Unsere Essgewohnheiten: "Hund oder Schwein - eine Frage der Ästhetik"

Interview25. März 2013, 08:45
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Was wir essen, ist zu fleischlastig und stark von Werbung bestimmt, sagt Markus Tiedemann, Ethiker an der Freien Universität Berlin. Ohne Änderung unserer Ernährungsgewohnheiten sei die Zukunft künftiger Generationen gefährdet

STANDARD: Wie sehen Ihre Ernährungsgewohnheiten aus: Fleisch, Gemüse oder viel von beidem?

Tiedemann: Ich ernähre mich weitgehend vegetarisch, nicht zu hundert Prozent, aber fast.

STANDARD: Die Aufregung über zuletzt in Supermärkten gefundenes Pferdefleisch war riesengroß. Weil falsch etikettiert wurde oder weil doch mehr dahintersteckt?

Tiedemann: Klar ist, dass hier jemand seine Handelsbedingungen nicht eingehalten hat. Das, was auf einer Packung draufsteht, sollte auch drin sein. Wir haben es hierbei mehr mit einem ökonomisch-juristischen Streitthema zu tun als mit einem ethischen Problem.

STANDARD: Hat der Skandal aber dazu beigetragen, viele Menschen neuerlich für das zu sensibilisieren, was gegessen wird?

Tiedemann: Kann schon sein, dass das einen zusätzlichen Impuls dafür gegeben hat.

STANDARD: In der Schweiz isst man gern Hund und Katze, die Italiener lieben Fleisch vom Pferd, Franzosen Froschschenkel, Chinesen auch Schlangen. Wovon hängt es ab, was wir mögen dürfen sollen?

Tiedemann: Hund oder Schwein - das ist primär nicht eine Frage der Moral, sondern eine der Ästhetik. Man müsste hinterfragen, welcher ethische Status einem Tier zukommt, um ethisch zu argumentieren. In der Fachwelt ist man sich über zwei Dinge einig: Einen vollen ethischen Status hat dann jemand, wenn Bewusstsein und Entscheidungsfreiheit vorliegen. Dann ist der Status einer Person erreicht, und die ist unantastbar.

STANDARD: Folglich sind Tiere auf jeden Fall antastbar?

Tiedemann: Bei einigen Tieren sind wir uns nicht sicher - bei Delfinen etwa oder Primaten. Das sind alles Wesen, denen wir beträchtliches Leid zufügen, ohne zu wissen, ob sie nicht doch zumindest teilweise als Person durchgehen könnten - weil sie sich zum Beispiel selbst im Spiegel erkennen können.

STANDARD: Was noch?

Tiedemann: Tiere sind leidensfähig. Das ist vielen ethischen Theorien zufolge ein Grund, sie in gewissem Umfang unter Schutz zu stellen. Und noch etwas: Nach Immanuel Kant bin ich mir als Mensch selbst Fürsorge schuldig. Zu viel Fleisch zu essen bedeutet, dass ich krank werde. Ich mache mich also gegenüber mir selbst schuldig. Wenn Tiere in einer sehr unerfreulichen Weise gehalten, geschlachtet und verwertet werden, kommt es mit Kant gesprochen zu einem Moment der Verrohung in der Gesellschaft, was ethisch ebenfalls unzulässig ist.

STANDARD: Die Umweltschäden durch industrielle Formen der Fleischerzeugung ...

Tiedemann: ... sind gewaltig. Wir verbrauchen in atemberaubendem Tempo Ressourcen und die Lebensgrundlagen künftiger Generationen. Wir machen uns damit erneut an Menschen schuldig.

STANDARD: Tierschützer gehen davon aus, Tiere hätten von Natur aus die gleichen Rechte wie Menschen?

Tiedemann: Gleichwohl kann man Argumente anführen, warum Tiere nicht den gleichen Status haben. Das liegt vor allem daran, dass sie nicht moralisches Subjekt sein können. Wenn jemand nach einem Schiffbruch im Meer treibt, zwei Inseln sieht und entscheiden kann, wohin, wird er im Zweifel jene Insel ansteuern, wo ein keulenschwingender Mensch hungrig herumläuft und nicht dorthin schwimmen, wo ein hungriger Löwe wartet. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch den Schiffbrüchigen verschont, ist zwar sehr gering, aber es besteht zumindest die Möglichkeit, dass es ein gutes Ende gibt. Genau das macht den Unterschied aus.

Standard: Was bestimmt das Konsumverhalten bei der Nahrungsaufnahme: Geschmack, kultureller Hintergrund?

Tiedemann: Beides. Und es kommt noch etwas Drittes hinzu - Werbung. Wir dürfen die Macht des ökonomischen Prozesses nicht unterschätzen. Wir werden glaubend gemacht, dass wir Dinge mögen, wollen, brauchen. Noch nie war der Fleischkonsum so hoch wie heute.

Standard: Sobald eine Kuh Flocky heißt, das Schwein Simon oder der Hase Benno, sträubt sich etwas im Menschen, dieses Tier zu schlachten und zu verzehren. Warum?

