"Jungärzte sind Systemerhalter für den Schwesternbereich"

24. März 2013, 17:33
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Jeder vierte Medizin-Absolvent verlässt Österreich. Wegen der "schlechten und unnötig langen Ausbildung" für Jungärzte, sagt Med-Uni-Wien-Rektor Schütz. Eine neue Med-Fakultät in Linz wäre eine falsche und teure Therapie, warnt Uniratsvorsitzender Erhard Busek

Wien - Sie wissen, dass wenn der Uniratsvorsitzende und der Rektor der größten Medizinerausbildungsstätte des Landes, der Medizin-Uni Wien, gemeinsam auf den Plan treten, schnell der Konter kommt: "Das ist der Neid." Trotzdem nehmen Erhard Busek und Wolfgang Schütz im STANDARD-Gespräch erstmals gemeinsam Stellung zur massiv vorangetriebenen Forderung der oberösterreichischen Landespolitik nach einer eigenen Medizin-Fakultät in Linz.

Keine Bedarfsstudien

"Wir haben dazu lange geschwiegen als Rektorat und waren immer bemüht um eine sachliche Diskussion", betont Rektor Schütz: "Aber in der Ärztebedarfsstudie, auf die immer verwiesen wird, steht kein einziges Wort, dass mehr Studienplätze notwendig sind." Die Linzer wollen 200 Medizinplätze, vor allem, so das Argument, um dem Ärztemangel in Oberösterreich gegenzuwirken.

"Dieses Problem löst eine Medizin-Fakultät aber sicher nicht", widerspricht Uniratsvorsitzender Busek: "Da müsste man zuerst einmal in einer gesamthaften Studie untersuchen, warum so viele junge Ärzte nach der Ausbildung ins Ausland gehen, vor allem nach Deutschland." Im Jahr 2010 hat ein Viertel (24 Prozent) der Medizin-Absolventen Österreich verlassen, "weil die Ausbildungsqualität in Österreich nach dem Studium schlecht und unnötig lang ist", erklärt Schütz. Turnusärzte seien "billige Arbeitskräfte in den Spitälern geworden", die viele Tätigkeiten erledigen müssten, die eigentlich in den Bereich der Pflege oder Administration fallen. 

Systemerhalter

"Jungärzte sind Systemerhalter für den Krankenschwesternbereich", formuliert es Busek, der daher vor allem Handlungsbedarf für den Gesundheitsminister, die Ärztekammer und die Länder sieht. Neue, teure Medizinstudienplätze könnten da nicht die Antwort sein. Zumal, warnt Busek, ein neuer Medizin-Standort in Linz als Gegenplan zur Ärzteabwanderung nach Deutschland ironischerweise wieder neue Medizin-Studenten aus Deutschland nach Österreich, in dem Fall Oberösterreich, locken könnte, da im Nachbarland ein strenger Numerus clausus für dieses Fach gilt.

Derzeit schützt da die von der EU zugestandene Quotenregelung für das Medizin-Studium, die 75 Prozent der 1500 Studienplätze für österreichische Maturanten reserviert (siehe Wissen unten). Sollte diese Zahl nun für eine etwaige Medizin-Fakultät in Linz aufgestockt werden, was Oberösterreich ja fordert, dann könnte die der EU abgerungene Quote schnell zur Diskussion stehen, warnt Busek. Für den Fall, dass die drei staatlichen Medizin-Unis Plätze an die Linzer Fakultät "abtreten" müssten, ist für ihn klar: "Das wäre teurer."

"Uraltpolitik" der Länder

Apropos teuer. Da wirft Ex-Wissenschaftsminister Busek den Landespolitikern "relativ primitive Überlegungen" vor, nach dem Motto: "Wenn der das hat, muss ich das auch haben. Das ist Uraltpolitik der Länder. Wenn es so billig wäre, wie sie tun, dann sollen sie doch eine Privat-Uni machen."

Die universitären Begehrlichkeiten der Oberösterreich-Vertreter - sekundiert von den drei oberösterreichischen Ministern für Finanzen (Maria Fekter, ÖVP), Gesundheit (Alois Stöger, SPÖ) und Wirtschaft (Reinhold Mitterlehner, ÖVP) und sehr wohlwollend begleitet von Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) - bescheren dem langjährigen ÖVP-Politiker ein Déjà-vu: "Es ist eine Frage des nationalen Stolzes eines Bundeslandes. Das ist September 2008."

Jener September, der ziemlich teuer wurde für die Steuerzahler. Damals wurden vier Tage vor der Nationalratswahl in der legendären Nationalratssitzung vom 24. September mehrere Milliarden Euro ausgegeben - zum Beispiel für die Abschaffung der Studiengebühren, die Verlängerung der Hacklerregelung oder die Aufstockung der Familienbeihilfe.

"Löst keine Probleme"

Eine Medizin-Fakultät in Linz fiele für Rektor Schütz unter diese Rubrik: "Ein Prestigeprojekt auf Steuerzahlerkosten, das keines der angesprochenen Probleme löst." (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 25.3.2013)

Wissen: 1500 von der EU abgesegnete Plätze

Im August 2005 kippte der Europäische Gerichtshof (EuGH) den österreichischen Uni-Zugang, weil ausländische Studierende im Heimatland einen Studienplatz vorweisen mussten. Österreich fürchtete daraufhin (nicht ganz unbegründet) einen Ansturm deutscher "Numerus-clausus-Flüchtlinge" auf die hiesigen Medizin-Unis und führte 2006 eine Quotenregelung ein: 75 Prozent der 1500 Studienplätze für Human- und Zahnmedizin an den drei staatlichen Medizin-Unis in Wien (740), Graz (360) und Innsbruck (400) sind für Inhaber österreichischer Maturazeugnisse reserviert, 20 Prozent für EU-Bürger, der Rest für den Rest der Welt. Bis 2012 ruhte das Vertragsverletzungsverfahren der EU, im Dezember bekam Österreich weitere vier Jahre Zeit, um die EU-Kommission von der Notwendigkeit einer (nach EU-Recht diskriminierenden) Quotenregelung zu überzeugen. Bis Fristablauf muss Österreich seine Argumentation belegen, wonach der eigene Mediziner-Bedarf nur mit Zugangsbeschränkungen für Ausländer gesichert ist.

  • Eine Medizin-Fakultät in Linz?
    foto: istockphoto.com/hocus-focus

    Eine Medizin-Fakultät in Linz?

  • Für Wolfgang Schütz (li.) und Erhard Busek wäre das ein "Prestigeprojekt auf Steuerzahlerkosten".
    foto: standard/fischer

    Für Wolfgang Schütz (li.) und Erhard Busek wäre das ein "Prestigeprojekt auf Steuerzahlerkosten".

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