Lissabon: Ankommen mit Pfiff und Kroketten

Blog25. März 2013, 17:14
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Nach Bratislava steht nun Lissabon auf dem Programm. Dort haben die Meidlinger einen Startvorteil, und neben einer Kaffee- gibt es auch eine Pfiff-Kultur

In Lissabon anzukommen ist gefühlt kein Zurück-, sondern ein Heimkommen. Wesentlich zu diesem Gefühl trägt die Familie von Lisbon Calling bei, die eine kleine Oase für Reisende inmitten von Lissabon geschaffen hat. Ankommen ist daher ein Anschließen an das, womit wir letztes Mal aufgehört haben. Eigentlich sogar noch besser, aber warum, das erzähle ich beim nächsten Mal. Nur Sofia und J.P. warnen mich schon vor ... So mancher Gast hat Lissabon nicht mehr verlassen.

Kaum in mein Zimmer eingezogen, beginnt schon mein Sprachkurs. Gemeinsam mit Nathalie, die als französische Juristin bald in Angola arbeiten wird, und mit Alexandra aus Beirut nähere ich mich dem Portugiesischen schrittweise an. Wir versuchen uns in kurzen Sätzen und schütteln lachend den Kopf bei neuen Ausnahmeregeln. Die Sprache ist spannend, schwierig, aber auch hilfreich bei meiner kulinarischen Entdeckungsreise.

foto: bianca gusenbauer

Meidlinger haben einen Startvorteil in Portugiesisch

Am Abend, wenn ich durch Alfama oder Bairro Alto, die ältesten Stadtteile von Lissabon, flaniere, konjugiere ich ein paar Verben im Kopf, beobachte die Menschen und denke über Sprache und Kultur nach – Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Die Aussprache und der oft rasche Wechsel von "s" und "sch" in einem Wort sind eine Herausforderung, und ganz klar haben Meidlinger mit ihrer Aussprache des "l" einen Startvorteil. Nicht Portugal, sondern PortugaL (Zunge an den Gaumen gedrückt bei den Vorderzähnen anstoßend). Nicht Imperial, sondern ImperiaL. Apropos Imperial.

foto: bianca gusenbauer

Eigentlich eine Biermarke, aber in Lissabon ist es auch die Bezeichnung für einen Pfiff Bier. Im Gegensatz zu Österreich, wo man kaum noch Pfiff trinkt, gibt es hier eine sehr schöne Pfiff-Kultur – kleine Häppchen (Petiscos) wie Stockfisch-Kroketten (Pastéis de Bacalhau) inklusive. Wochenendtouristen, die sich über die "Damenbiere" wohl eher wundern und sie noch nicht zu schätzen wissen, sind daher sehr einfach am Konsum von größeren Biereinheiten zu erkennen.

foto: bianca gusenbauer

Wie ich also so an meinem ersten Tag weiterspaziere und über Kultur und Sprache sinniere, passiert genau das, worüber ich mich auch in Wien ärgere: portugiesischer Hundekot an meinen Schuhen. Ich denke sofort an die Jahrhundertkreation der Wiener Stadtregierung, "Jedem Gackerl sein Sackerl!". Abgesehen vom Ärgernis entdecke ich auch hier sprachlich eine Ähnlichkeit, denn die Portugiesen lieben genauso wie die Österreicher den Diminutiv, sprich die Verkleinerungsform. Um mein Verärgertsein beim nächsten Hundebesitzer anbringen zu können, setze ich meine Sprachübungen fort und übersetze unseren Gackerl-Spruch auch auf Portugiesisch: "Cada cócózinho, seu saquinho!" Und siehe da, auch ein Sackerl und keine Tüte gibt es hier. Von den Parallelen im Verhältnis zum großen Nachbarn spreche ich an dieser Stelle allerdings nicht.

Bica-Index

In der Kaffeekultur entdecke ich etwas Verbindendes, aber gleichzeitig auch große Unterschiede. In Lissabon trinkt man Bica, eine Abkürzung für Beber isto com açucar, das heißt übersetzt, mit Zucker zu trinken. Bica ist also die Reinform einer Portion Kaffee und eigentlich ein Espresso.

foto: bianca gusenbauer

Davon ausgehend gibt es unzählige Möglichkeiten, Kaffee zu bestellen. Uma carioca ist ein Bica, aber ohne den ersten starken Schuss, um abatanado ist ein Verlängerter, der Galão der Milchkaffee, a meia leite eine große Melange, und dann werden noch viele andere Kaffeeformen angeboten. Getrunken wird Kaffee an der Bar, am Tisch oder auf der Terrasse. Der Preis passt sich der Verweildauer an, und Orlando, mein Sprachlehrer, ist verwundert, als ich ihm über das fast gänzliche Fehlen solch einer Preisdifferenzierung in Österreich erzähle.

foto: bianca gusenbauer

2011, bei meinem letzten Besuch, hat ein Bica in Lissabon durchschnittlich 60 Cent gekostet, ein Fahrschein für die öffentlichen Verkehrsmittel 80 Cent. 2013 legt man um die 70 Cent auf die Kaffeebar, und rund 1,50 Euro kostet die Einzelfahrt. Mittlerweile muss man daher durchschnittlich bereits auf mehr als zwei Bica verzichten, um eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen zu können. Legt man diese Überlegungen auf Wien um, muss man hier derzeit durchschnittlich nur auf einen Espresso beziehungsweise 0,6 Melangen verzichten. Der fast gleich bleibende Preis für einen Bica beziehungsweise die damit abnehmende Kaufkraft von Bica im Vergleich zum Ticket weist einerseits natürlich auf die marode Gesamtwirtschaftslage in Portugal hin, aber auch auf die Bedeutung von Kaffee in der portugiesischen Gesellschaft. Kaffee wird außerhalb und nicht zu Hause getrunken. Die Pastellerias (= Kaffee-Mittags-Snack-Lokal) sind in der Früh und mittags teilweise chaotisch voll, und ein stärkerer Preisanstieg würde wohl übersetzt Revolution bedeuten.

foto: bianca gusenbauer

Do as the Romans do

Und so trinke auch ich hier meinen Kaffee oft und gerne auswärts. Auch sonst habe ich mich kulinarisch den Gepflogenheiten angepasst und genieße Mittagsmenüs, Petsicos, Imperial, Vinho verde und esse mehr süße Teile, als mir gut tut. Mit Sofia, einer portugiesischen Köchin, bereite ich außerdem gerade ein großes portugiesisches Bankett vor, von dem ich auch in Kürze berichten werde. Auf meinem Blog gibt es bereits einen Rezeptbericht darüber.

foto: bianca gusenbauer

Hat vielleicht jemand noch kulinarische Tipps für Lissabon und für den Alentejo? Darüber würde ich mich per E-Mail freuen!

PS: Unsere Bussis heißen hier übersetzt Beijinhos! (Bianca Gusenbauer, derStandard.at, 25.3.2013)

Bianca Gusenbauer schildert in ihren kulinarischen Reiseberichten persönliche Erlebnisse beim Entdecken von Ländern, beim Essen und Trinken - zum reinen Vergnügen und nicht als professionelle Reisejournalistin.

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