Tanz auf den Wracks von Todesmaschinen

24. März 2013, 17:17
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Kambodschas Königliches Ballett zeigte ein Apsara-Stück - das einzige Gastspiel im deutschen Sprachraum

Innsbruck/Wien - 1975 ging in Kambodscha die Welt unter. Das kommunistische Blutregime der Roten Khmer übernahm die Macht. Vier Jahre dauerte diese Apokalypse. Mehr als zwei Millionen Menschen wurden ermordet, darunter auch fast alle Tänzerinnen und Musiker des Königlichen Balletts. Nach dem Sturz des Regimes war kaum mehr als eine Handvoll Überlebender übrig, die versuchten, den Tempeltanz Apsara zu retten: darunter Norodom Buppha Devi und Em Theay.

Ihr Verdienst ist es, dass das Osterfestival Tirol am Wochenende in der Innsbrucker Dogana überhaupt ein Apsara-Stück - noch dazu eines mit 24 Tänzerinnen und zwei Tänzern - zeigen konnte. In der Choreografie von Norodom Buppha Devi wird da einerseits vom Kampf der Dämonen gegen die Götter und zum anderen die Legende von Mera erzählt.

Klassischer Khmer-Tanz

Mera ist eine der himmlischen Nymphen, denen der klassische Khmer-Tanz seinen Namen verdankt. Der Apsara vermittelt seine Geschichten vor allem über ein mehr als 4000 Zeichen umfassendes Handgesten-Vokabular. Wie das westliche Ballett ist auch er eine höfische Kunst. Die Wurzeln des Apsara reichen allerdings mindestens bis ins 8. nachchristliche Jahrhundert zurück. Das belegen die Darstellungen von rund 2000 Apsara-Tänzerinnen in den Reliefs der Tempelanlagen von Angkor Wat, die vor etwa tausend Jahren entstanden sind.

Gastspiele wie dieses machen die ästhetischen Maßstäbe einer tradierten, nichteuropäischen Kunstform live erlebbar. Wichtig sind sie vor allem, wenn sie ihre politischen Zusammenhänge mitbringen. Was in Innsbruck wie ein exotisches Musealwerk auftrat und dem Publikum neunzig bezaubernde Minuten bescherte, lieferte ein Musterbeispiel dafür, wie sehr einem Kunstwerk gerade über die Umstände seines Entstehens Bedeutung verliehen wird.

Ähnlich wie Österreich tut sich Kambodscha schwer mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Noch radikaler als die Nationalsozialisten waren die Roten Khmer unter Pol Pot darauf bedacht, alles Intellektuelle auszulöschen: Bei ihnen wurde schon das Tragen von Brillen mit Folter und Tod geahndet. Das Wissen darüber verändert den klassischen Khmer-Tanz. Der Apsara wurde zum Denkmal für den Untergang von Pol Pots Utopie. Auf diese historischen Zusammenhänge hat das Osterfestival hingewiesen. Es hätte daraus aber auch einen hochinformativen Schwerpunkt machen können: etwa mit einem Programm aus Filmdokumentationen über das Pol-Pot-Regime und den Apsara. Eine bedauerliche Nachlässigkeit.

Zeitgleich dazu beging in Wien das Tanzquartier einen richtig schweren kuratorischen Fehler, als es Olga de Sotos Stück Débords. Reflections on The Green Table ohne Begleitprogramm, Einführung oder Publikumsgespräch präsentierte. Der grüne Tisch von Kurt Jooss aus dem Jahr 1932 handelt vom Wahnsinn der Kriegsdiplomatie. De Soto hat verstanden, dass eine bloße Rekonstruktion dieser berühmten, knapp vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland entstandenen Arbeit heute nicht ausreicht. Stattdessen interviewte sie Mitwirkende an der Deutschlandtournee der Wiederaufnahme von 1946 und choreografierte aus den Videomitschnitten eine bewegte Struktur für die Bühne.

Heraus kam ein bis ins letzte Detail gelungenes Projekt. Umso trauriger, dass dieses genau 75 Jahre nach der Machtübernahme der Nazis in Österreich ohne Kontextualisierung gezeigt und zu Beginn der Osterferien vor dem Publikum geradezu versteckt wurde. Für das kambodschanische Ballett in Innsbruck gab es wenigstens eine kurze, leider nur oberflächliche Einführung.

Wie der Apsara, so wurde auch Jooss' Expressionismus zeitweilig ausradiert. Der Künstler entwischte den Schergen der Gestapo um Haaresbreite. Nach dem Krieg erwies sich dann gerade der Expressionismus als wichtige Brücke in die Choreografie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch der Apasara erfährt Erweiterungen. Das zeigte die kambodschanische Choreografin Sophiline Cheam Shapiro in ihrer Übertragung des Zauberflöte-Stoffs in eine Apsara-Erzählung. Ihr Stück Pamina Devi war 2006 in Wien bei New Crowned Hope zu sehen. Shaprio will den Apsara für zeitgenössisches Experimentieren öffnen. Vielleicht wird er ja zur Brücke in die Choreografie von morgen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 25.3.2013)

  • Tänzerin des Königlichen Balletts Kambodscha, das am Samstag beim Osterfestival Tirol gastierte. Der Tanz Apsara erzählt seine Geschichten mithilfe eines 4000 Zeichen umfassenden Handgesten-Vokabulars.
    foto: anders jiras

    Tänzerin des Königlichen Balletts Kambodscha, das am Samstag beim Osterfestival Tirol gastierte. Der Tanz Apsara erzählt seine Geschichten mithilfe eines 4000 Zeichen umfassenden Handgesten-Vokabulars.

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