Kreml-Kritiker Beresowski tot - Keine Hinweise auf Vergiftung

24. März 2013, 12:27
129 Postings

Im Alter von 67 Jahren gestorben - "Forbes"-Interview wenige Stunden vor Tod

London/Moskau - Der russische Milliardär Boris Abramowitsch Beresowski ist tot. Der Kreml-kritische Geschäftsmann sei am Samstag gestorben, sagte sein Sprecher Tim Bell. Gift-Experten der britischen Polizei haben im Haus des tot aufgefundenen russischen Oligarchen nach eigenen Angaben "nichts Beunruhigendes" gefunden. Die auf chemische, biologische und radioaktive Stoffe spezialisierten Kriminaltechniker hätten "nichts Verdächtiges" im Haus entdeckt, daher "führen wir jetzt die üblichen Ermittlungen durch", erklärte die zuständige Thames Valley Police am Sonntag. Die Polizei hatte die Todesumstände zuvor als "ungeklärt" bezeichnet.

Das russische Magazin "Forbes" veröffentlichte unterdessen im Internet ein am Freitagabend, wenige Stunden vor seinem Tod, mit Beresowski geführtes Interview. Darin sagt der erklärte Kremlkritiker und Intimfeind des russischen Präsidenten Wladimir Putin: "Mein Leben hat keinen Sinn mehr. Ich habe keine Lust Politik zu machen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin 67 Jahre alt. Und ich weiß nicht, was ich in Zukunft machen soll."

Bei dem Interview des "Forbes"-Journalisten Ilja Dschegulow handelte es sich eher um ein informelles Gespräch, das nicht aufgenommen wurde und nicht zur Veröffentlichung bestimmt war. Nach Beresowskis Tod entschied sich der Journalist jedoch, es publik zu machen. "Nichts wünsche ich mir mehr als nach Russland zurückzukehren", sagt Beresowski in dem Interview. "Ich hatte unterschätzt, wie sehr ich an Russland hänge und dass ich kein Emigrant sein kann."

Beresowski-Freund gegen Selbstmord-Version

Zuvor hatte Beresowskis Anwalt Alexander Dobrowinski dem Nachrichten-Fernsehsender Rossija 24 gesagt: "Ich habe aus London einen Anruf erhalten, in dem mir gesagt wurde, dass Beresowski sich umgebracht hat". Dazu, wer ihn aus London anrief, machte der Anwalt keine Angaben. Er fügte hinzu, Beresowski sei zuletzt in einem "furchtbaren Zustand" und "völlig überschuldet" gewesen. Er habe seine Kunstschätze und andere Dinge verkaufen müssen. Beresowskis Freund Demian Kudriawzew widersprach der Darstellung: "Das weiß keiner, es gibt keine äußeren Zeichen für Selbstmord."

Der schwerreiche Kreml-Gegner galt als Russlands Staatsfeind Nummer eins. Immer wieder hatte der Multimilliardär von sich behauptet, als Königsmacher im Kreml Wladimir Putin letztlich selbst zum Nachfolger von Präsident Boris Jelzin gemacht zu haben. Als der frühere Geheimdienstchef Putin an die Macht kam, suchte der auch dick im Mediengeschäft verdienende Oligarch aber schnell das Weite. Im Jahr 2000, als Putin Präsident wurde, ging er nach London, wo er dann politisches Asyl erhielt.

Anschuldigungen gegen Putin

Von dort aus stichelte Beresowski nicht nur gegen den Machthaber im Kreml. Er wetterte gegen den neuen Geheimdienststaat unter Putin und diktierte kremlkritischen Journalisten schwerste Vorwürfe gegen den Präsidenten - bis hin zum Mord. Seine Anschuldigungen fielen aber immer auch direkt auf den Milliardär zurück. Der Kreml brachte ihn letztlich selbst mit den großen und bis heute ungeklärten politischen Morden in Russland in Verbindung.

Dazu gehören etwa die Todesschüsse auf die kremlkritische Reporterin Anna Politkowskaja von der Zeitung "Nowaja Gaseta". Genauso das Attentat auf den früheren Geheimdienstmitarbeiter Alexander Litwinenko, der 2007 an dem Strahlengift Polonium 210 starb. Kremltreue Kräfte unterstellten Beresowski, er habe beide persönlich ausschalten lassen, um damit dem Präsidenten zu schaden.

Prozesse gegen Beresowski

Auch unter Kremlkritikern und oppositionellen Journalisten galt Beresowski als undurchschaubare und zwielichtige Figur. Der Kreml versuchte, diesen Ruf noch zu verstärken, indem er Beresowski mit Prozessen wegen Wirtschaftsverbrechen von Geldwäsche über Betrug bis zur Steuerhinterziehung überzog. Die Urteile gegen den Milliardär ergingen stets in Abwesenheit.

Nicht zuletzt belastete der Fall Beresowski auch die russisch-britischen Beziehungen. Mit Gesuchen an London, den Staatsfeind auszuliefern, scheiterte Russland wieder und wieder. Aus seinem Exil finanzierte Beresowski die russische Opposition.

Angeblicher Reue-Brief

Noch ehe sein Tod am Samstag offiziell bestätigt wurde, teilte Putins Sprecher Dmitri Peskow mit, dass Beresowski angeblich erst unlängst einen Reue-Brief an den Präsidenten geschrieben habe. Darin soll der in Ungnade gefallene Oligarch Fehler eingeräumt haben. Der Tod auch eines Kritikers sei jetzt nicht der Zeitpunkt, Schadenfreude zu zeigen, meinte Peskow.

Über alle politischen Lager in Moskau hinweg wurde Beresowski als markante, aber umstrittene Persönlichkeit gewürdigt. Russische Ermittler teilten mit, dass sie die strafrechtliche Verfolgung Beresowskis nun einstellen könnten. (red/APA, derStandard.at, 23.3.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    1946-2013: Boris Beresowski.

Share if you care.