Zehn Jahre Albertina neu: Glückwunsch, kleiner Rowdy!

Kommentar der anderen22. März 2013, 20:38
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Ein Jubiläumsevent als Symptom für direktorales Sozialverhalten im Zeichen Darwin'scher Naturlogik - und ein Kulturverständnis zwischen Facebook-Clubbing und Gefühlsmonarchismus: Bilanz einer Dekade aus Sicht des Direktors von nebenan.

Es beginnt, wie immer, beim Persönlichen. Der Vorfall, der diesen Kommentar unmittelbar veranlasst hat, wird manchen Lesern trivial erscheinen. Aber immerhin teile ich den Zorn darüber mit jenen 320 Menschen, die am 15. März die beiden Robert-Bresson-Vorstellungen im Österreichischen Filmmuseum besucht haben. Und da der Grund des Zorns unser Nachbarmuseum Albertina ist, das hierzulande gern als Vorbild für die allgemeine Museumsentwicklung beschworen wird, sind diese Anmerkungen vielleicht sogar für weitere Kreise interessant.

Am 15. März also zelebrierte die Albertina zum wiederholten Mal seit Herbst 2011 ein Tanz- und Musikereignis (anfangs "Facebook-Clubbing" genannt, diesmal "Party"). Titel: "10 Jahre Albertina neu - mit DJ-Line und Barbetrieb". Zeit: "ab 20 Uhr". Ort: der "Harriet Hartmann Court" der Albertina, direkt über dem Kinosaal. Ergebnis: die nunmehr dritte basslastige Zerstörung unserer Museumsarbeit durch die Dancefloor-Arbeit der Albertina - nach ähnlichen Abenden im Herbst 2011 und Mai 2012. Diesmal wurde von Vertretern unseres Publikums sogar die Polizei gerufen. Ein Einsatz, dessen Wirkung nur vermutet werden kann; spürbar war sie nicht.

Mobbing statt Kooperation

Was treibt das Imperium dazu, dem kleinen, friedlichen Nachbarn im wahrsten Sinn des Wortes auf dem Kopf herumzutanzen? Welcher Schmerz plagt Cäsar, der im Falter-Interview "altmodische Werte" wie "Mut und Höflichkeit" sein Eigen nennt, dass er die unhöflichste und mutloseste aller Verkehrsformen wählt, wenn ihn aus dem gallischen Dorf der Nachbar-Institution Briefe über diese Vorfälle erreichen: Schweigen und weiterclubben? Beruht der Schmerz vielleicht darauf, dass sich das zweit- oder drittmeistbesuchte Bundesmuseum Österreichs den bestausgelasteten Kinosaal Österreichs nicht einfach einverleiben kann? Oder ist diese Erklärung bereits zu kompliziert? Liegt es nur daran, dass Darwin'sche Naturlogik, das Recht des Stärkeren, nun auch im Kulturbereich Geltung haben soll und der Weg vom Blockbustermuseum zum Bulldozermuseum längst unwiderruflich beschritten ist?

Dazu zwei Bilder aus der historischen Wirklichkeit der Albertina: Ein Albertina-Direktor, getrieben von dunklen Ängsten, steht im Foyer, betrachtet den Kinosaal und zeigt sich besorgt über die "Langhaarigen", die aufgrund ihres Interesses für den Film bald "sein" Haus bevölkern könnten.

Ein anderer, mehr an der Zukunft orientierter Direktor der Albertina steht im Foyer und bietet zwei jungen Leuten, die eine neuartige Filminstitution gegründet haben, seine Kooperation und die Koexistenz von Film und bildender Kunst im selben Gebäude an. - Ja, so ändern sich die Zeiten, allerdings in unerwarteter Richtung. Das erste Bild stammt aus dem Jahr 2002, das zweite aus dem Jahr 1965. Der Name des Direktors im Jahr 1965 war Walter Koschatzky, und er beging, so sein Nachfolger im Jahr 2002, den größten Fehler in der gesam- ten Albertina-Geschichte: Er ließ das Österreichische Filmmuseum herein.

