Opa und Enkel machen Musik

24. März 2013, 17:22
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Gustav Mahler Jugendorchester unter der Leitung von Herbert Blomstedt

Wien - Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker, beschrieb im Gespräch einmal das Orchester als ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die große Mitte trägt die Ränder - sie profitiert vom Feuer der Jugend und der Kenntnis der Älteren, kompensiert aber auch das Hinterohrgrün der ersten und die nachlassenden Kräfte der letzten Altersgruppe.

Beim Konzert des Gustav Mahler Jugendorchesters und Herbert Blomstedts im Musikverein war nun zu erleben, welch segensreiche Resultate auch das alleinige Zusammenwirken der beiden Altersrandgruppen zeitigen kann. Nach einem von Leif Ove Andsnes blass-bieder gespielten vierten Klavierkonzert Beethovens (Zugabe: Allegretto der Sonate op. 54) bekam man eine 4. Symphonie Bruckners zu hören, die zum Überwältigendsten, Reichsten gehört, was man in diesem wundervollen Raum erleben durfte.

Wenn Blomstedt dirigiert, lässt man die Partitur zugeklappt und macht sich keine Notizen: Man möchte einfach keine Sekunde verpassen. Man hört staunend und sieht einen Mann, der mit einer balsamischen Mischung aus Freundlichkeit, Gelassenheit, Genauigkeit und Begeisterung ein Werk in all seinen Facetten zum Entstehen, zum Erblühen bringt.

Bruckner klingt bei dem 85-Jährigen nicht nach Bruckner, da ist kein martialisches Auftrumpfen. Selbst wenn man in Reihe 4 zu sitzen kommt, ist es nie zu laut. Wenn bei Christian Thielemann, einem anderer Bruckner-Chefdeuter, Genauigkeit mitunter die Grenze zur Pedanterie und Gestaltungswille die Grenze zum Zwang berührt, so ist bei dem gebürtigen US-Amerikaner mit schwedischen Wurzeln alles Freiheit.

Blomstedt lässt Bruckner sachte tanzen, singen, er gestaltet Phrasen wie etwa das Thema der Bratschen im 2. Satz sorgsamer als mancher Lied-Sänger seinen Schubert (wofür die Stimmgruppe auch einen Sonderapplaus einfuhr). Das GMJO, der Orchesternachwuchs Europas, folgte feinfühlig, virtuos und freudvoll: perfektes Teamwork der Großvater- und der Enkelgeneration. (Stefan Ender, DER STANDARD, 25.3.2013)

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