Tunesien: Nackte Brüste, nackte Wut

24. März 2013, 18:23
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Salafisten fordern Steinigung von Femen-Aktivistin, nachdem sie ein Foto ihres nackten Oberkörpers veröffentlichte

Tunis/Madrid - Tunesiens Salafisten bedrohen eine 19-Jährige mit dem Tod durch Steinigung. Der Grund: Amina hat sich Anfang März der Bewegung Femen angeschlossen. Die Gymnasiastin veröffentlichte auf Facebook ein Foto, auf dem sie mit nacktem Oberkörper zu sehen ist. Auf die Haut geschrieben steht auf Arabisch zu lesen: "Mein Körper gehört mir, er ist niemandes Ehre."

Der Aufschrei der radikalen Religiösen ließ nicht lange auf sich warten. Der bekannte Prediger Adel Ami verkündete eine Fatwa, ein Urteil im Namen des Korans. Amina müsse auf einem öffentlichen Platz 100 Peitschenhiebe erhalten und danach zu Tode gesteinigt werden. Ungestraft durfte er dies im Fernsehen wiederholen. Würde Aminas Verhalten ungestraft bleiben, "könnte es ansteckend wirken und andere Frauen auf Ideen bringen", erklärte er.

Aus Solidarität mit Amina fotografierten sich bereits andere Frauen mit ähnlichen Parolen auf nackter Haut. Unter ihnen auch eine weitere Tunesierin, die sich auch zu den Femen bekennt, der feministischen Protestbewegung, die 2008 in der Ukraine entstand.

In Klinik verschleppt

Amina wurde Anfang letzter Woche von französischen Femen-Aktivistinnen als vermisst gemeldet. Viele befürchteten, sie könnte von Salafisten entführt worden sein. Diese Befürchtung scheint sich als unbegründet zu erweisen. Mittlerweile soll es - so Femen in Paris - Informationen geben, dass Amina von ihrer Familie in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen worden ist.

Eine Schwester Aminas hatte in einem Internetvideo deren Handlung und ihre Mitgliedschaft bei den Femen verurteilt. Dies sei "moralisch dekadent" und verlange nach "psychiatrischer Behandlung". Wenn die Berichte stimmen, wurde Amina von der Familie mithilfe von Zivilpolizisten in eine Klinik verschleppt.

Facebook-Debatte

Auf der Facebook-Seite von Femen Tunisia prallen die Meinungen aufeinander. Während die einen die jungen Frauen als "pervers" und "schädlich für die Religion" beschimpfen, verteidigen andere das Recht der Frauen, ihren Kampf für Gleichberechtigung so zu führen, wie sie es für richtig halten. "Wenn es dir nicht passt, verzieh dich ... Wieder so einer, der sich vor einem Pornofilm selbst befriedigt, aber die Freiheit der Frau nicht akzeptiert", heißt es. Für den 4. April ruft ein Bündnis rund um die iranische Frauenrechtlerin Maryam Namazie dazu auf, in Solidarität mit Amina Topless-Fotos mit Forderungen zu veröffentlichen. (Reiner Wandler, DER STANDARD, 25.3.2013)

  • Heftige Diskussionen auf der Facebook-Seite von Femen Tunisia.
    screenshot: femen

    Heftige Diskussionen auf der Facebook-Seite von Femen Tunisia.

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