Der Anspruch des neuen Nachbarmuseums war damals simpel: Es galt, die künstlerisch, kulturindustrielle und zeugnishafte Ausdrucksform Film in ihrer ganzen Bandbreite zu bewahren und zu vermitteln, und zwar mit derselben Ernsthaftigkeit und Angemessenheit, wie es bei den älteren Künsten schon lange der Fall war. Ein halbes Jahrhundert später werden Filmmuseumspräsentationen, die diesen Anspruch weiterhin beherzigen, von den Aristos und arrivistes der Dancefloor-Albertina niedergemobbt.

Dennoch versucht uns der gelernte Kunstmuseumsdirektor unablässig glauben zu machen, dass die Würde "seiner" Kunst am vielen Gold und am exklusiven Ton hängt, mit dem er sie umgibt. Und natürlich an der " exquisiten Ausstattung" von 21 "Gemächern" der Habsburger, die uns in eine "prachtvolle Zeit entführen" - mit "Einblick in das hochherrschaftliche Leben". Für jene, die's lieber demokratisch und bildungsorientiert hätten, argumentiert man mit den sieben Millionen fremdenverkehrter Körper und Schulklassen, die seit 2003 auf dem Förderband der "Blockbuster" an großen Kunstwerken vorbeibewegt wurden. Beiden Seiten wird eine "Würde" vorgespielt, die nichts anderes meint als Werthaltigkeit im engeren ökonomischen Sinn.

Wettbewerb als Simulation

Die "Jugendkultur", die auf der Zehn-Jahres-Party rund um die " Habsburgischen Prunkräume" an- und abtanzt, wird vom selben Gefühlsmonarchismus und Fake-Demokratismus erfasst wie zehn Jahre zuvor die staunenden Wiener, denen die Königin Norwegens als Garantin der Größe Edvard Munchs vorgeführt wurde. Das ist kein grober Kontrast, wie es auf den ersten Blick schein mag, sondern die stimmige Rahmenhandlung eines zehnjährigen Museums im Illustrierten-Format: der goldene Schnitt für Das goldene Blatt. Und alle machen es nach, rittern um ihre " Marktanteile", und werden darin befördert von einer Abart des Niveaujournalismus, der Tortendiagramme, Direktorengehaltsrankings und Besucherzahlengrafiken schon für kulturpolitische Analyse hält.

Dabei ist der sogenannte Wettbewerb der Besten auch in diesem Metier häufig nur eine Simulation. Man kaufe sich Aufmerksamkeitsanteile in Form tausender Werbeflächen im öffentlichen Raum, zahlloser " Kooperationen" und bezahlter quasiredaktioneller Medienpräsenz (und nehme diese Präsenz dann kurzerhand als Beleg für die eigene Wichtigkeit). Eigenblutdoping ist ein Lercherl dagegen.

Seit 2003 ist die "Albertina neu" nicht nur, wie ihre Website sagt, " Wiens exklusivste Event-Adresse" geworden. Sie wurde viel mehr: ein massiges Flaggschiff des industriellen Tourismus, ein rassiger Untersatz für die neofeudalen Herrenreiter Österreichs, ein gleichermaßen erst-, zweit- und letztklassiges Museum. Und ist nun, zehn Jahre nach der Wiedereröffnung, dementsprechend rar: ein Museum, wie noch keines war. So jung und schon so selbstbewusst. Und solche Bässe - noch vor dem Stimmbruch. Gratulation zum zehnten Geburtstag, kleiner Rowdy! (Alexander Horwath, DER STANDARD,  23./24.3.2013)

Alexander Horwath, Jg. 1964, ist seit 2002 Direktor des Österreichischen Filmmuseums.

  • K. A. Schröder in seinen Gemächern: das Recht des Stärkeren als Leitkultur auf dem Weg vom Blockbuster- zum Bulldozermuseum?
    foto: standard / heribert corn

    K. A. Schröder in seinen Gemächern: das Recht des Stärkeren als Leitkultur auf dem Weg vom Blockbuster- zum Bulldozermuseum?

  • Zorniger Nachbar: Alexander Horwath.
    foto: standard / heribert corn

    Zorniger Nachbar: Alexander Horwath.

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