Opfer: "Wir wollen ihn hängen sehen"

30. Mai 2013, 11:37
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Die Webdokumentation "Stille Nacht" lässt die Angehörigen der Opfer des Amoklaufs von Kandahar zu Wort kommen - Ein US-Sergeant erschoss dabei im März 2012 16 Menschen

Stille Nacht from 2470media on Vimeo.

Am 11. März 2012 tötet U.S. Staff Sergeant Robert Bales in drei Dörfern rund um den Militärstützpunkt Camp Belambay in Afghanistan 16 Menschen, sechs werden verletzt. Bales selbst wird noch am Tag des Massakers in die USA ausgeflogen. Er befindet sich in Einzelhaft im Militärgefängnis Fort Leavenworth in Kansas. Die US-Militärjustiz hat Bales wegen 16-fachen Mordes und versuchten Mordes angeklagt. Im September beginnt seine Verhandlung.

Die in Afghanistan aufgewachsene Regisseurin Lela Ahmadzai hat mit den Überlebenden gesprochen, die durch Bales' Amoklauf ihre nächsten Angehörigen verloren haben. Entstanden ist eine Webdocumentary, die den Fokus vom Täter entfernt und die Opferseite zu Wort kommen lässt. "Mir war wichtig, dass zur Abwechslung auch mal die Opfer gehört werden", erzählt Lela Ahmadzai im Gespräch mit derStandard.at. Sie hat alle Interviews selbst ins Deutsche und Englische übersetzt. "In die Übersetzung habe ich besonders viel investiert, ich wollte, dass die Aussagen authentisch sind."

Drehort Kabul

Aber auch die Angehörigen aufzufinden und für das Projekt zu gewinnen, war eine extrem aufwändige Angelegenheit. Die meisten leben mittlerweile nicht mehr in ihren Dörfern nahe des Militärstützpunktes. Ahmadzai konnte sieben von ihnen überzeugen, eine Woche lang zu Dreharbeiten in die Hauptstadt Kabul zu reisen und ihre Geschichten zu erzählen. Wie die von Haji Mohammed Wazir. Er verlor elf seiner nächsten Angehörigen, darunter sechs seiner Kinder, seine Frau und seine Mutter.

Die Webdocumentary arbeitet mit Nahaufnahmen in schwarz-weiß und überlässt den Interviewten die Bühne mit Ausnahmen von wenigen erklärenden Kommentaren im Untertitel. Wenige verstörende Originalbilder der Leichen, aufgenommen kurz nach dem Amoklauf, bringen die Dimension der Tat noch stärker ins Bewusstsein. Für die viel diskutierte Mehrtätertheorie fand Ahmadzai Indizien, aber keinerlei Beweise.

Der Prozess vor dem zuständigen Militärgericht beginnt vermutlich im September. Unklar war lange, ob Bales als zurechnungsfähig eingestuft wird. Dann hätte er mit der Todestrafe rechnen müssen. Der Anwalt des 39-Jährigen hat nun bekannt gegeben, dass sein Mandant im Gegenzug für ein Geständnis mit der Staatsanwaltschaft vereinbart habe, dass ihm die Höchststrafe erspart bleibt. Im September wird also entscheiden, ob eine lebenslängliche Haftstrafe mit oder ohne Chance auf Bewährung verhängt wird. Die Hinterbliebenden dürfte dieser Deal nicht freuen. Sie hatten die Todestrafe gefordert. "Wir wollen ihn hängen sehen", sagt ein Betroffener im Video. (mhe, derStandard.at, 30.5.2013)

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