Warum Schiefergas nur bedingt dem Klima hilft

22. März 2013, 18:37
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Der Höhepunkt der Förderung fossiler Rohstoffe sei erreicht, dachten viele. Der Zugang zu neuem Reserven mittels Fracking strafen die Annahmen Lügen

Wien - Peak Oil, Peak Gas, Peak Everything. Was viele Experten mit durchaus plausiblen Argumenten noch vor kurzem behauptet haben, trifft so rasch wohl nicht zu: dass nämlich das weltweite Fördermaximum bei Öl unmittelbar bevorsteht und auch bei Gas in absehbarer Zeit dräut.

Der Boom bei Schieferöl und Schiefergas, der in den USA seinen Ausgang genommen hat und demnächst China, möglicherweise auch Argentinien erfassen dürfte, wird das Versiegen des Öl- und Gasflusses wohl noch geraume Zeit hinauszögern. Insbesondere was das Gas betrifft, könnte dies für die Umwelt ein Segen sein - zumindest bei erstem Hinsehen.

Um das zu verstehen, reicht ein Blick in die USA. Nach jahrelangen Versuchen gelang vor gut fünf Jahren ein Durchbruch bei der Erschließung bekannter, bisher aber nicht förderbarer Kohlenwasserstoffvorkommen. Dazu beigetragen haben neue Bohrtechniken (Horizontal Drilling), verbesserte Seismik und nicht zuletzt Hydraulic Fracturing - kurz Fracking.

Dabei wird unter hohem Druck ein Gemisch aus Wasser, Sand und bis zu 700 verschiedenen chemischen Stoffen durch das Bohrloch in den Untergrund gejagt, um den Rohstoff, der in winzigen Gesteinsporen eingeschlossen ist, freizusprengen. Das gewonnene Produkt heißt Schieferöl bzw. Schiefergas. Der Unterschied zu konventionellem Rohöl oder Erdgas liegt einzig darin, dass der Stoff über Millionen von Jahren in ungemein kompaktem Schiefergestein eingeschlossen war.

Durch den Fracking-Boom konnten die USA ihre starke Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten in kürzester Zeit deutlich verringern. Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris hält es für wahrscheinlich, dass die Vereinigten Staaten bei Gas zu einem Nettoexporteur und bei Öl zumindest autark werden könnten.

Fossil bleibt fossil

Unterm Strich war das Beben, das die US-Energielandschaft durchgerüttelt hat, ein Gewinn für die Umwelt. Durch die neuen, üppigen Gasfunde konnte in der Stromproduktion die deutlich schmutzigere Kohle zum überwiegenden Teil verdrängt werden.

Aber nicht nur im Kraftwerkssektor spielt Gas seit Einsetzen des Fracking-Booms in den USA eine immer wichtigere Rolle; wegen der Kostenvorteile wird der flüchtige Stoff künftig wohl auch verstärkt zum Antrieb von Pkws, Lkws und Schiffen eingesetzt.

Eine Frage drängt sich dennoch auf: Ist Schiefergas, wie von vielen behauptet, tatsächlich nur eine Brückentechnologie, die den Weg zu hundert Prozent sauberer Energie verkürzen soll und kann? Oder versperren die gewaltigen zusätzlichen Gasmengen, die gefördert werden, nicht möglicherweise den Weg dorthin?

Nüchtern betrachtet ist und bleibt Schiefergas nämlich klarerweise ein fossiler Energieträger, auch wenn beim Verbrennvorgang nur halb so viel CO2 emittiert wird, Schiefergas folglich deutlich weniger zur Klimaerwärmung beiträgt als Kohle. Andererseits kann ein anhaltendes Überangebot an Gas dazu führen, dass Investitionen in saubere Technologien zur Stromerzeugung unterbleiben. Auch hinsichtlich Effizienz besteht die sehr reale Gefahr, dass weniger passiert, als tatsächlich möglich wäre.

Weiter abhängig von fossilen Energien

Der Nachteil von viel und billigem Gas ist, dass die Gesellschaft als Ganze wahrscheinlich noch für Jahrzehnte abhängig von fossilen Energien bleibt. Selbst Fatih Birol, Chefökonom der IEA, warnte kürzlich, ein Goldenes Zeitalter für Gas müsse nicht zwingend ein solches für das Klima sein.

Hinzu kommt der gewaltige Landverbrauch, der mit der Förderung von Schieferöl und -gas einhergeht. Wegen der Kompaktheit des Gesteins müssen viel mehr Bohrungen vorgenommen werden als bei konventionellem, in Sandstein oder ähnlicher Geologie gespeichertem Öl und Gas. Bei jeder Bohrung sind zudem gewaltige Mengen Wasser erforderlich. Dieses wird zwar in einem Kreislauf raus und rein gepumpt, irgendwann muss die kontaminierte Flüssigkeit aber entsorgt werden.

Und schließlich kann niemand mit Sicherheit ausschließen, dass das Grundwasser durch Bohrungen nicht doch verseucht wird, auch wenn diese Gefahr durch einen Kanalrohrbruch wahrscheinlich deutlich höher ist.

Fazit: Solange CO2 nicht zu vertretbaren Kosten aus der Atmosphäre geholt und verwertet werden kann, sollte man mit Schiefergas eher vorsichtig sein und mit Entschiedenheit auf Erneuerbare setzen. Letztlich sind diese durch nichts zu ersetzen. (Günther Strobl, DER STANDARD; 23.3.2013)

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    Fracking in Amerika: Wie im Bundesstaat Pennsylvania wird auch an zig anderen Orten der USA nach Schiefergas gebohrt.

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