Lieber eine "Leberwurst" als ohne Bewusstsein

26. März 2013, 07:00
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Das Magazin "In Style" empfiehlt eine "Drinkdiät": Abends nichts essen, den Hunger einfach mit einem Gläschen Weißwein bezwingen und am nächsten Tag über das Blackout lachen

Apotheken-Schaufenster werden seit einigen Wochen wieder mit Anti-Cellulitis-Cremes zugepflastert, Euphemismen fürs Abnehmen wie "Entschlacken" und "Entgiften" geistern durch Gesundheitsmagazine, und Modezeitschriften konkurrieren mit originellen und schnellen Diäten. Der Frühling ist da oder, wie es in den besagten Zeitschriften angesichts der noch anstehenden Körperarbeit fast drohend heißt: Die Bikini-Saison steht vor der Tür!

Ein altbekanntes Szenario, wir denken uns auch meistens gar nichts mehr dabei und umschiffen mehr oder weniger routiniert die überall aufpoppende schlechte Nachrede auf unsere unfitten und formlosen Körper. Doch alles wird deshalb nicht hingenommen. Das musste kürzlich das Magazin "In Style" zur Kenntnis nehmen, auf dessen Facebook-Seite zahlreiche entrüstete Kommentare zu einem Artikel in der März-Ausgabe mit obskuren Diät-Tipps gepostet wurden.

Und der Hunger ist "direkt vergessen"

"Ach, lass doch mal das Abendessen weg", riet die Freundin einer "In Style"-Autorin, die sich über ihr  "Leberwurst"-Aussehen mokierte. Damit das Dinner-Cancelling nicht zur sozialen Isolation führt, könnten die Esseneinladungen aber ruhig eingehalten werden, nur halt ohne Essen. Stattdessen tue es Weißwein oder Gin Tonic, und der Hunger sei "direkt vergessen", zeigt sich die Autorin von der "Drinkdiät" begeistert.

Der Härtetest ist für die investigative Journalistin aber eine Geburtstagsfeier, bei der der kalorienarme Alkohol - "Verboten sind Bier und Cocktails wie z. B. eine süße Margarita (ca. 500 Kalorien!)" - fließt. Es war ein Mordsspaß, das sagen zumindest andere Party-Gäste. Sie selbst kann sich aufgrund eines Filmrisses nicht mehr erinnern, und so resümiert sie ihre Alkohol-statt-Essen-Diät: Neben drei Kilo habe sie auch "eine ganze Menge Schamgefühl verloren".

"Pathologische Ideen"

Nun, zahlreiche LeserInnen können sich mit der Autorin nicht über diesen zweifelhaften Erfolg freuen. Auf der Facebook-Seite des Magazins hagelte es Kritik: Ein "unverzeihlicher Artikel", "unreflektiert", "gefährliche und bescheuerte Tipps", schrieben  LeserInnen und sprachen von "pathologischen Ideen".

Tatsächlich konnten sie damit der "In Style"-Redaktion eine Reaktion entlocken. Doch die Ankündigung, im "nächsten Beauty-Sonderheft das Thema Alkoholmissbrauch wissenschaftlich aufzubereiten", legt nahe, dass es da keine großen Erleuchtungen gegeben hat. Dass vielleicht der ständige Imperativ zum Abnehmen an sich bedenkenswert wäre oder dass der Tipp, mit Alkohol Hunger zu bekämpfen, an Dummheit kaum zu überbieten ist.

Dabei hätte sich so manche kundige Leserin die Arbeit gemacht, der Redaktion etwas Nachhilfe zu geben: dass für junge Erwachsene nicht nur belastende Körper- und Schönheitsnormen Thema sind, sondern auch Alkoholkonsum und -missbrauch. In dem Zusammenhang sei es eine "Tatsache, dass vor allem junge Mädchen unter Alkoholeinfluss vermehrt sexueller Gewalt ausgesetzt sind, da sie sich in beeinträchtigtem Zustand nicht mehr wehren können bzw. Übergriffe nicht mehr als solche bemerken. Symptomatisch also, wenn eine Autorin über ihr eigenes Blackout mit unreflektierter Milde hinwegsieht. Aber schlimmer noch, wenn eine Redaktion so wenig inhaltlichen Weitblick hat und diese Gedanken freigibt", heißt es in einem Kommentar auf Facebook, in dem auch eine ernst zu nehmende Stellungnahme gefordert wird.

Die gibt es bisher nicht. Daher gleich eine doppelte Zitrone für "In Style": für den Artikel "Drinkdiät" und für die fadenscheinige Reaktion auf die Kritik. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 26.3.2012)

  • In der März-Ausgabe der "In Style" stoßen LeserInnen auf seltsame Diät-Tipps.
    foto: instyle/montage diestandard.at

    In der März-Ausgabe der "In Style" stoßen LeserInnen auf seltsame Diät-Tipps.

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