Zwischen Mafia und gefühlter EU

Kolumne24. März 2013, 17:45
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In Neapel hält man neben Monti die in Brüssel für die Schuldigen

Auch in Neapel haben vor allem die Frauen immer noch Wintermäntel an. Am Tag klettert die Temperatur auf 15 Grad, aber ein eisiger Nordwind lässt kaum Freude aufkommen. Kein wirklicher Frühling, keine Regierung, wenig Geld. "Zypern wird es bei uns nicht geben," sagt der Tischnachbar im Kaffeehaus, "unsere Banken kann Frau Merkel nicht plündern. Wir haben nichts zum Sparen, und die Mafia hat ihr Geld woanders."

Das klingt so, als wäre Italien in einer halbwegs komfortablen Lage. Der Schein trügt sicher. Denn die Neapolitaner haben zumindest eine Ähnlichkeit mit dem Denken der Wiener Ureinwohner: Es ist alles Schicksal. Dass der (Nestroys) Komet einschlägt, ist sicher, man weiß nur nicht, wann.

In Neapel droht dieser Komet direkt vor der Haustür. Aber man hat sich an die Gefahr gewöhnt.

Gegen den Vesuv kann man nicht demonstrieren. Wohl aber gegen eine andere Gefahr, die der Camorra, der neapolitanischen Mafia. 2011, nach einer Riesendemonstration, hat man nahe dem Palazzo Reale ein Denkmal für die Mafia-Opfer errichtet. Nichts Kitschiges, sondern eine Stele aus Metall.

Am vergangenen Donnerstag wurden vor diesem Denkmal, dahinter der diesmal nur spärlich bewölkte Vesuv, eine halbe Stunde lang die Namen der Toten der letzten Jahre verlesen - von verschiedenen Stimmen, um Monotonie zu vermeiden. Wenige Tage davor hatte es wieder einen Mafia-Mord gegeben. Mitten in einem Kindergarten.

Und um die U-Bahn, das ästhetisch herausragende Prestigeprojekt der EU und des von 1992 bis 2004 regierenden Ex-Kommunisten Antonio Bassolino als Bürgermeister, tobt ein Kampf zwischen der Camorra und dem seit Mai 2011 regierenden Linksliberalen Luigi de Magistris.

De Magistris, einer der erklärten Feinde Silvio Berlusconis, hatte den Weiterbau der "Metro" bis zum Zentralbahnhof auf der Piazza Garibaldi zu einem seiner Hauptziele gemacht. Auf der Piazza Municipale, zwischen Rathaus und Hafen, klafft seit zehn Jahren ein Riesenloch - mit ein paar antiken Mauern als Ausrede für die Verzögerung.

Vor kurzem ist auf dem Baugelände in der Nähe ein Haus eingestürzt. Rein zufällig war niemand zu Hause. In Neapel erzählt man sich, der Einsturz sei ein Signal der Camorra gewesen: Wenn der Bürgermeister nicht mit uns kooperiert, dann stürzt das gesamte Projekt.

De Magistris hat an mehreren Fronten zu kämpfen. Als Staatsanwalt war er ein Experte für Untersuchungen von missbräuchlich verwendeten Staats- und EU-Subventionen. Dieses Wissen wendet er an und möchte die Stadt korruptionsfrei machen. Müllberge konnte er so reduzieren, dass sie nicht Straßen versperren.

Aber im Jänner zwangen Kürzungen der Regierung Monti den städtischen Verkehrsverbund, 300 der 600 Busse in den Garagen zu lassen. Man konnte das Personal nicht mehr zahlen. Rom machte die Sparpolitik der EU dafür verantwortlich. In Neapel hält man neben Monti die in Brüssel für die Schuldigen. Und für die Hauptursache des eigenen Versagens. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 25.3.2013)

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