LehrerInnen für alle Schulen auf universitärem Niveau bilden

Blog26. März 2013, 12:26
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Mathematikdidaktiker Jürgen Maaß fordert eine Qualitätsoffensive in der LehrerInnenausbildung

Seit der großen Bildungsoffensive in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts herrscht in vielen Bereichen institutioneller Stillstand oder wegen des Sparens sogar Rückschritt. Selbstverständlich hat es in den letzten 40 Jahren viele engagierte Menschen gegeben, die in ihren Bildungseinrichtungen vieles und auch viel Lobenswertes geleistet haben - es ist sogar aus meiner Sicht ausdrücklich und bewundernd festzuhalten, dass sich so viele Lehrende an allen Bildungseinrichtungen so intensiv um Qualität bemüht haben, obwohl immer nur gespart wurde. Der Stillstand zeigt sich in den Strukturproblemen im Bildungsbereich und den daraus resultierenden andauernden Chancenungleichheiten für die Heranwachsenden.

Arbeitsteilung ein Strukturproblem

Wieso ist das "bewährte" System der Arbeitsteilung zwischen Pädagogischen Akademien (Pädaks) beziehungsweise Hochschulen (PHs) und Universitäten ein Strukturproblem? Es ist schon sehr bezeichnend, dass diese Frage überhaupt gestellt werden muss. In fast allen Bereichen unserer Gesellschaft ist es ganz selbstverständlich, dass für die beste Qualität und die beste Leistung die Universitäten gefordert werden. Wenn ein Mensch ernsthaft krank wird, möchte dieser Mensch vom berühmtesten Universitätsprofessor persönlich untersucht und geheilt werden; wenn eine wichtige naturwissenschaftliche, technische, wirtschaftliche, geistes- oder sozialwissenschaftliche oder eine rechtliche Frage zu klären ist, wird ein Gutachten von einer Universitätsprofessorin verlangt. Nur bei der Bildung gibt sich Österreich - in dieser Entscheidung international recht isoliert - mit weniger Qualität zufrieden.

Was sind die Gründe?

Auf der Suche nach Gründen dafür werden von unterschiedlichen Interessengruppen und KollegInnen etwa folgende Theorien angeboten:

a) Der Ideologieverdacht: Die herrschende Klasse, vertreten durch die "Schwarzen", will nicht, dass die Massen gebildet sind und die ungerechten Strukturen unserer Gesellschaft verstehen und dann verändern. Ähnliches wird auch über jene Parteien gesagt, die hauptsächlich von "dummen" Leuten gewählt werden.

b) Die Spartheorie: Selbstverständlich ist den jeweiligen Regierungen klar, dass es große Qualitätsunterschiede in der LehrerInnenbildung zwischen PH und Uni gibt, aber ein A-Posten-Gehalt für alle LehrerInnen wäre viel zu teuer. Für diese Theorie spricht, dass die derzeit angekündigte LehrerInnenausbildung neu samt Einpassung in die Bologna-Struktur im Wesentlichen darauf hinausläuft, dass Leute mit dem Abschluss "Bacc." an allen Schulen unterrichten und dann selbstverständlich kein A-Posten-Gehalt bekommen werden.

Wirtschaftsstandort in Gefahr

Weshalb kommt dennoch überhaupt Bewegung in die Bildungspolitik? PISA und Co. sind aus wissenschaftlicher Sicht zwar sehr fragwürdig, aber für die Wirtschaft und Teile der Politik sehr glaubwürdig beziehungsweise wegen der nicht so guten Ergebnisse für Österreich sehr bedrohlich. Der Wirtschaftsstandort ist in Gefahr! Die OECD drängt auf Gesamtschulen und bessere Qualifikation der ArbeitnehmerInnen als Voraussetzung für wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit. Selbstverständlich geht es dabei nicht um Bildung, um mündige und kritische BürgerInnen, sondern um naturwissenschaftlich-technische Ausbildung, um Leute, die jene neuen Technologien erfinden und entwickeln sollen, mit denen auf künftigen Weltmärkten Exporterfolge zu erzielen sind. Ob und wie diese Ausbildung mit jener allgemeinen Bildung vereinbar ist, wird nur selten und im kleinen Kreis überlegt.

Bei Fachdidaktik aufholen

Was tun? Die derzeitige Situation der LehrerInnenausbildung für AHS und BHS an den österreichischen Universitäten ist keineswegs perfekt. Aus Kostengründen ist die fachliche Qualifikation oft an die jeweiligen Fachstudiengänge für Magister oder Diplom angehängt. Daher ist den Studierenden oft zu Recht nicht klar, weshalb sie die verschiedenen Fachlehrveranstaltungen besuchen müssen. Bei pädagogischen oder fachdidaktischen Lehrveranstaltungen gibt es solche Unklarheiten sehr viel seltener. Allerdings fehlt es - wieder aus Kostengründen (?) - in vielen Studienrichtungen an einer hinreichenden personellen Ausstattung der jeweiligen Fachdidaktik. Wenn, wie in den anderen Bereichen der universitären Lehre, deren besondere Qualität darin begründet sein soll, dass hier Forschung und Lehre nach Humboldt'schen Idealen verbunden sind, dann muss zumindest eine habilitierte beziehungsweise gleichwertig qualifizierte Person für die Fachdidaktik zuständig sein. Das ist derzeit keinesfalls so - viele Studienrichtungen für Lehramt stützen sich in Sachen Fachdidaktik ausschließlich auf Lehraufträge für LehrerInnen aus Schulen.

Integration der PHs in Unis

Eine Integration der derzeitigen PHs inklusive der derzeit noch von den PHs organisierten zweiten Phase der Ausbildung in die Universitäten - wie es in anderen Ländern gelungen ist - könnte nicht nur die Qualitätsfrage hinsichtlich der fachlichen, fachdidaktischen und pädagogischen Kenntnisse und Fähigkeiten für die künftigen LehrerInnen positiv beantworten, sondern auch den Universitäten den nötigen Impuls zur Reform der LehrerInnenbildung geben. (Jürgen Maaß, derStandard.at, 26.3.2013)

Jürgen Maaß ist Mathematikdidaktiker und stellvertretender Vorstand des Instituts für Didaktik der Mathematik an der Universität Linz. In der deutschen Gesellschaft für Didaktik der Mathematik gründete er den Arbeitskreis Mathematikunterricht und Mathematikdidaktik in Österreich und leitet nunmehr den Arbeitskreis Mathematik in der Weiterbildung. Er ist Mitglied des Kuratoriums der österreichischen Jugendmedienkommission und Obmann der Arbeitsgemeinschaft Computer und Spiel. Darüber hinaus ist er Landesvorsitzender der Sektion der HochschullehrerInnen in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst.

  • Lehrerausbildung an der Uni oder an der Pädagogischen Hochschule?
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    Lehrerausbildung an der Uni oder an der Pädagogischen Hochschule?

  • Jürgen Maaß: "Die derzeitige Situation der LehrerInnenausbildung für AHS und BHS an den österreichischen Universitäten ist keineswegs perfekt." Trotzdem sieht er die Unis als geeignetere Institutionen an.
    foto: privat

    Jürgen Maaß: "Die derzeitige Situation der LehrerInnenausbildung für AHS und BHS an den österreichischen Universitäten ist keineswegs perfekt." Trotzdem sieht er die Unis als geeignetere Institutionen an.

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