Der ORF und die Integration: Kopftuch, Dirndl und Co

Kommentar25. März 2013, 15:14
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Die ORF-Programminitiative "Wir sind Österreich": Über falsch verstandene mediale Integration und fehlende Konzepte des Öffentlich-Rechtlichen

So sieht sie also aus, gelebte "Integration": Ein gebürtiger Burundier, der in Lederhosen Schweinsbraten isst (Künstlername Ösi-Bua) und eine Fashion-Bloggerin mit Kopftuch, die ein Dirndl kauft. Zumindest stellt es der ORF so dar - konkret ein "Report"-Beitrag im Zuge der einwöchigen Programminitiative "Wir sind Österreich" vom 15. bis zum 22. März. Das Ziel dieser Initiative war, die Realität der heterogenen österreichische Gesellschaft zu porträtieren, so ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, in einer Presseaussendung. MigrantInnen sollten als selbstverständlicher Bestandteil der österreichischen Gesellschaft dargestellt werden.

So weit, so gut. Doch ist das im Schwerpunkt wirklich gelungen? Eine Analyse der Beiträge zeigt: Die einseitige Berichterstattung wurde durch den Schwerpunkt auf den Begriff "Integration" geradezu festgelegt. Die Fragen, die gestellt wurden, sahen meist so aus: "Fühlen Sie sich als Österreicher"; "Wie oft denken Zugewanderte über Integration nach?"; "Wie kann man das Österreicher-Sein lernen?"

Strukturelle Probleme

Dass der ORF sich mit "Integration" befasst, ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Einige Beiträge der Themenwoche stachen auch positiv heraus. Doch wie gut integriert der öffentlich-rechtliche Rundfunk, dessen Leitbild es ist, allen "Menschen in Österreich, unabhängig von ihrer individuellen sozialen, ethnischen und religiösen Stellung, Herkunft, Alter und Geschlecht, ein umfassendes Programmangebot" zu bieten, eigentlich die Vielfalt der österreichischen Gesellschaft in sein sonstiges Programm?

Schließlich war dies nicht die erste Initiative dieser Art. Wie daStandard.at bereits berichtete, hat Wrabetz einen "Migrations"-Schwerpunkt seit 2007 mehrmals verschoben. 2009 kam dann die Ernüchterung: ein paar Themenabende und die gefloppte Serie "tschuschen:power". In ganzen fünf Folgen widmete man sich dem Leben migrantischer Jugendlicher in Wien. Die Serie wurde unter anderem wegen ihrer stereotypen Darstellungen kritisiert

Von einer "Integration der Vielfalt" ins regelmäßige Programm kann bisher noch immer keine Rede sein. Das "Konzept" beschränkt sich nach wie vor auf Nischenprogramme, wie die Sendung "Heimat, fremde Heimat". Auf Radio Wien, wo "Heimat, fremde Heimat" bis Dezember 2009 gesendet wurde, wurde sie "aus Kostengründen" eingestellt.

Gute Laune und arme Opfer

Die "IntegrationsbotschafterInnen" in Form des "Ösi-Buas" und einer Muslima im Dirndl passen perfekt in jenes Bild, das der ORF im Fernsehen gerne von MigrantInnen vermittelt. Die Devise dabei lautet: Oberflächliche Österreich-Klischees in neuer Verpackung statt tiefgründiger und sachlicher Auseinandersetzung mit Menschen, Migrationsgeschichten und Kontroversen.

Zum Komplettbild gehört auch die gute Laune, migrantische Idylle und zahlreiche Erfolgsgeschichten von jenen, die es "geschafft" haben. Heiße Eisen, die mitunter auch die eigene Berichterstattung hinterfragen könnten, werden nur mit Samthandschuhen angefasst. Positive Ausnahme war etwa ein Ö1-Beitrag von Barbara Gansfuß, der sich mit Extremismus bei Minderheiten auseinandersetzte.

Positiv überrascht - vor allem im Hinblick auf das Fehlen einer anspruchsvollen Diskussionssendung im ORF-Fernsehen - hat hier "Void - der Talk" zum Fall Bakary J. (ORF1), der aufzeigte, wie schamlos dieses Verbrechen heute noch verdrängt und verharmlost wird.

Doch was vor dem Hintergrund der realen politischen Diskriminierung nicht vergessen werden darf: Pure Emotionalisierung und die Erzeugung von Mitleid führen nicht zu einer gleichberechtigten Repräsentation von MigrantInnen. Dadurch, dass sie oft ausschließlich in einem Opfer-Kontext gezeigt werden, werden sie in eine Nische gedrängt, die nicht zur Versachlichung führt oder gar Selbstermächtigung fördert. Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.

Langfristige Konzepte fehlen

Dabei ist das Potenzial einer solchen Initiative groß: Alle Kanäle, alle Ressorts haben die Chance, sich in ihren Bereichen einem Thema in seiner Vielfalt und Komplexität zu widmen. Dadurch könnten MigrantInnen nicht nur als solche sichtbar gemacht werden, sondern etwa auch als ExpertInnen - in der Sendung "Newton“ wurde ein Nuklearmediziner aus dem Iran vorgestellt. Das sollte aber auch außerhalb eines solchen Schwerpunkts möglich sein.

Es wäre an der Zeit, dass der ORF ein langfristiges Diversity-Konzept entwickelt, anstatt vereinzelte Themenwochen und -abende zu zelebrieren. Die BBC kann hier als Vorbild dienen: "Everyone Has a Story" heißt etwa deren fünfjährige Diversity-Strategie (2011-2015), die von MitarbeiterInnen und ZuseherInnen mitgestaltet wurde.

Mit halbherzigen Initiativen, wie "Wir sind Österreich", bleibt die leidige Beziehung des ORF zu MigrantInnen das, was sie schon immer war: Weder Fisch noch Fleisch. (Jelena Gučanin, daStandard.at, 25.3.2013)

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