Färinger spielen Österreich in die Hände

Analyse23. März 2013, 03:22
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Das 6:0 in Wien zeigt, wie Marcel Kollers Österreich sich entfaltet, wenn man es einfach walten lässt - Grundsätzlich gilt wohl: Wer Arnautovics Genie will, muss das Scheitern als Methode verstehen

Möglicherweise haben die Färinger mit dem kurzfristig ausgefallenen Marc Janko in der Startelf gerechnet. Das würde erklären, wie sie mit einer dermaßen hohen Verteidigungslinie durchzukommen gedachten. Als die im 4-2-3-1 aufgelaufene Mannschaft des dänischen Trainers Lars Olsen in den ersten Minuten des Spiels die Aufbauversuche der österreichischen Verteidiger anpressten, musste man davon noch etwas erstaunt sein – ja ein Hauch von Unangenehmlichkeit lag in der Luft. Auf derartiges reagiert des ÖFB-Team gewöhnlich allergisch.

Aber spätenstens als der flinke Philipp Hosiner in der 14. Minute zum dritten Mal entwischte und zweiten Mal einnetzte, durfte der dänisch-färingerische Gameplan als gescheitert betrachtet werden. Österreichs Team zeigte sich am Freitagabend im Ernst Happel-Stadion offensiv in seiner natürlichen Form. Der 4-4-1-1/4-2-3-1-Hybrid wird freilich selten so sorglos gelingen, wie bei diesem 6:0-Sieg, aber etwa so würde Kollers Mannschaft immer aussehen, wenn es sich die Entfaltung erkämpfen kann oder man es nur lässt.

Defensive ohne Herausforderung

Personell gab es an einigen Stellen erzwungene Veränderung. Torwart Heinz Lindner ersetzte den verletzten Robert Almer. Man sagt dem jungen Austria-Keeper eine gewisse Schwäche bei Flanken nach. Die Färinger kamen schlicht nicht dazu, diese zu testen. Gegen die robusten Iren wird Lindner mehr beweisen müssen. Auch die Innenverteidigung erldigte gewissenhaft und unspektakulär ihre Pflicht. Keeper wie Emanuel Pogatetz und Aleksandar Dragovic mangelte es an Notwendigkeit zum Riskieren und Glänzen. Darüber sollte man nicht jammern. Im Ernstfall liegt hier freilich ein Element des österreichischen Spiels, das sich erst noch beweisen muss. Nicht nur in defensiver Hinsicht, auch im Spielaufbau.

Aufgerückte Außenverteidiger machen Österreich gefährlich, sie wagen sich so konsequent wie am Freitag gegen bessere Gegner aber selten vor. György Garics wurde für seinen Angriffsarbeit mit einem Tor belohnt (wenn auch gegen den sichtlich seit Monaten vereinslosen Ex-ManCity-Keeper Gunnar Nielsen). Es war aber vor allem Linksverteidiger Christian Fuchs, der den Gästen mit seinen Vorstößen immer wieder Kopfzerbrechen bereitete (siehe die Vorlage zum 1:0).

Unterdessen gab David Alaba - abgesichert von Veli Kavlak - einmal mehr den zentralen Taktgeber und war für die Opposition in diesem Fall mehrere Klassen zu gut. Alaba verteilte die Bälle, forderte seine Vorderleute, suchte Abschlüsse, erzielte ein Tor und strahlte immer eine beruhigende Sicherheit aus. Man kann ihm und dem österreichischen Team nur wünschen, dass sein Geschick im Mittelfeld irgendwann auch dazu führt, dass er diese Position bei einem Verein übernehmen wird.

Über Arnautovic

Die Angriffsabteilung presste den Gegner nach Lust und Laune an. Nahezu alle Offensivleute schrieben zudem in der Torschützenliste an. Zu den Premierentreffer (des danach phasenweise untergetauchten und durchaus nicht total effizienten aber freilich lobenswerten) Hosiners gesellten sich je einer aus der Distanz von Andreas Ivanschitz und Zlatko Junuzovic.  Marko Arnautovic komplettierte die flexible und aufs Zentrum gerichtete Angriffs-Dreierreihe, wurde für sein redliches Bemühen an diesem Tag aber persönlich nicht belohnt. Arnautovic wollte schlicht nichts gelingen, so sagte das Beobachtergefühl. Aber auf drei teilweise grenzgeniale Vorlagen seinerseits hätten trotzdem Tore andererseits folgen müssen.

