Depeche Mode: Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld

25. März 2013, 17:08
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Die britische Band gab im Wiener Museumsquartier ein exklusives Konzert für einen Taschentelefonkonzern - und stellte dabei ihr neues Album "Delta Machine" vor

Wien - Neue Musik von Depeche Mode ist nicht grundsätzlich langweilig. Ende des Jahres werden wir uns zum Beispiel an die neuen Lieder auf dem jetzt veröffentlichten 13. Studioalbum Delta Machine sehr gerne kaum erinnern können. Es bleibt nichts hängen.

Aber das ist gut so. Wenn die Liebe geht, kommt das Vertrauen. Oder die liebgewonnene Routine. Oder das Überdauern. Die Mischung aus verschwitztem körperlichem und seelischem Langen und Bangen und dem Sänger Dave Gahan von Songschreiber Martin Gore in den Mund gelegtem katholischem Gewese im Bühnenfach "Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld" funktioniert ja auch noch immer bestens. Wer für sich selbst beschlossen hat, das grundsätzlich schlechte Gewissen, das man im Rahmen einer christlichen Erziehung ausgefasst hat, auch noch als Erwachsener genießen zu wollen: Hey, Leute, Depeche Mode sind eure Band!

Freudvoll und leidvoll in schwebender Pein, rockend und poppend gedankenvoll sein. Das Schicksal ist ein Vogerl. Taubenvergiften im Park. Gelobt sei Jesus Christus. Und erlöse uns von der Schuld. Wenn wir uns manchmal nicht gut genug fühlen, um U2 zu hören - und nicht gut genug fühlen wir uns oft -, dann sind Depeche Mode der Soundtrack.

Im Mai geht es nun wieder einmal auf Visitation in die Depeche-Mode-Kernländer: Westdeutschland, Ostblock, US-Bibelgürtel. Als einziger Österreichtermin scheint der 25. Mai im Fußballstadion in Bratislava auf.

Um den hiesigen Jungscharen in schwarzer Ausgehuniform in Erinnerung zu bringen, dass der etwaige Zweifel den Tod des Glaubens, aber nicht das Ende der Übertragung bedeuten würde, ließen sich Depeche Mode am Wochenende von einem Taschentelefonkonzern kaufen. Spirituell gesehen eine Katastrophe, aber zur Freude der im Losverfahren ermittelten Kundschaft ist es zwischendurch auch ganz angenehm, keine kritischen Einwände, sondern ausschließlich reine Dankbarkeit im Saal zu wissen.

Wenn im Wiener Museumsquartier jemand aufs Handy schaute, dann nicht, um zu wissen, wann es endlich vorbei wäre, sondern ob das unscharfe Foto von Depeche Mode im ehemaligen Reitstall der Habsburger-Reitersecurity geil genug für Facebook ist.

Endlich keine Ideen mehr

Interessant, dass selbst vor 2000 in schwarze Panier eingeschweißten Radikalanhängern, mürrischen Mobilfunk-Geschäftspartnern im Peek-&-Cloppenburg-Freizeitlook oder gachblond push-up-twitternder Viertelprominenz das neue Album im Rahmen dieser Live-Albumpräsentation kaum vorgestellt wurde.

Die Handvoll Lieder von Delta Machine sind nicht schlecht. Im Gegensatz zu ungefähr allen neuen Liedern seit dem Album Songs Of Faith And Devotion aus dem Jahr 1993 könnte man sie sogar manchmal nachsingen wollen. Man will aber die Ruhe nicht stören. Endlich keine Ideen mehr!

Diese knatternden und ratternden, himmelhochjauchzenden und wegen des Fehlens zwingender Refrains zu Tode betrübten Songs zwischen kantigem alten Minimal-Techno-Knarzen, Breitband-Schwulst in der Harmonik und Baby, Engel, Himmel und Hölle und Uh! und Ah! genügen sich selbst. Alles wie gehabt.

Zwischen gereiftem Klingklang-Synthiepop, Instant-Erweckungsgospel und breitbeinigen Amateur-Bluesriffs für Fußballstadien läuft Sänger Dave Gahan rüstig die Bühne ab. Songschreiber Martin L. Gore schüttelt die Spaghettihaare und macht den zweifingrigen Südstaatenblueser. Den dritten in der Band, der neben dem von Depeche Mode live gern engagierten Wiener Schlagzeuger von Ostbahn-Kurti steht und im Klappcomputer den Kontostand checkt, kennt man vom Namen her. Es ist ihm aber egal.

Angel. Heaven. Soft Touch / Raw Nerve, Soothe My Soul heißen die neuen Lieder. Das letztgenannte inbrünstige Bekenntnis hört sich aus dem Mund eines etwas abgelebten, aber betont virilen Mannes komisch an: "Ich will nicht wieder zurück nach unten. Baby, ich will nicht wieder zurück nach unten. Wenn du bei mir bist, werde ich meinen Mann stehen und nicht wieder nach unten gelangen."

Haartolle aus dem Sichtfeld

Besser kommen die alten Hadern Walking In My Shoes, Personal Jesus und Enjoy The Silence an. Martin Gore rockt auf seiner großen Gitarre. Der Mann, dessen Namen man kennt, muss wegen des Mitwippens mehrmals die Haartolle aus dem Sichtfeld schieben. Dave Gahan stemmt den zwei Kilo schweren Mikrofonständer wie ein Einser. Fit mach mit.

Nach einer Stunde ist alles vorüber. Angeblich gibt es dort draußen in dieser brodelnden, total verrückten und verrockten Wienerstadt nächtens in einem total angesagten Club noch ein viel exklusiveres, absolut geheimes Supertopchecker-Geheimkonzert von Depeche Mode. Da sind dann aber nur die Taschentelefonsuperspezis dabei. Wir alten, nicht mehr so crazy und wilden Leute tippen eine schriftliche Botschaft in die elektronische Wirklichkeit: "Mama, ich will nicht wieder nach unten gelangen, ich komme nach Hause." (Christian Schachinger, DER STANDARD, 26.3.2013)

  • "Baby, ich will nicht wieder zurück nach unten": Dave Gahan agiert im Auftrag eines Mobilfunkers.
    foto: standard/robert newald

    "Baby, ich will nicht wieder zurück nach unten": Dave Gahan agiert im Auftrag eines Mobilfunkers.

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