Die "Führersehnsucht" der Meinungsforscher

Kommentar der anderen25. März 2013, 19:27
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Was an der vielbeachteten Studie zum Fortwirken autoritärer Reste in der Austropsyche das eigentlich Erschreckende ist: Anmerkungen zur Konstruktion von Wirklichkeit durch Demoskopie, in Erwiderung auf Jaroslaw Schimow

Der gelernte Österreicher reibt sich die Augen. Da soll also eine erkleckliche Anzahl an Österreichern Hitler für "nicht so schlimm" halten und 61 Prozent der eigenen Landsleute, wie man offenbar bereits in der "Nowaja Gaseta" las und nun im "Kommentar der anderen" des STANDARD (23./24. März) liest, "nichts gegen einen 'starken Führer' an der Macht haben, der unabhängig vom Kampf der politischen Parteien untereinander" ist? Nur Tage davor titelte das Schweizer Radio- und Fernsehnetzwerk SRF gar: "Adolf Hitler erfreut sich in Österreich noch immer großer Sympathien."

Was war geschehen? Anlässlich des 75-jährigen "Anschluss"-Gedenkens veröffentlichte das Linzer Market-Institut eine Umfrage im Auftrag des STANDARD, die weit über die Landesgrenzen hinweg "zu Recht für Aufsehen sorgte" (Alexandra Föderl-Schmid im STANDARD vom 13. März). Nun ist es freilich das Wesen demoskopischer Erhebungen, dass ihre Ergebnisse in mehr oder minder vergröberter Form in Umlauf geraten. Aber vieles spricht dafür, dass hier bei der Market-Umfrage einiges im Argen lag.

Wurde also etwa nach einem "starken Führer" gefragt, der fernab von parlamentarischen Rücksichten schalten und walten kann, wie es ihm gefällt? Nein, die Frage lautete: "Wäre es aus Ihrer Sicht gut, wenn an der Spitze ein "starker Mann" steht, der das Land regiert, oder wäre das aus Ihrer Sicht keine gute Aussicht für Österreich?" Nach einem "starken Führer ... der sich nicht um ein Parlament und Wahlen kümmern muss" fragte 2008 die so genannte Werte-Studie - sie erhob einen durchaus beunruhigenden Zustimmungsgrad von 20 Prozent. Mag sein, dass Jaroslaw Schimow diese ältere Umfrage mit der aktuellen verwechselt hat - nur gibt es dann eben keinen Grund zur Annahme, dass hierzulande mental bereits russisch-rumänische Verhältnisse herrschen.

Was überhaupt unter einem "starken Mann" zu verstehen ist bzw. was die Befragten darunter verstanden haben mögen, wurde in der Market-Studie nicht präzisiert und ist damit dem Orakel der Demoskopen überlassen. Nur sollte man wissen - und es darf bezweifelt werden, dass Leser der Gazeta dieses Wissen haben - dass das politische System Österreichs mit "starken Männern" an der Spitze im europäischen Vergleich nicht eben überversorgt ist:

Wortnebel in Frageform

Weder sieht die österreichische Verfassung ein starkes Staatsoberhaupt etwa nach französischem Vorbild vor, noch ist die Position des Kanzlers in besonderer Weise hervorgehoben. Anders als etwa in Deutschland verfügt dieser nicht einmal über die sogenannte "Richtlinienkompetenz". Mit einem signifikanten Machtüberschuss ausgestattet sind hierzulande nur die Parteiapparate, die an der Förderung eigenständiger Persönlichkeiten keinerlei Interesse haben. Man wird diesen Hintergrund irgendwie mitbedenken müssen, wenn man versuchen möchte, einer derart schwammigen Fragestellung Sinn abzugewinnen.

Freilich, die Frage nach dem "starken Mann" allein gibt noch kein Bild vom Stand autoritären Denkens in Österreich. Market fragte auch: "Wie beurteilen Sie das persönlich, ist es in Ordnung und vertretbar, wenn in einem Land eine einzige Partei herrscht und das Sagen hat oder ist das aus Ihrer Sicht nicht vertretbar?" Wovon ist hier die Rede? Von einem diktatorischen Einparteiensystem? Einer Alleinregierung à la Kreisky? Einem Plädoyer für die Einführung des Mehrheitswahlrechts? Man weiß es nicht. Die 502 Befragten aber ficht das nicht an, sie beantworten pflichtschuldigst diesen Wortnebel in Frageform mit null Prozent Enthaltungen. Immerhin noch 30 Prozent waren dafür, wofür auch immer, 70 Prozent war die Sache mit der einen Partei nicht so recht geheuer. Sonderbar, dass demnach ein Großteil jener, die angeblich für einen "starken Führer" plädierten, ein solches Führertum doch recht plural angelegt wissen wollten.

