Dave Eggers: Ein altes Eisen auf surrealer Mission

25. März 2013, 17:48
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Der US-Romancier erzählt in "Ein Hologramm für den König" von einem US-Geschäftsmann, der sich in den Wirrungen der globalen Wirtschaft verläuft

Wien - Boomtowns wie Dubai, die mitten in der Wüste hochgezogen wurden, veranschaulichen die Dynamik globaler Wirtschaftsflüsse auf besonders einleuchtende Weise. Sie gelten als Eldorado des Zeitalters internationalen Kapitals, doch bleiben die Investoren aus, mutieren sie schnell zurück zur Geisterstadt. Dave Eggers' neuem Roman dient ein vergleichbares urbanes Bauprojekt als zentraler Ort des Geschehens - und damit auch als Fluchtpunkt, an dem über Gewinner und Verlierer der nahen Zukunft entschieden wird.

Der saudische König Abdullah wollte mit KAEC (King Abdullah Economic City) im Niemandsland die Stadt der Zukunft errichten, ein Fantasyland mit Kanälen statt Straßen, in dem nicht nur ökologisch, sondern auch gesellschaftspolitisch vieles anders laufen sollte, als es in dem konservativen Golfstaat üblich ist.

Als der Held von Eggers' Romans, Alan Clay, US-Verhandler eines Telekommunikationsriesen, dort ankommt, traut er allerdings seinen Augen nicht: Von der Utopie ist auf der ins Stocken geratenen Baustelle wenig zu erkennen. Niemand fühlt sich zuständig. Das Team, das dem König die neue Technologie präsentieren sollte, wird in einem überhitzten Zelt einquartiert: ohne WLAN.

In Ein Hologramm für den König (erschienen bei Kiepenheuer & Witsch) versucht sich Eggers an dem schwierigem Unterfangen, die Windungen eines System an einer einzelnen Person zu veranschaulichen, was ihm auf eindrucksvolle Weise gelingt. Wie weiland Arthur Miller in Der Tod eines Handlungsreisenden schafft er eine Figur, die dem Kapitalismus ihrer Zeit nicht mehr entspricht. Um dieses Missverhältnis zu veranschaulichen, schickt er seinen 54-jährigen Jedermann Clay auf eine Mission, die dessen unternehmerisches Einschätzungsvermögen übersteigt.

Aus einer anderen Zeit

Clay ist ein Mann, der noch mit Produkten groß wurde, auf deren Rücken " made in USA" stand; die Restrukturierungen der jüngeren Vergangenheit haben ihn zum verschuldeten Selbstständigen mit quälenden Gewissensbissen und mangelhaftem Selbstwertgefühl werden lassen. Nun hofft er, mit dem saudischen Königsdeal noch einmal den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Eggers setzt seinen Roman in einer zeitlichen Warteschleife an. In einem Land, in dem man sich öffentlich kaum fortbewegen kann, bleibt Clay nichts anderes übrig, als zwischen seinem Hotelzimmer und der Baustelle hin- und herzupendeln. Der Stillstand erlaubt ihm allerdings auch die innere Rekapitulation: In kunstfertig eingefügten Rückblenden lässt Eggers Stationen aus dem Leben seines Helden Revue passieren. So entsteht Stück für Stück das Porträt eines Mannes, der in entscheidenden Auseinandersetzungen oft zu zaghaft und ängstlich blieb, um sich durchzusetzen. Selbst als er einmal auf dem Rio Negro mit einem Ruderboot zu versinken drohte, war es seine Frau, die die Retter verständigte.

Eggers ist es schon in früheren Büchern geglückt, einem individuellen Drama universellere Resonanz zu verleihen. In Zeitoun erzählt der umtriebige US-Autor, der auch den unabhängigen Verlag McSweeney's gegründet hat, die wahre Geschichte eines Mannes, der nach der Hurrikan-Katrina-Katastrophe zum Opfer willkürlicher Staatsgewalt wird. Weit gegangen: das Leben des Valentino Achak Deng folgt einem sudanesischen Jungen, der in den Wirren des Bürgerkriegs seine Familie verliert.

In Ein Hologramm für den König sind nun weniger die Geschäftsagenden Clays entscheidend als die mit Scharfsinn beschriebenen Verhaltensformen und Zwischenwelten, die diese hervorbringen. Ähnlich wie in Jennifer Egans Der größere Teil der Welt zeigen sich in diesem Miteinander neue soziale Codes. Clay ist nicht mehr in der Lage, die Zeichen dieser Welt richtig zu erfassen. Seine Werte, seine Erfahrungen sind hier schon obsolet. So driftet er orientierungslos durch die Tage und entkommt abends der Realität mit geschenktem Fusel. Oder hält ein Geschwür an seinem Rücken für die Wurzel seines Unglücks.

Eggers geradlinige, unsentimentale Sprache ist nicht frei von Empathie gegenüber dem auch sexuell gehandicapten Helden. Clays Versagen korrespondiert mit dem Ende einer Ära, in der nicht nur Informationsvorsprung, sondern noch zwischenmenschliche Expertise entscheidend war. Die Humanität dieses Romans zeigt sich in den kleinen Gesten, in denen er Clay seine Unvollkommenheit vergessen lässt - und das Dogma, sich gegenüber allen anderen beweisen zu müssen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 26.3.2013)

  • Ein wendiger Autor mit einem Faible für gebrochene Helden: der US-Amerikaner Dave Eggers. 
    foto: katy winn/corbis

    Ein wendiger Autor mit einem Faible für gebrochene Helden: der US-Amerikaner Dave Eggers. 

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