Tiedemann: Das ist ein Anthropomorphismus, die Übertragung menschlicher Eigenschaften auf ein Objekt. Das gibt es auch beim Auto. Gerade bei Deutschen ist es eine furchtbare Eigenschaft, den Autos Namen zu geben und sie auch so anzusprechen. Es gibt auch Menschen, die weinen, wenn ihr Auto in die Schrottpresse muss. Ein Namen gibt auch dem Tier etwas Individuelles, zumindest in unserer Wahrnehmung.

Standard: Sollten Menschen ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie Fleisch essen?

Tiedemann: Der durchschnittliche Mensch in der westlichen Gesellschaft sollte in jedem Fall ein schlechtes Gewissen haben. Er tut sich durch Fleischkonsum etwas Schlechtes, er tut der Gesellschaft durch Verrohung nichts Gutes, und er verbraucht die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen. Der Mensch, der im kleinen ökonomischen Bereich gelegentlich Fleisch isst, sollte hingegen anders beurteilt werden. Erstens folgt er einer relativ natürlichen Anlage des Menschen, und er tut es in einem Umfang, der mit einem größeren Ökosystem absolut verträglich ist.

STANDARD: Kann ein Metzger ein Tierfreund sein?

Tiedemann: Niemand kann ein Tierfreund sein, auch ein Metzger nicht. Freundschaft ist philosophisch durch Wechselseitigkeit definiert. Vielleicht gibt es eine Freundschaft zwischen Herrl und Hund, weil der Hund sein Herrl auch als Freund sieht, folglich auch eine Gegenliebe da ist. Ein Metzger, der das Tier nur wenige Sekunden lebend sieht, kann nie und nimmer ein Tierfreund sein.

STANDARD: Aber er kann Tiere doch gernhaben?

Tiedemann: Es gibt das Phänomen der Tierliebe, die einseitig empfunden werden kann. Man stelle sich einen Metzger vor, der auf einem Biohof voller Freude dafür sorgt, dass diese Tiere ein glückliches, artgerechtes Leben führen können, es aber auch für einen natürlichen Prozess hält, Schlachtungen vorzunehmen. In dieser Konstellation glaube ich durchaus, dass dieser Metzger als Tierliebhaber angesehen werden kann.

STANDARD: Der Metzger bewegt sich in einem Grenzbereich. Wir Konsumenten sehen ja nie das ganze Tier vor uns, wenn wir ein Stück Fleisch im Supermarkt kaufen.

Tiedemann: Es wäre in der Tat grenzwertig, zu glauben, dass derjenige, der aktiv schlachtet, das konkrete Tier vor sich gernhaben kann. Das wäre eine klare Überforderung, da würden in der menschlichen Psyche sofort Schutzfunktionen greifen. Gleichwohl könnte ein Metzger, der meinetwegen Pferde schlachtet, ein Pferdeliebhaber sein, eine Person also, die selbst Reitpferde hält, mit ihnen ausreitet, ein durchaus positives Verhältnis zu ihnen hat, aber unter gewissen Bedingungen der Meinung ist, jetzt sei Schlachten und dann Verzehren angebracht. Das ist allerdings eine sehr romantische Vorstellung. Wir wissen, dass Schlachtbetriebe heute ganz anders laufen, dass dort ökonomische Regeln und nicht irgendwelche Wahrnehmungen oder Emotionen den Ton angeben.

STANDARD: Die Produktion von Kalorien durch Fleisch ist höchst ineffizient und auch unter Umweltgesichtspunkten bedenklich. Warum machen wir es dann doch?

Tiedemann: Erstens steht eine ganz massive Lobby dahinter. Es wird enorm viel Geld mit der Art verdient, wie wir jetzt gerade leben. Und dann gibt es auch Geschmacksgewöhnung. Wenn man Kindern immer wieder Fleisch serviert, dann gewöhnen sich die Geschmacksnerven an einen gewissen Konsum und fordern ihn immer wieder ein. Das System erhält sich sozusagen selbst.

STANDARD: Sind artgerechte Tierhaltung und anschließende Tötung zum Zweck der Fleischproduktion nicht ein Widerspruch?

Tiedemann: In der Regel essen wir ja sehr junges Fleisch. Artgerecht hieße, das Tier auch ein artgerechtes Alter erreichen zu lassen. Das tun wir in der Regel aus verschiedensten Gründen aber nicht. In diesem Sinn stehen artgerechte Haltung und Schlachten tatsächlich in Widerspruch miteinander. Mit Blick auf uns selbst, die Gesellschaft und zukünftige Generationen ist ökologische Fleischproduktion und die damit verbundene Schonung der Ressourcen ethisch geboten. (Günther Strobl, DER STANDARD, 23./24.3.2013)

Markus Tiedemann (42) ist seit 2010 Professor für die Didaktik des Ethik- und Philosopieunterrichts an der Freien Universität Berlin. Der gebürtige Hamburger ist zudem Kovorsitzender des Forums Fachdidaktik innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

  • Hunde gelten in unseren Breiten als beste Freunde des Menschen, ...
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  • ... Schweinskotelettes als delikat.
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  • Warum das so ist, erklärt Markus Tiedemann vom Institut für Vergleichende Ethik an der Freien Universität Berlin.
    foto: der standard

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