Wie es möglich ist, dass jemand der eine Stunde aussieht, als gelänge ihm kein entscheidender Pass, plötzlich mit herausragenden Weltklasseaktionen glänzt? Das eine bedingt das andere. Arnautovic scheut die schwierigen Pässe und selbstsicheren Aktionen nicht. Nie. Sie mögen manchmal vielleicht überkandidelt aussehen und den Beobachter entnerven, wenn sie nicht funktionieren – weil sie das gar nicht immer können und an manchen Tagen eben weniger als an anderen. Aber im Optimalfall kann er eine zerstörerische Wirkung entfalten, wie das überhaupt wenig andere Spieler zu tun vermögen. Er läuft einfach so oft an bis es gelingt. Natürlich kann man ihn zu mehr Einfachheit mahnen und sicher lässt sich die Erfolgsquote verbessern. Aber ganz grundsätzlich gilt wohl: Wer Arnautovics Genie will, muss das Scheitern als Methode verstehen.

Färöer kein Maßstab

Dieser längere Exkurs in die Leistung eines einzelnen Spielers, der für das Ergebnis nicht unmittelbar entscheidend war, sei mir diesmal erlaubt. Die Analyse eines derartigen Kantersiegs ist immer schwierig, weil schon das Ergebnis erzählt, dass alles richtig war und viel zu viel funktionierte, um spezielle Elemente herauszuheben. Die Entwicklung der Mannschaft lässt sich nicht an einem klaren Sieg gegen einen Fußballzwerg ablesen.

Es war fraglos das leichteste Spiel der Qualifikation (auch die windige Angelegenheit auswärts auf den Inseln im Oktober wird wohl schon wieder schwieriger) und natürlich kein Maßstab für die weiteren Begegnungen. Ein in allen Belangen unterlegener Gegner lief einem gut aufgelegten ÖFB-Team ins offene Messer und ließ immer wieder Räume unprofessionellem Ausmaßes offen. Niemand sollte und niemand wird sich diese Leistung zu Kopf steigen lassen. Aber immerhin: Die Aufgabe wurde mit höchster Konzentration und Professionalität abgehandelt.

Zahlen ohne Sinn und Schande

Trotzdem darf man sich zum Schluss - ganz ohne Übermut - ein paar nutzlose statistische Schmankerl gefallen lassen. Was ein wenig Sicherheit über den anhaltenden Aufwärtstrend des Nationalteams gibt: Nach dem höchsten ÖFB-Sieg seit einem 7:0 über San Marino im Jahr 1999 liegt das Team besser als jede andere europäische Topf 4-Mannschaft. Österreich verzeichnet aus dieser Gemeinschaft am wenigstens Verlustpunkte und hat dazu am meisten Tore geschossen. Und überhaupt: Weniger Gegentore als die bisherigen zwei haben in ganz Europa nur Belgien (1), die Schweiz (1) und Russland (0) bekommen. Sie alle führen ihre Qualigruppe an.

Immerhin zählt eines  auch tatsächlich: Das 6:0 war ein deutlich höherer Erfolg war, als ihn bisher die Konkurrenten um das Playoff-Ticket (Schweden 2:1, Irland 4:1 - jeweils auswärts) und auch Gruppenfavorit Deutschland (3:0 - zuhause) gegen die Färinger einfahren konnten. Wenn die Gruppe so eng wird, wie man sich das in Österreich erhofft, wird die Tordifferenz noch eine Rolle spielen.

Am Dienstag in Dublin erreicht Österreich die Halbzeit seiner Gruppenphase. Bei aller Hättiwari-Träumerei wäre es leicht zu vergessen, dass Platz 2 in dieser Gruppe immer noch dieselbe Sensation wäre, wie zu Beginn der Qualifikation. Das allerdings ist freilich eine ungerechte Erwartungshaltung gegenüber dem Team, das diese ja in Irland vielleicht weiter hochschrauben kann. (Tom Schaffer, derStandard.at, 23.3.2013)

  • Österreichs Team in Formations-Reinform. Die Färöer waren eine Mannschaft, die Österreich seine Stärken und Konzepte voll ausspielen ließ.
    grafik: tom schaffer/ballverliebt.eu

    Österreichs Team in Formations-Reinform. Die Färöer waren eine Mannschaft, die Österreich seine Stärken und Konzepte voll ausspielen ließ.

  • Da bleibt dem Trainer nur zufrieden zu klatschen.
    foto: ap

    Da bleibt dem Trainer nur zufrieden zu klatschen.

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