Damit zum eigentlichen Aufreger der Studie, der Frage nach den berühmt-berüchtigten "guten Seiten" des Nationalsozialismus. Wie legt man eine solche Frage an, um zu den international Aufsehen erregenden, ja "erschreckenden" Resultaten zu gelangen? Market löst dieses Problem wie folgt: "Zur Nazi-Zeit gibt es ebenfalls zwei gegenteilige Ansichten: Die einen sagen "Unter Hitler war nicht alles schlecht", die anderen sagen, es gibt keine guten Aspekte der Hitler-Zeit. Welcher Meinung können Sie sich eher anschließen?" Nicht einmal nach den vorgeblich guten Seiten "des Nationalsozialismus" wurde also gefragt wie etwa noch in der deutschen Emnid-Studie aus dem Jahr 2001, sondern - maximal verwaschen - nach der "Hitler-Zeit", dazu noch ohne jede kategoriale Einschränkung. Market-Chef Werner Beutelmeyer räumt im Gespräch mit Conrad Seidl ein, dass "alles" nun einmal "sehr umfassend" verstanden werden könne. Ja, darauf hätte man bei Market auch früher kommen können.

Angriff auf die Intelligenz

Im Leserforum des STANDARD wurde schnell fündig, wer nach originellen Interpretationsmöglichkeiten für dieses "alles" sucht: Das Wetter war nicht immer schlecht, die Großeltern haben sich kennengelernt, man war noch jung, etc. pp. Hätte Market nach "guten Seiten" der nationalsozialistischen Ideologie, ihrer Weltanschauung und ihren politischen Zielen gefragt, dann ließe sich mit dem Ergebnis wohl etwas anfangen. Ob das für einen Aufreger gereicht hätte, sei freilich dahingestellt.

Wie wenig stringent die Ergebnisse der Studie bei solcher Fragestellung insgesamt ausfallen, zeigt übrigens ein Blick auf die Frage nach der Berechtigung des Verbotsgesetzes: 50 Prozent halten es für gerade richtig, 37 Prozent meinen, es sei zu lasch, 13 Prozent befinden es für zu streng. Stimmt also die Interpretation des SFR, wonach Hitler in Österreich noch "große Sympathien" genieße, so dürften sich seine heutigen Anhänger nur mehr mit einer Art Über-Hitler zufriedengeben, der selbst die eigenen Gesinnungsgenossen noch mit eiserner Faust niederhält.

Dessen ungeachtet ist den Apologeten der Studie in einem recht zu geben: Es fehlt in Österreich an historischer Aufklärung. Doch wie funktioniert diese? Historische Aufklärung muss dazu befähigen, nationalsozialistisches Gedankengut zu erkennen und durch Stärkung der kritischen Instanzen dagegen immunisieren. Die dummdreiste Frage des Market-Instituts aber bewirkt das Gegenteil. Sie fordert dazu auf, den ideologischen Konnex zu lösen und buchstäblich beliebige "Aspekte" in Isolation zu betrachten.Mit anderen Worten: Sie ermuntert, sich auf die Suche nach allem möglichen zu begeben, das in der Zeit des NS-Regimes auf irgendwie interpretierbare Weise als "gut" zu qualifizieren ist. Ist so eine Sache gefunden, dann kann nach den simplen Gesetzen der Logik nicht "alles" schlecht gewesen sein. Und sei es nur die Zivilehe und die Rechtsfahrordnung.

Freilich, so war's nicht gemeint. Wenn aber eine logische Betrachtung als legitime Antwortmöglichkeit ausscheidet - umso schlimmer für die Fragestellung. Das eigentlich Erschreckende sind nicht jene 42 Prozent, die die Frage nach den "guten Seiten" bejahten, sondern jene 98 Prozent, die sich überhaupt dazu bereitfanden, eine der beiden Antwortmöglichkeiten zu wählen. Dass nur magere zwei Prozent es in Erwägung zogen, sich diesem Angriff auf ihre Intelligenz durch Nichtantwort zu entziehen, dürfte mehr über das Fortwirken autoritärer Reste in der österreichischen Psyche aussagen als alle inhaltlichen Ergebnisse der Studie zusammen. (Christoph Landerer, DER STANDARD, 26.3.2013)

Christoph Landerer, Psychologe und Publizist, lebt in Salzburg.

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