Das bröckelnde Laufwunder aus Kenia

22. März 2013, 15:44
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Dopingfälle im ostafrikanischen Staat häufen sich. Hinter vielen flotten Beinen steckt vielleicht doch mehr als ein geringer Wadenumfang

Am Donnerstag wurden Marathonläuferin Salome Jerono Biwott und ihr Teamkollege Jynocel Basweti Onyancha wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt. Ihre Gemeinsamkeit: sie stammen beide aus Kenia. Bestätigt wurde die Sperre von David Okeyo, dem Generalsekretär des kenianischen Verbandes.

Okeyo ist in letzter Zeit ein vielbeschäftigter Mann. Erst Ende Februar musste er drei Sperren verkünden: damals traf es die Marathon-Spezialisten Wilson Erupe Loyanae und Nixon Kiplagat Cherutich mit zweijährigen Dopingsperren, sowie Moses Kiptoo Kurgat, der ein Jahr pausieren muss. Derlei Fälle häufen sich seit geraumer Zeit dramatisch.

Und selbst wenn Okeyo noch versucht zu beschwichtigen ("Wir hoffen, dass die Problematik nicht so groß ist"), drängt sich allmählich der Verdacht auf, dass im ostafrikanischen Staat nicht nur die Höhenlage und die etwas romantische Vorstellung vom "Lauf um die Existenz" für schnelle Beine verantwortlich ist.

Anschuldigungen von Moses Kiptanui

Der dreifache Steeple-Weltmeister Moses Kiptanui, selbst Keniane, sprach schon vor den nun bekannt gewordenen Fällen von an der Tagesordnung stehenden Dopingpraktiken in kenianischen Trainingscamps. Zu diesem Zeitpunkt wies Okeyo die Anschuldigungen noch vehement zurück. Kiptanui solle seine Behauptungen erst einmal beweisen. Auch "Athletics Kenya"-Präsident Isaiah Kiplagat wollte von systematischem Doping nichts wissen, er sprach von Einzelfällen.

Lange Zeit galt Kenia als unbescholten. Das sogenannte "Laufwunder" wurde akribisch auf Beinlänge, Wadenumfang, Herzvolumen und ähnliches getestet. 2009 kam die Universität Bayreuth zu dem Schluss: "Die Leistungsdominanz ist auf eine verbesserte Laufökonomie zurückzuführen, die sich in geringerem Sauerstoffverbrauch bei höheren Geschwindigkeiten äußert. Ursächlich hierfür sind der geringere BMI und der geringere Wadenumfang."

Das Thema Doping wurde in Analysen des Laufwunders ausgespart. Kein Wunder, 2009 nahm der Leichtathletik-Weltverband IAAF laut Anti-Doping-Sprecher Chris Butler keine einzige unangemeldete Blutkontrolle in Afrika vor. Die IAAF begründete die Kontroll-Lücke damals mit dem Fehlen von akkreditierten Doping-Labors und den Schwierigkeiten beim Transport der Blutproben.

Wolfgang Konrad: "Das Problem war jahrelang bekannt"

"Lachhaft", sagt Wolfgang Konrad, der Veranstalter des Wien-Marathons, der in drei Wochen (14. April) seine 30. Auflage erlebt. "Das Problem war jahrelang bekannt. Bei einem guten Teil der afrikanischen Spitzenläufer wusste man, dass etwas nicht stimmt. Aber sie wurden im Training nie kontrolliert. Dabei hätte man dort einfach ein Labor errichten können. Seibersdorf hat das auch geschafft." Konrad ist "froh darüber", dass nun anscheinend ein anderer Weg gefunden wurde. "Da gehört aufgeräumt", sagt er.

In Wien und bei den meisten anderen Marathons werden üblicherweise die drei schnellsten Damen und Herren zur Dopingkontrolle gebeten, üblicherweise lassen sie Wasser, aber kein Blut. Und üblicherweise bringen diese Kontrollen gar nichts, weil sich Profis im Trainingsaufbau, aber nicht zum Wettkampf hin dopen. Ronald Kipchumba, Ex-Junioren-Weltmeister über 3000 m Hindernis, der nach seinem zweiten Platz im Linz-Marathon 2012 positiv auf Epo getestet wurde, ist die Ausnahme. Konrad: "Es gibt intelligentes Doping, und es gibt dummes Doping."

Immerhin ist der Vienna City Marathon in seiner 29-jährigen Geschichte von Dopingskandalen verschont geblieben. "Aber bei einigen Leistungen, vor allem Leistungssprüngen", sagt Konrad, "muss ich nur eins und eins zusammenzählen. Da brauche ich keine Dopingkontrolle."

Verschärfter Blick auf Kenia

Mittlerweile hat die IAAF aber ein verschärftes Auge auf Kenia geworfen. Im 541 Athleten großen Testpool sind allein 75 Kenianer registriert. Bis Oktober 2012 hat die IAAF 642 Urintests sowie 387 Blutkontrollen im Wettbewerb und 255 im Training veranlasst. Allein 237 Mal wurden dabei Athleten aus Kenia getestet.

Der Weltverband reagierte damit auf zunehmende Hinweise. Im August 2012 hatte der kenianische 10.000 Meter-Läufer Mathew Kisorio sein Dopingprogramm in einem ARD-Interview offengelegt. Kisorio beschuldigte Ärzte und beteuerte dabei, dass auch andere seiner Landsleute leistungsfördernde Methoden benutzen würden.

Am Sonntag findet im polnischen Bydgoszcz die Crosslauf-WM statt. Österreicher sind keine dabei. Die Favoriten kommen traditionell aus Äthiopien. Und natürlich aus Kenia. (Philip Bauer; Fritz Neumann; derStandard.at; DER STANDARD; 22.3.2012)

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    Auch Mathew Kisorio (links) war gedopt.

  • "Athletics Kenya"-Präsident Isaiah Kiplagat will von systematischem Doping nichts wissen, er spricht von Einzelfällen.

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