Wagyu in Hartberg

23. April 2013, 17:38
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An der Südautobahn, bei Pusswald, grübelt Harald Fidler, wie weit Speisen reisen müssen

Wie konnte das passieren? Mir? Dessen Meldezettel als Drittwohnsitz die A2 ausweist? Eine Gaststätte praktisch direkt an der Autobahn, die etwa Gault Millau als "Sehr gute Küche, die mehr als das Alltägliche bietet" mit immerhin 14 Punkten lobt? Und ich war im 44. Jahr meines verfressenen Lebens noch nicht da? Das muss einen Grund haben.

Den einen oder anderen Grund kann ich schon ausmachen, bevor ich bei Hartberg abgefahren bin. Zum Beispiel 1) - der Reinhold hat mich nicht darauf aufmerksam gemacht. Und der hat bisher noch nichts Schlechtes empfohlen in der Gegend (wie Berggasthof Fink und Landgasthof Riegerbauer und die Gasthöfe Wippel und Zum alten Rebstock) über die ohnehin angenehm Verdächtigen wie Saziani, Fink-Haberl, vielleicht auch Kapfenstein, aber das muss ich mir nochmal genauer ansehen wie das Dachsragout letztens.

2) Vielleicht hab' ich auch schon einmal vom Hang des Pusswald zu Italien wie Asien wie überhaupt Internationalem gelesen und deshalb beschlossen, dass sich die günstige Lage zur Autobahn umgekehrt proportional zum Regionalbewusstsein des Wirten verhält. Und mich die Restauration deshalb, so praktisch sie liegt, halt doch nicht so interessiert. Wenn das so war, hab ich das drittens diesmal einfach vergessen oder übersehen oder verdrängt.

Surf und Turf?

Vergessen und Verdrängen muss kein Fehler sein. Ich hatte ein wirklich schönes Lammfilet, dünn aufgeschnitten, wunderbar, zur Vorspeise.

Und dennoch halten wir hier, mit Blick über Hartberg, an einem Punkt, der mich immer wieder anspringt im weiten Feld des Gasthauses auf dem Lande (und eigentlich auch in der Stadt oft): Muss ein Hartberger Wirt denn Wagyu Rind "Flambé" (für immerhin 49 Euro) anbieten, damit die Menschen aus der Gegend ihn spannend genug finden? "Surf and Turf", also hier "Rinderfilet, Rosenberg Garnele, gefüllte Gnocchi mit Trüffel aus Istrien und glacierte Gemüse", also der Hauptgang des damals gerade aktuellen Abendmenüs für schlanke 59 bei sechs Gängen? Jakobsmuscheln, Wolfsbarsch, Seezunge und so?

Ich verstehe schon, dass man den Nachbarn etwas bieten will von der weiten Welt, die man selbst wohl sehr schätzt. Und ich geh ja auch zum Inder auf den Heuberg oder zum Filippou und esse Stör oder Austern, die gewiss nicht aus dem Donaukanal nebenan stammen. Aber wenn ich schon auf dem Land einkehre, will ich halt lieber was Regionales.

Wobei: Das Filet vom Pöllauer Angusrind mit Eierschwammerl und Semmelrolle war mehr als anständig - und klingt doch jedenfalls inhaltlich ziemlich regional. Vielleicht sollt ich doch häufiger von der Südautobahn abbiegen, bei Hartberg. (Harald Fidler, derStandard.at, 23.4.2013)

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Aufstriche und Schinken zum Einstieg beim Pusswald in Hartberg.
Zwei Gänge, Saft, Kaffee: 49,10 Euro.
 
    foto: harald fidler

    Aufstriche und Schinken zum Einstieg beim Pusswald in Hartberg.

    Zwei Gänge, Saft, Kaffee: 49,10 Euro.

     

  • Lammfilet, dünn aufgeschnitten, fleischliche Freude.
    foto: harald fidler

    Lammfilet, dünn aufgeschnitten, fleischliche Freude.

  • Fächergurke einmal anders? Rinderfilet aus Pöllau belegt mit ordentlich Eierschwammerl und begleitet von Rohkost.
    foto: harald fidler

    Fächergurke einmal anders? Rinderfilet aus Pöllau belegt mit ordentlich Eierschwammerl und begleitet von Rohkost.

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