Der Mann, der früher ein Roboter war

22. März 2013, 17:20
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Karl Bartos, ehemaliges Mitglied von Kraftwerk und dort für die romantischen Melodien zuständig, veröffentlicht ein nostalgisches Soloalbum für Maschinentänze im deutschen Wald

Wien - Er war einmal ein Musikant mit dem Taschenrechner in der Hand. Zwischen 1975 und 1990 war Karl Bartos Mitglied von Kraftwerk. Nach dem Album Electric Café, das vom heute einzig verbliebenen Kraftwerk-Originalmitglied Ralf Hütter in der Neuauflage in Technopop umgetauft wurde, stieg Bartos aus. Die einflussreichste und bedeutendste deutsche Band der Geschichte macht seither nur noch wenig. Hütter und drei Mietmusiker reisen derzeit zwischen dem New Yorker Guggenheim-Museum, ihrer Heimatstadt Düsseldorf und der Londoner Tate Modern Gallery herum.

Zum Museum seiner selbst geworden, spult diese vage Erinnerung an das alte Menschmaschinengefüge Kraftwerk, aufgesext mit sensationellen 3-D-Projektionen und kristallin klirrender Digitaltechnik, vor handverlesenem Publikum in einwöchigen Blockseminaren den gesamten Werkkatalog ab. Hütter verwendet ansonsten alle Zeit der Welt auf das Durchforsten der alten Elektropop-Lieder auf der Suche nach immer noch auffindbaren Klangunreinheiten, um diese dann zu eliminieren und mit neuester Technik upzudaten. Da vergeht dann ein Vierteljahrhundert, ohne dass man etwas Neues zustande bringt.

Gut, da waren die weitgehend nicht in Erinnerung gebliebenen Tour de France Soundtracks von 2003 und das für wahnhafte Perfektionisten wie Kraftwerk wegen unzähliger Fehlerquellen befremdliche Livealbum Minimum-Maximum von 2005. Mit einem tatsächlich neuen Produkt ist allerdings auch wegen des Weggangs von Florian Schneider im Jahr 2008 nicht zu rechnen. Gemeinsam mit Ralf Hütter war er 1968 Gründer von Organisation. Diese mutierte zwei Jahre später zu Kraftwerk; 1974 gelang mit dem Album Autobahn der endgültige Schritt weg vom konventionellen Instrumentarium in die wunderbare Klingklangwelt der über die Jahrzehnte immer noch kleiner werdenden Heimelektronik, Handtaschensynthesizer und selbstgebastelten elektronischen Stehpultschlagzeuge.

Für Letzteres war der heute 60-jährige Karl Bartos als "zweiter von links" bei Kraftwerk zuständig. Wie sich jetzt sagen lässt, war Bartos als Gelegenheitskeyboarder auch für die romantischen Melodien zuständig. Tief in der Tradition eines Franz Schubert stehend, wurden hier von humanoiden Robotern der Vortechno-Ära schwelgerische Melodien erschaffen, die das Kraftwerk dann schon sehr tief im guten alten deutschen Wald der Dichter und Musenhaine verorteten. Vielleicht mag es also auch am fehlenden Karl Bartos liegen, dass sich seither Ralf Hütter nicht mehr so richtig ran an die Gerätschaft wagt.

Leistbare Einmannversion

Nach Kraftwerk allerdings ging es Bartos auch nicht gerade emsig an. Neben einer mäßig betriebenen Solokarriere unter dem Namen Electric Music oder gemeinsam mit Johnny Marr (The Smiths) und Bernard Sumner (New Order) veröffentlichte er alias Electronic 1993 das unentschlossen zwischen Gitarrengetschängel und Synthiegebimmel schwingende Album Raise The Pressure.

Er produzierte ein wenig für Leute wie die deutschen Sargnagelpopper Deine Lakaien oder Orchestral Manoeuvres In The Dark, die zünftige britische Vorstadtdisco-Ausgabe Kraftwerks. Ansonsten tourt er als leistbare Kraftwerk-Einmannversion durch den Festivalzirkus und unterrichtet auditive Mediengestaltung an der Berliner Universität.

Das jetzt erschienene Soloalbum Off The Record muss zwar im Wesentlichen als Resteverwertung teilweise 25 Jahre alter Skizzen und Notizen angesehen werden. Bartos nennt das "Rhythmen, Riffs, Hooks, Sounds und Melodien." Wenn man allerdings den Kirtagsböller-Technorock von Atomium überstanden hat, begegnet einem Bartos' leichte Hand für elegante Zweifingerklaviermelodien allerorten. Instant Bayreuth, Nachtfahrt, Hausmusik lauten die Liedtitel. Trotz Vocoder-Einsatzes und komischer Texte ("Ich fahr die ganze Nacht / bis ich bei dir bin / ich hab nachgedacht / das macht doch alles keinen Sinn.") erweist sich diese mit neuesten Produktionstechniken produzierte Arbeit als hübsche nostalgische Reise in eine Vergangenheit, deren hinter uns gebrachte Zukunft noch toll quietschbunt in Neonfarben leuchtete.   (Christian Schachinger, DER STANDARD,  23./24.3.2013)

Karl Bartos: "Off The Record" (Bureau B / Hoanzl)

  • Kirtagsböller-Technorock bis Zweifingerklaviermelodien: Karl Bartos' " Off The Record".
    foto: katja ruge

    Kirtagsböller-Technorock bis Zweifingerklaviermelodien: Karl Bartos' " Off The Record".

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