Hai-Sterben vor 65 Millionen Jahren als warnendes Beispiel

22. März 2013, 18:11
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Jürgen Kriwet: Eine vollständige Erholung zusammengebrochener Ökosysteme würden wir nicht mehr erleben

Wien - "Haie sind immer gut für irgendeine Schlagzeile. Sei es, weil man nun so lange Schafe ins Rote Meer kippt, bis dann doch irgendwann einmal ein Tourist von einem Hai getötet wird, oder weil man das Wasser solange verschmutzt, bis Haie in ihrem eigentlichen Lebensraum keinerlei Beute mehr finden und schließlich Menschen angreifen", sagte Jürgen Kriwet, Vizedekan der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie der Universität Wien, bei seiner Antrittsvorlesung in der abgelaufenen Woche.

Die Ursachen der meisten Haiangriffe seien also hausgemacht. Und man vergesse immer wieder, dass Haie in den Ökosystemen der Meere eine ganz wichtige Rolle spielen. Haie und deren nächste Verwandte, die Rochen, sind Top-Prädatoren, so Kriwet. Das bedeutet, dass Haie die Nahrungsnetze in den Weltmeeren mitregulieren.

Artenvielfalt kann dauerhaft verringert sein

Was passiert, wenn man die heutigen Haie ausrottet, und wie lange es dauert, bis die Diversität nach einem Aussterbeereignis wieder die gleiche ist wie davor - diesen Fragestellungen geht die Forschergruppe um Kriwet an der Uni Wien auf den Grund. Die Regenerationsrate zerstörter Ökosysteme wurde anhand vorhandener Diversitätsdaten vor und nach dem letzten großen Aussterbeevent vor rund 65 Millionen Jahren, welches durch einen Meteoriteneinschlag ausgelöst wurde und durch das Aussterben der Dinosaurier bekannt ist, errechnet.

Die Ergebnisse zeigen, dass 85 Prozent aller Hai-Arten an der Kreide/Tertiär-Grenze verschwanden. Neuentstehende Arten machten anschließend nur 44 Prozent der Artenvielfalt in der Folgeära aus. "Das bedeutet, dass die Höhe der Diversität vor dem Aussterbeereignis hinterher nicht wieder erreicht wurde. Auch nicht in einem Zeitraum von mehreren Millionen Jahren", erklärte Kriwet. Etwa zwölf bis 15 Millionen Jahre soll es gedauert haben, bis sich die Ökosysteme nach dem Kreide/Tertiär Ereignis wieder stabilisiert haben. "Und wenn man sich dann noch vor Augen führt, wie alt der Mensch ist, dann werden wir die vollständige Erholung zusammengebrochener Ökosysteme nicht mehr erleben."

Verschwinden mit Folgen

"Sorgt der Mensch dafür, dass Haie aussterben, nimmt man sie aus den Nahrungsnetzen heraus. Diese werden dadurch von oben nach unten komplett gestört und verändert, was deren kompletten Kollaps zur Folge hätte", so Kriwet. Und dieser Kollaps hätte dramatische Auswirkungen auf den Menschen. Denn durch das Verschwinden der Haie verschwinden längerfristig auch die Fische: Ohne die Haie als "Regulatoren" würden sich die anderen Fische zunächst zu stark vermehren und sich damit praktisch selbst die Lebensgrundlagen wegfressen. Das hätte neben dem Fischbestand auch negative Auswirkungen auf das Klima: Das den Tieren als Nahrung dienende Phytoplankton würde sich ohne sie ausbreiten, was Auswirkungen auf die Sauerstoffproduktion und den CO2-Gehalt der Atmosphäre hätte. (APA/red, derStandard.at, 22. 3. 2013)

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