Bersani: Der Mann, der keine Puppen kämmen will

Kopf des Tages24. März 2013, 19:48
3 Postings

Der 61-jährige Linkspolitiker gilt als nüchtern, unbescholten und vor allem in Wirtschaftsfragen als kompetent

Pier Luigi Bersanis Versuch, im neu gewählten römischen Senat eine Mehrheit zu finden, gleicht einem Drahtseilakt, bei dem ein Absturz beinahe schon eingeplant ist. Dennoch ist der 61-Jährige alles andere als ein Träumer. Er ist ein Linker mit ausgeprägtem Realitätssinn, gilt als nüchtern, unbescholten und vor allem in Wirtschaftsfragen als kompetent. Seine Tragik liegt darin, dass er jetzt ausgerechnet mit seinem ungeliebten Gegenspieler, dem Showman Silvio Berlusconi, um eine Regierung für Italien verhandeln muss.

Freilich geht ihm auch die Ausstrahlung des Cavaliere ab. Seine Auftritte sind meistens betont sachlich. "Ich bin gegen eine Politik, die sich nur um eine Person dreht. Politik muss schlicht sein, sie darf keine Märchen erzählen." Bersani stammt aus Bettola, einer kleinen Gemeinde in der roten Emilia-Romagna, wo seine Eltern eine Tankstelle führten. Dort organisierte er bereits als Ministrant seinen ersten Streik, weil "der Pfarrer das Taschengeld nicht gerecht verteilte".

Seine Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen hat er nie verleugnet. Noch heute mischt er sich gerne unters einfache Volk. Nach dem Studium der Philosophie begann er seine politische Laufbahn früh. Bereits mit 29 saß Bersani in Bologna in der Regierung seiner Heimatregion, die er schon bald als Präsident führte. Zwischen 1996 und 2008 sammelte er unter drei Mitte-links-Regierungen als Minister für Industrie, Transport und Wirtschaft Erfahrungen. Unter Premier Romano Prodi setzte er gegen großen Widerstand ein Liberalisierungspaket durch.

2009 wurde der mit einer Apothekerin verheiratete Vater zweier Töchter zum Vorsitzenden des Partito Democratico gewählt. Obwohl seine Laufbahn in der alten kommunistischen Partei begann, gilt er als unideologischer Pragmatiker. Legendär sind seine Fernsehauftritte mit dem Komiker Maurizio Crozza, seine witzig-originellen Metaphern sind längst Allgemeingut ("Wir sind nicht hier, um Puppen zu kämmen"). Als guter Bariton und Anhänger seines emilianischen Landsmannes Vasco Rossi singt Bersani gerne mit Parteifreunden.

In seiner eigenen Partei ist der Vorsitzende unter Druck geraten. Obwohl er einen Wahlerfolg prophezeit hatte, verlor der Partito Democratico drei Millionen Wählerstimmen und landete einen Pyrrhussieg ohne regierungsfähige Mehrheit im Senat. Seinem jungen Rivalen Matteo Renzi vertraut fast die Hälfte der Italiener, dem angeschlagenen Parteichef nur noch 34 Prozent. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 25.3.2013)

Share if you care.