Links und erzkonservativ zugleich - geht das?

Kommentar der anderen24. März 2013, 18:00
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Franziskus, kein Pontifex für Schubladendenker

Ich sage einmal etwas ganz Schlichtes: Mit Franziskus wurde ein ziemlich interessanter Papst in sein Amt eingeführt: Er ist ein linker Armutsprediger und ein erzkonservativer Moralapostel - und fordert damit alle heraus, die sich an die gängigen Gesinnungspakete halten, um nicht immer wieder selber denken zu müssen. Linker Armutsprediger und erzkonservativer Moralapostel - eigentlich geht das gar nicht. Genauso gut könnte er für mehr Gerechtigkeit, aber gegen Frauen im Priesteramt sein. Moment. Das ist er ja auch. Unglaublich. Der Mann passt einfach nicht ins Bild. Dabei sind die Pakete bei uns doch klar geschnürt. Wer - sagen wir - gegen die Erderwärmung kämpft, hat gefälligst auch für einen möglichst freien Schwangerschaftsabbruch zu sein. Und wer für einen Mindestlohn ist, ist ja wohl auch für die Homo-Ehe. Und umgekehrt: Wer gegen Frauen im Priesteramt ist, ist sicher auch gegen die ökonomische Umverteilung. Wer die Erderwärmung mit Vorsicht genießt, ist bestimmt auch gegen die Abtreibung. Und wer gegen einen Mindestlohn ist, der hält auch nichts von der Homo-Ehe.

Und dann kommt da dieser aus Argentinien "hergelaufene" Papst und will sich ins bewährte Links-rechts-Schema einfach nicht fügen. Ein starkes Stück.

Vielleicht hat das mit seiner lateinamerikanischen Herkunft zu tun: Die Argentinier und all die anderen spanisch oder portugiesisch sprechenden Amerikaner halten sich nicht an die politischen (Ein-)Ordnungs- und Deutungsprinzipien deutscher Parteien und Soziologen.

Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass Conrad Ferdinand Meyer ergänzt werden muss. Zwar schrieb er zu Recht: "Ich bin kein ausgeklügelt Buch. Ich bin ein Mensch in seinem Widerspruch." Er hätte aber auch schreiben können: Ich bin durchaus ein ausgeklügelt Buch und gerade darum ein Mensch in seinem Widerspruch. Nun gut, das klingt nicht so elegant. Aber es ist doch so: Gerade wer nachdenkt und dazu neigt, ausgeklügelt zu sein, steckt voller Widerspruch, weil die Welt voller Widerspruch steckt. Und wer weiß: Vielleicht ist es ja gar kein so großer Widerspruch, für die Armen und gegen die Homo-Ehe zu sein. Die Armen haben jedenfalls Wichtigeres zu tun, als sich darum zu kümmern, ob homosexuelle Partner Kinder adoptieren dürfen. Sie sind stärker damit befasst, für ihre nicht adoptierten, sondern selbst produzierten Kinder etwas zu essen aufzutreiben. - Aber das nur am Rande. Eigentlich wollte ich nur sagen: Egal, was man von dem Mann hält - Franziskus ist ein ziemlich interessanter Papst. (Rainer Bonhorst, DER STANDARD, 25.3.2013)

Rainer Bonhorst ist ehemaliger Chefredakteur der "Augsburger Allgemeinen" und bloggt im Onlineforum "Achse des Guten".

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