Tango Vaticano

22. März 2013, 18:13
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Wenn sogar ein hochrangiger österreichischer Agnostiker Angesicht in Angesicht mit dem neuen Pontifex ein metaphysisches Kribbeln verspürt ...

Wenn sogar ein hochrangiger österreichischer Agnostiker Angesicht in Angesicht mit dem neuen Pontifex ein metaphysisches Kribbeln verspürt und ein neues Kapitel der Kirchengeschichte heraufdämmern wähnt, dann versteht man auch "Profil", wenn es verfügt, "selbst eingefleischten Atheisten musste das Spektakel einen Hauch von Ehrfurcht abringen: Eine Viertelmillion Menschen ... geduldig das Erscheinen eines ihnen völlig unbekannten Mannes in weißer Tracht herbeisehnend". Nun muss man kein "eingefleischter Atheist" sein, um sich zu erinnern, dass dieses "Spektakel" zur Routine bei jeder Papstwahl gehört, vor allem aber, dass allein das Zusammenströmen "einer Viertelmillion Menschen", wie man gerade in Wien wissen sollte, nicht unbedingt Anlass zu einem "Hauch von Ehrfurcht" ist.

"Profil" reichte es immerhin, um wieder einmal die alte Frage zu stellen: "Warum bloß? Und wozu all der Aufwand, der mit der Ausübung von Religion einhergeht?" Beantwortete man sich früher einmal diese Frage mit dem Wunsch, möglichst reibungslos in den Himmel zu kommen, werden in der Spätphase des Intelligent Design höhere Ansprüche gestellt. Da tut man es nicht mehr unter der Behauptung, "dass Religiosität wie andere menschliche Universalien - etwa Gefühlsausdrücke, Sprachfähigkeit und Raumkonzepte - eine biologische Basis besitzt, also genetische und neuronale Grundlagen".

In der Tat, so "Profil", "können Forscher inzwischen zumindest Indizien für diese Annahme vorlegen - wenn auch teils widersprüchliche oder ergänzender Interpretation bedürftige." Das reichte dem Magazin schon: "Immerhin ist es ein seriöser Anfang bei der wissenschaftlich orientierten Suche nach den biologischen Wurzeln des Glaubens".

Um solche Grabungen nach den Glaubenswurzeln ging es Dienstag Michael Jeannée via "Krone" in seinem Brief an die "Liebe Frau Renée Schroeder". Er entlarvte die Dame als "Professorin für RNA-Biochemie am Zentrum für Molekulare Biologie an der Universität Wien" und sich selber als gespannten Lauscher ihrer Ausführungen während der ORF-Sendung "Im Zentrum". Was er von Frau Schroeder "in der Diskussion mit katholischen Edelleuten wie dem Salzburger Weihbi- schof Andreas Laun und dem deutschen Theologen und Autor Manfred Lütz" vernehmen musste, empörte ihn, für den Religiosität zu den "menschlichen Universalien" gehört, zutiefst. "Frau Professor: Sie waren weder intellektuell noch scharfsinnig, sondern erschütternd arm im Geiste (und ergo auch in der Debatte) mit Ihrer Behauptung, der katholische Glaube an Jesus Christus als den Sohn Gottes sei "Quatsch, Quatsch und nochmals Quatsch", also Mumpitz, Nonsens, Bockmist, Käse, Blech, Blödsinn, Larifari und Kokolores." Seine Empörung war berechtigt. Was hat die Wissenschaft verloren, wo es um etwas geht, "woran 1,2 Milliarden Menschen auf dieser Welt glauben". Dass ungefähr sechs Milliarden an diese Dogmen nicht glauben, hätte er freilich dazusagen können.

Kaum weniger erregt als Jeannée über Frau Schroeder hat sich übrigens nun "News"-Enthüller Kollege Kuch über mich, weil ich "Zeitunglesen für eine besonders umfassende Form der Recherche" hielte, was er in einem "Kommentar" entdeckt haben will, "der einzig auf seinem" - also meinem - "unverrückbaren Weltbild basiert". Kenntnisse von der Unverrückbarkeit meines Weltbildes kann er nur gewonnen haben, weil er "Zeitunglesen für eine umfassende Form der Recherche hält". Gefragt hat er mich nicht danach. Aber er ist noch nach Jahren sauer, meint er doch, ich habe den Wiener Radikalislamisten Mohammed M. "einst als 'jugendlichen Netzwerker' verharmlost". Jetzt, wo der in einem neuen Video aus Ägypten wieder mit Anschlägen drohte, ist er wohl nicht mehr jugendlich, aber als "Netzwerker" noch immer imstande, im Kollegen Kuch den Zorn des verdienten Enthüllers zu wecken.

Aber mit der Enthüllung "Franziskus und seine unglaubliche Lovestory" machte "News" es wieder gut. Heute noch könnten Amalia Damonte und Jorge Bergoglio verheiratet sein, aber ihr Vater, "ein gottesfürchtiger Handwerker, schlug seine schwärmerische Tochter windelweich". "Amalias Mutter", wusste "News" ferner, "beschwor mit übereinandergeschlagenen Händen den Himmelsvater und beklagte die sich anbahnende Sünde". Als Alternative zu seinem Heiratsantrag hatte der zwölfjährige Jorge den Priesterstand erwogen. Da konnte der "Himmelsvater" nicht anders, als sich der Hand des "gottesfürchtigen Handwerkes" zu bedienen. (Günter Traxler, DER STANDARD, 23./24.3.2013)

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