Das Komplott der Pillendreher

22. März 2013, 17:16
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Als allzu breit erzählte Passionsgeschichte hat Stephanie Mohr die Erstaufführung von Zach Helms "Speed" in Szene gesetzt. Sandra Cervik gibt als Annie eine späte Leidensschwester von Antigone oder Elektra

Wien - Das Stück Speed des US-Filmschreibers Zach Helm bildet den idealen Auftakt für Karwoche und Osterliturgie. Hinter der vergnüglichen Fassade einer Satire auf den American Way of Life ist nämlich eine bittere Tragödie versteckt. Eine sensible, hochbegabte Frau aus New York wird öffentlich besichtigt. Die Leidensfigur nennt sich Annie (Sandra Cervik). Im Wiener Josefstadt-Theater, dem Schauplatz der deutschsprachigen Erstaufführung, wohnt sie in einem Kubus, dessen vier Seiten mit Klarsichtfolie verhängt sind (Bühne: Miriam Busch).

Annie benimmt sich in Gesellschaft ihres Mannes Jack (Raphael von Bargen) allenfalls seltsam. Dann rupft sie an den Strähnen ihrer Kurzhaarfrisur herum oder "liest" im Inneren ihres Schuhs. Alles könnte so wunderbar sein im Big Apple. Wolfgang Schlögl (Sofa Surfers) wohnt als unsichtbares Helferlein auf dem Flachdach und entlockt seinem Laptop mysteriöse Geräusche, die das Innenleben der Heldin illustrieren.

Jack, der naiv anmutende Urheber eines schonungslos ehrlichen, weil schweinischen Großstadtromans, steht vor der Beförderung zum Bestsellerautor. Man lädt ihn und Annie zur Dinnerparty eines in Unehren ergrauten Großverlegers (Christian Futterknecht). Nur ist mit der armen Annie leider kein Staat zu machen. Annie schluckt Amphetamine. Sie wirft die orangefarbenen Pillen nicht zur gelegentlichen Stärkung ein. Sie begräbt ihr Selbst unter einer wahren Flut von Präparaten.

Herz auf der Zunge

Stephanie Mohrs Inszenierung gereicht den Beteiligten zur Ehre. Man spricht die cleveren Dialoge in jener beschleunigten Manier, die man von Filmsynchronsprechern kennt. Die Figuren tragen ihr Herz auf der Zunge. Und Annie ist die ehrlichste von allen. Das kommt daher, dass sie sich selbst nicht ausstehen kann. Speed, das anlässlich seiner Uraufführung 2007 Good Canary hieß, beinhaltet wichtige Inhaltsstoffe. Mohr hat sich völlig humorlos dafür entschieden, eine Passionsgeschichte zu erzählen. Und Cervik dankt es ihr mit totalem Einsatz.

Ihre Annie ist eine nahe Verwandte von Antigone und Elektra. Wo Letztere im Boden von Mykene nach dem sühnenden Beil gräbt, um den ermordeten Vater aus eigener Kraft zu rächen, da erledigt Annie vor Ort den Hausputz. Klopft, von Schlögls elektronischem Puls gejagt, geschlagene vier Mal die Lederpolster auf. Scheuert den Boden. Kappt die Vorhänge mit dem Stanley-Messer. Ihr Gesicht erstarrt zur Maske. Annie kann nicht mehr. Annie ist "high" - und bald darauf tot.

Die Furien, die Annie hetzen, sind wohl diejenigen der Frauenverachtung. Eine Schwester im Geiste (Cornelia Köndgen) trägt auf der Party ihres Verlegergatten ein T-Shirt mit der Aufschrift "Blow". In Leuchtbuchstaben steht "EAT" über dem Würfel geschrieben. Zach Helm hat Beweisstücke gesammelt. Frauen sind Opfer. Aber wo beginnt der Mechanismus der Zerstörung zu greifen? Die Sentimentalität dieser viel zu breit vom Blatt musizierten Inszenierung weiß darauf leider auch keine Antwort. Höflicher Applaus.     (Ronald Pohl, DER STANDARD,  23./24.3.2013)

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    Annie (Sandra Cervik) kann auch von ihrem Mann Jack (Raphael von Bargen) nicht vor dem Untergang bewahrt werden.

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