So oder so schwere Zeiten für Zypern

24. März 2013, 18:16
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Einigung in letzter Minute oder Absturz von Zypern, Austritt aus der Eurozone. Unter dramatischen Umständen trafen alle Spitzen der EU und des IWF in Brüssel zusammen

Viel kühler und unwirtlicher hätte der Empfang der EU-Hauptstadt für Nikos Anasthasiadis am Sonntag nicht ausfallen können. Kurz bevor der zypriotische Staatspräsident und seine hochrangige Delegation mit dem Chef der Notenbank und dem Finanzminister zu den alles entscheidenden Schlussverhandlungen über ein Rettungspaket für Zypern in Brüssel eintraf, war der Winter zurückgekehrt.

Zehn Zentimeter Schnee, Minusgrade, eine vereiste Landebahn auf dem Flughafen Zaventem: Da mochte der eine oder andere Verhandler ein kurzes Stoßgebet losgelassen haben, damit bei der ohnehin total verfahrenen Situation und dem unmittelbar drohenden Staatsbankrott im letzten Moment hoffentlich nicht auch noch ein entscheidender Player von EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Zentralbank (EZB) wetterbedingt auf der Strecke bleibt. Selten zuvor war im Ratsgebäude und der gegenüberliegenden Kommission die Verunsicherung, auch die Angst vor einem Scheitern der Gespräche so stark spürbar.

Es blieben Zypern nur noch "wenige Stunden", um jene Zugeständnisse zu machen, die die Europartner und die internationalen Geldgeber dazu veranlassen könnten, die nötigen Milliardenkredite im Volumen von mindestens 17 Milliarden Euro - inklusive dem Eigenbeitrag Zyperns - freizugeben. Währungskommissar Olli Rehn, in der Krise sonst eher für optimistischere Wortmeldungen zuständig, deutete vor Beginn der Sitzung der Finanzminister der Eurogruppe an, dass "nur noch harte Entscheidungen übrig" bleiben. Zypern stünden "harte Zeiten bevor, so oder so".

Eine optimale Lösung könne es nach den Ereignissen der vergangenen zehn Tage, nach dem Scheitern des in Brüssel gemeinsam beschlossenen Hilfspakets, nicht mehr geben, so Rehn. Aus Ratskreisen hieß es, wegen der Turbulenzen der vergangenen Tage, der anstehenden Flucht der Anleger, werde die Gesamtsumme der Hilfen um mehrere Milliarden Euro höher ausfallen müssen.

Wie kritisch die Lage ist, zeigte sich bereits zu Mittag: Anasthasiadis traf sämtliche Spitzen der involvierten Institutionen, höchste Ebene: EZB-Chef Mario Draghi, IWF-Chefin Christine Lagarde, Ratschef Herman van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso, Rehn, Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem.

Ähnliche hochrangige Treffen hatte es in den vergangenen Jahren der Krise immer nur gegeben, wenn "Kernschmelzen" im System drohten, etwa im Mai 2010. Damals befürchtete man, dass ein zahlungsunfähiges Griechenland bei Öffnung der Märkte am Montagfrüh einen Bankenzusammenbruch auslösen könnte. Ein Rettungspaket für Athen wurde eine Stunde nach Börsenöffnung in Japan in der Nacht geschnürt.

Auf ähnliche Szenarien wiesen Verhandler auch diesmal hin. Es bleibe nur noch ein halber Tag, um eine Lösung zu finden, die Zeit laufe ab. Die Banken auf Zypern sollten plangemäß zwar erst am Dienstag wieder aufsperren. Aber die Zentralbank hatte bereits vor dem Wochenende klargemacht, dass sie weitere Liquiditätsnothilfen nicht mehr gewähren könnte.

Das Faktum, dass sich sämtliche oberste Entscheidungsträger in Brüssel eingefunden hatten, wurden aber nicht nur als Alarmzeichen für den Ernst der Lage gedeutet, sondern auch als Indiz, dass eine Entscheidung für ein Hilfsprogramm tatsächlich fallen werde.

Wie es im Detail aussieht, darüber gab es am Abend keine gesicherten Informationen. Hatte es Samstag noch geheißen, es werde eine Zwangsabgabe von 15 Prozent auf alle Barvermögen über 100.000 Euro doch geben, so war zuletzt von einer weiteren Differenzierung der Lasten die Rede. So sollten vor allem die (meist russischen) Anleger der Bank of Cyprus zum Handkuss kommen, rund zwanzig Prozent der Anlagen abgeben müssen. Gesicherte Sparguthaben unter 100.000 Euro sollten unangetastet bleiben. (Thomas Mayer aus Brüssel, DER STANDARD, 25.3.2013)

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