Berlinde De Bruyckere: Schmerz des Fleisches und Anmut des Todes

25. März 2013, 18:18
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Der dunkle, kalte Sarkophag des Kunsthauses Graz als perfekte Kulisse für eine nachdenkliche Ausstellung zu den Themen Vergänglichkeit und Transformation

Berlinde De Bruyckeres fragmentierte Körper zwingen zu einer Auseinandersetzung mit Leid und Schmerz.

Anne Katrin FeßlerGraz – Es ist ein Anblick, der einen ganz still werden lässt. Auf dem Tisch liegt der kopflose Körper eines jungen Rehs, ganz so als hätte ein Jäger es gerade hier abgelegt, so als wäre das Fell noch warm, Muskeln und Fleisch noch voller Leben. Fast ist man versucht, mit den Fingern über den rotbraunen Leib zu streichen. Sanftes Licht steigert die Anmut des toten Tieres aus rostigem, der realen Farbe so nahe kommendem Eisen. My deer heißt die jüngste Skulptur Berlinde De Bruyckeres, die mit dem englischen Gleichklang von "deer" und "dear" – von "Reh" und "Liebes" – spielt. In den Frieden mischt sich Trauer.

Es ist ein die Sinne schärfender Einstieg in De Bruyckeres Ausstellung Leibhaftig im Kunsthaus Graz, ihrer letzten großen Ausstellung vor der Biennale Venedig, wo die 48-jährige flämische Künstlerin den belgischen Pavillon bespielen wird. In Graz ist My deer ein perfektes Präludium. Denn das, was folgt, erfordert Bedacht und Ruhe, verträgt kein Vorübereilen. Obwohl man instinktiv lieber den Blick von den fragmentierten, sich krümmenden Körpern  Berlinde De Bruyckeres abwenden möchte.

Für ihre Arbeiten nimmt sie reale Tier- und Menschenkörper ab, nutzt Pferdehaar- und haut, bildet Sehnen, Extremitäten und Fleisch naturalistisch nach, verleiht Letzterem durch blaue, grüne und rote Farbpigmente auf Wachs einen geradezu unheimlichen Realismus. Ihre Skulpturen erzählen von Schmerz und Leid, von Qualen des Leibs und der Seele.

"Die ganze Figur zeigt den Seelenzustand", sagt De Bruyckere, die in der Aquarellserie Jelle Luipaard (2004), die sich windenden Leiber der Schächer – Jesus' Mitgekreuzigte – zeigt. Durchscheinend stellt sie die geschundenen Leiber dar, gräulich-rot erscheint ihr Fleisch. Es sind Figuren, von denen man nicht weiß, ob sie noch leben oder bereits tot sind. Zeichnungen der Schächer von Lucas Cranach d. Ä. aus dem frühen 16. Jahrhundert, aber auch spätmittelalterliche Darstellungen des Themas sind formale Bezugspunkte dieser Serie. Auslöser waren jedoch eher Medienbilder aus dem Irak, am Wegrand zurückgelassene oder an Brücken aufgehängte, geschändete Tote.

De Bruyckeres Themen des Körpers und seiner Vergänglichkeit, seine Transformation in etwas Anderes, Neues wirken gerade in der Karwoche besonders intensiv. Trotz Titeln wie Leibhaftig oder We are all flesh ist De Bruyckeres Werk aber nicht Ausdruck einer gläubigen Künstlerin. Vielmehr ist ihr Auge geschult an den christlichen und mythologischen Themen der Alten Meister, steckte sie doch im Internat den Kopf mit Vorliebe in kunstgeschichtliche Wälzer, füllte ihren Bilderkosmos.

Verstörend und tröstlich

Auf den ersten Blick verstörend sind die beiden Pferdeleiber mit den verstümmelten Beinen, die auf einem Gestänge ruhen. Pferde symbolisieren für De Bruyckere den Tod. Auf historischen Fotos von Schlachtfeldern berührten  die aufgedunsenen toten Pferdeleiber sie am meisten. Kadaver aus der veterinärmedizinischen Fakultät der Genfer Uni nutzte sie für die Abdrücke. Die spätere Plastik aus Epoxyharz wurde mit Fell überzogen, das die Deformationen verhüllt. Die toten Körper tragen keine Wunden, keine Narben mehr; ihre Fragmentierung wird verneint. Und so schlummert in den im Gleichklang schwebenden kolossalen Körpern von Les Deux auch etwas Tröstliches. De Bruyckeres Sorgfalt und Detailgenauigkeit setzt Brutalität und Qual etwas Behutsames, ja sogar Zärtliches entgegen. Die Künstlerin zeigt die Schönheit im toten Leib.

Die Serie Actaeon erzählt vom Schicksal des Jägers, der die badende Diana erblickt und zur Strafe in einen Hirsch verwandelt wird, den schließlich die eigenen Hunde zerfleischen. Mit dem "Erkennen" der nackten Göttin setzt also Transformation ein. De Bruyckere übersetzt dies in ein Konglomerat aus Körperteilen, Geweihen und Textil, das sie auf sargähnliche Sockel bettet. Eine Inszenierung, der etwas Pathologisches anhaftet, aber in das sich das kalte Licht des Kunsthauses, seine sonst dominante Architektur, einmal stimmig einfügt. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 26.3.2013) 

Bis 12.5.

  • Berlinde De Bruyckeres "My deer" (2011–13) vereint Trauer und Friede.
    foto: mirjam devriendt

    Berlinde De Bruyckeres "My deer" (2011–13) vereint Trauer und Friede.

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