Umständehalber chancenlos

25. März 2013, 17:13
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Wiederaufnahme von Alban Bergs "Wozzeck": Adolf Dresens Inszenierung von 1987 ist wieder an der Wiener Staatsoper zu sehen

Wien - Es liege in niemandes Gewalt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden, wird Georg Büchner im alten, etwas substanzvolleren Staatsopernprogrammheft zu Alban Bergs Wozzeck zitiert: "weil wir durch gleiche Umstände wohl alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen." Der Soldat, das Versuchskaninchen, der Gehörnte Wozzeck wird am Ende von Büchners schmerzenden Real-Life-Splittern zum Schrecklichsten, zum Mörder; der Niedergang des eh schon am Boden Liegenden endet mit seinem Tod.

Die großartige Wozzeck-Inszenierung von Adolf Dresen von 1987 ist nach achtjähriger Pause wieder an der Staatsoper zu erleben: ein Juwel, ein ungemein stimmungsstarkes Bilderbuch der Kargheit und der Verzweiflung (Ausstattung: Herbert Kapplmüller). Was konnten diese Leute früher inszenieren.

Eine regelrechte Charakterstudie war Simon Keenlysides Wozzeck: fahrig, tölpelhaft, unterwürfig zu Beginn, mit einem Auflodern tierisch-roher Wut im zweiten Akt, als er von Maries Affäre mit dem Tambourmajor weiß. Klar in der Diktion, überzeugend beim Sprechgesang, schien Keenlysides warmer, in der Tiefe etwas schwacher Bariton fast zu schön für diese zersprungene, abgenutzte Person. Kraftvoll, energisch, mit einer Nuance Sprödheit Anne Schwanewilms als militäraffine Marie.

In den gewaltigen Höhen mit schimmerndem Glanz Herwig Pecoraro als Hauptmann, den Tambourmajor gab Gary Lehman konventionell kraftvoll - man sehnte sich etwas nach der feisten, kreglen Type und der hellen Stimme Wolfgang Schmidts. Für seine Verhältnisse blass wirkte Norbert Ernst als Andres, physisch beeindruckend Monika Bohinec als Margret. Von den Handwerksburschen Marcus Pelz und Clemens Unterreiner beeindruckte Letzterer.

Claudio Abbado, Seiji Ozawa: Im Orchestergraben war der Wozzeck meist Chefsache. Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst hielt bei seinem Erstdirigat der "Piano-Oper mit Ausbrüchen" (Alban Berg) die hochkomplexen Dinge mit eleganten, ökonomischen Bewegungen im Fluss, dramatisch aufgeladene Orchesterzwischenspiele inklusive. Obdachlosenwickel bei der Bimfahrt nach Hause ließen Büchners Worte und Alban Bergs Musik noch intensiver nachklingen. Man hat unter Umständen einfach keine Chance. (Stefan Ender, DER STANDARD, 26.3.2013)

27. und 30.3. sowie 2.4., 20.00

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    Franz Welser-Möst sorgte für Dramatik. 

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