Die Blindheit der Physiker

23. März 2013, 11:58
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Richard von Schirach hat ein packendes Wissenschaftsdrama über die Entstehung der "Uranbombe" verfasst

Auf diese Frage der Alliierten hatte Werner Heisenberg nur gewartet: " Würden Sie jetzt nach Amerika kommen wollen, um mit uns zu arbeiten?" Am 2. Mai 1945 war Hitlers bedeutendster Physiker von einer US-Spezialeinheit im bayerischen Urfeld festgenommen worden. Der Nobelpreisträger von 1932 musste nicht lange überlegen: "Nein, ich möchte nicht weggehen, Deutschland braucht mich."

Eine Antwort, die die ganze Hybris Heisenbergs offenbart. Noch etliche Wochen sollten er und seine Kollegen in der Überzeugung leben, dass die Alliierten ohne sie weder einen Atomreaktor noch eine "Uranbombe" würden bauen können. Der Gedanke, dass ihm die Amerikaner nur eine Scheinfrage gestellt hatten und die Arbeit längst getan war, dürfte Heisenberg mit seinem "weltfremden Hochmut" nie in den Sinn gekommen sein, vermutet Richard von Schirach in seinem Buch Die Nacht der Physiker.

Der Titel bezieht sich auf jene Schicksalsnacht im August 1945 im englischen Farm Hall, in der jäh alle Illusionen der deutschen Wissenschafter zusammenbrachen - und eine neue Lebenslüge geboren wurde: die von der friedlichen Nutzung der Atomforschung unter Hitler. Am 3. Juli 1945 waren zehn deutsche Atomwissenschafter, darunter Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker und Otto Hahn, heimlich zu dem Landsitz nahe Cambridge verschleppt worden, damit ihr Wissen nicht den Russen in die Hände fiel. Sechs Monate lang dauerte ihre Deportation. Auf dem Landsitz lebten die Forscher luxuriös, doch ihre Zimmer waren umfassend verwanzt worden - ein Umstand, den die Abgehörten selbst für ausgeschlossen hielten, "Gestapo-Methoden" traute man den Engländern nicht zu.

Erst 1993 wurde eine Auswahl der Überwachungsprotokolle veröffentlicht: der perfekte Stoff für ein Wissenschaftsdrama um Genialität, Größenwahn und Schuld. Richard von Schirach, der 2005 seine Autobiografie Der Schatten meines Vaters vorgelegt hat, hat diesen Stoff nun zu einer lebendig erzählten Darstellung verwoben. Sie erzählt die Geschichte der Atombombe mit Vor- und Rückblenden.

Als am 6. August 1945 die BBC den Bombenabwurf über Hiroshima meldete, glaubten die deutschen Forscher zunächst an eine Propagandalüge der USA - zu schockierend war die Vorstellung, dass die Amerikaner geschafft haben sollten, was den Deutschen unmöglich gewesen war. In den folgenden Stunden wurden die britischen Abhörspezialisten "Zeugen einer historischen Nacht der Bekenntnisse, Bezichtigungen, Zusammenbrüche, Tränen und letzten Selbsttäuschungen", so Schirach. Schirachs Darstellung vom Wettlauf zwischen dem deutschen "Uranprojekt" und dem " Manhattan-Projekt" liest sich lange wie ein Wissenschaftskrimi, bei dem die Konsequenzen der neuen Entdeckungen ausgeblendet bleiben. Umso schockierender Schirachs Schilderungen der Verheerungen in Hiroshima und Nagasaki. Ein gekonnt-brutaler Perspektivwechsel, der jene Blindheit gegenüber den Folgen ihrer Forschungen widerspiegelt, die für die Physiker auf beiden Seiten kennzeichnend war. (Oliver Pfohlmann/DER STANDARD, 23./24. 3. 2013)

 


Richard von Schirach, "Die Nacht der Physiker". € 25,- / 274 Seiten. Berenberg-Verlag, Berlin 2012

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    foto: berenberg-verlag
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