel Almunia de San Miguel liegt 100 Meter von der Festung Alcázar aus dem 16. Jahrhundert sowie 250 Meter von der Kathedrale entfernt. Doppelzimmer ab 89 Euro. Die Zimmerpreise können während der Karwoche höher liegen, wenn nicht bereits vorab gebucht wurde.

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