"Glaube nicht, dass die Leute Gehaltsstriptease wollen"

Interview24. März 2013, 17:30
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Sozialbau-Chef Ludl sieht im Gemeindebau "nicht das Problem, dass die Wohlhabenden einziehen, sondern dass diese ausziehen"

In der Vergangenheit wurde zu wenig und das Falsche gebaut, sagt Sozialbau-Chef Herbert Ludl im Gespräch mit Claudia Ruff. Abhilfe schaffe jetzt nur ein Sonderwohnbauprogramm.

STANDARD: Worauf führen Sie die Preiserhöhungen bei Mieten zurück?

Ludl: Die Preisexplosion findet nur bei den freien, nicht geförderten Mieten statt und ist im Neubau großteils auf die gestiegenen Grundstückspreise zurückzuführen. Wir in der Sozialbau haben eine jährliche Mietsteigerung von durchschnittlich 2,8 Prozent bei einer Inflation von durchschnittlich 2,4 Prozent. Heute gibt es in Wien praktisch kein Grundstück mehr zu kaufen, das preislich den Anforderungen der Wohnbauförderung entspricht. Dass die Mieten zu teuer sind, geht am Problem vorbei: Es gibt zu wenig Wohnungen. Wäre das Angebot größer, sänken auch die Preise.

STANDARD: Wie kam es zu der aktuellen Schieflage am Markt?

Ludl: Wir haben zu wenig und das Falsche gebaut. Mietwohnungen, die am meisten gefragt sind, wurden am wenigsten gebaut. Errichtet wurden (auch infolge des Immobilienbooms) freifinanzierte Wohnungen und Miet-/Kauf-Objekte, die 30.000 bis 50.000 Euro kosten.

STANDARD: Was muss passieren, um die Situation zu ändern?

Ludl: Wir brauchen ein Sonderwohnbauprogramm, sonst wird sich die Situation noch verschärfen, die Vermieter am freien Markt werden alles herausholen. Wir brauchen günstigen Baugrund, Widmungen und die Infrastruktur. Und man braucht eine langfristige Finanzierung. Es ist kein Problem, Geld mit fünf oder zehnjähriger Laufzeit zu bekommen. Wir brauchen aber eine 25-jährige Laufzeit. Man muss Finanzierungsmodelle schaffen, wo man dem Privatanleger sagt, er bekommt eine sehr geringe Verzinsung, aber das Geld ist sicher.

STANDARD: Was sagen Sie zu einem regelmäßigen Einkommensnachweis, wie ihn die ÖVP fordert?

Ludl: Ich bin heilfroh über die soziale Durchmischung in meinen Häusern, wo der Bankdirektor und die Bedienerin leben. Es gibt eine Basisförderung, mit der die Bedienerin die Eintrittshürde schafft. Sollte es zu sozialen  Problemen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Scheidung kommen, gibt es eine Subjektförderung, die sehr wohl überprüft wird. Im Übrigen ging mehr als die Hälfte der Wohnbauförderung in Eigenheime. Ich glaube nicht, dass diese Leute permanent Gehaltsstriptease machen wollen. Und der Gemeindebau hat nicht das Problem, dass die Wohlhabenden einziehen, sondern dass diese ausziehen. Dort muss man eher gegen die Ghettoisierung kämpfen.

STANDARD: Sind die Qualitätsstandards im sozialen Wohnbau zu hoch?

Ludl: Ja, zum Teil. Wir versenken viel Geld in Tiefgaragen, die keiner braucht. Bis zu einem Drittel davon steht leer. Dazu kommt die Bürokratie. Vom Grundstückskauf bis zur Fertigstellung der Wohnungen vergehen fünf bis sieben Jahre.

STANDARD: In Aspern versucht man ohne Wohnbauförderung einen anderen Weg?

Ludl: Ja, mittels kooperativer Verfahren gelang es, nur zwei Jahre nach dem Projektstart zu bauen. Eine ideale Zusammenarbeit von Vienna Insurance Group, Erste Bank und Stadt Wien. Obwohl es keine Förderung gibt, sind die Wohnungen nicht teurer. (Claudia Ruff, DER STANDARD, 25.3.2013)

Herbert Ludl (68) ist Jurist und seit 1984 Chef der Sozialbau, der größten privaten gemeinnützigen Wohnbauvereinigung. Außerdem sitzt er im Bezirksparteivorstand der SPÖ in Währing und im Wiener SPÖ-Ausschuss.

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