Renaissance für Wiener Schnäppchen

22. März 2013, 18:24
1 Posting

Von einer Wiener Auktion über den internationalen Handel nach Maastricht: Eine Route mit Zugewinn, sowohl fachlich als auch in der Wertsteigerung

Von den Champs-Élyseés über den Trafalgar Square zum Sunset Boulevard, dieser innert zehn Minuten absolvierbare Streifzug ist weltweit einzigartig. 1995 hatten die Tefaf-Macher diese Orientierungshilfe für Besucher der 31.000 Quadratmeter großen Messehalle beschlossen. Qualitätsvolle Entdeckungen lauern erfahrungsgemäß nicht nur auf "Les Champs", sondern auch in den Seitengassen. Das ist der Welt einflussreichsten Kunst- und Antiquitätenmesse seit nunmehr 26 Jahren vermarkteter Anspruch.

Bisweilen trifft man dort auf "alte" Bekannte, die wenige Monate zuvor in einem österreichischen Auktionshaus versteigert wurden: Zum Teil verkannte Trouvaillen, die, um Recherchen des spezialisierten Kunsthandels ergänzt, sodann für ein Vielfaches des ursprünglichen Zuschlags um die Gunst des Publikums buhlen.

Eine solche wartete vergangenes Jahr in der Faubourg Saint Honoré, einem Seitenarm der Altmeister-Sektion, in Form einer auf Holz gemalten Studie von Anthonis Van Dyck. 55.000 Euro hatte Julian Agnews im September 2010 bei der Kinsky-Auktion für das einem Nachfolger des flämischen Meisters zugeordnete Werk bezahlt. Auf Basis des 1632 ausgeführten Gemäldes im Bestand der Royal Collection, das König Karl I. und Königin Henrietta Maria mit ihren Kindern zeigt, konnte die Grisaille als Vorstudie identifiziert werden. Umgerechnet 1,2 Millionen Euro veranschlagte der Londoner Händler also im März 2012. Ob es zwischenzeitlich verkauft wurde? Ein Blick auf die Website bestätigt, im "Inventory" harrt der Van Dyck noch immer eines neuen Besitzers.

Eine anderes Wiener Schnäppchen feiert derzeit in der Sektion Antiquitäten in der New Bond Street im wörtlichen Sinne eine Renaissance: ein Fassadenschrank, den Peter Mühlbauer im Juni 2012 für 18.600 Euro bei einer Möbelauktion im Dorotheum ergatterte. Als " prächtigen Schrank im Spätrenaissancestil nach süddeutschen Vorbildern aus dem späten 17. Jahrhundert" hatte ein Experte das "in handwerklich hoher Qualität gearbeitete" Möbel bezeichnet und in das 19. Jahrhundert datiert.

Davon unbeeindruckt vertraute der deutsche Kunsthändler auf seine durch Erfahrungen genährte Ahnung, die ihm der anerkannte "Möbelpapst" Georg Himmelheber zwischenzeitlich über ein Gutachten bestätigte.

Dieses datiert das aus Fichtenholz gefertigte und mit Nussbaum-, Eichen- und Eschenholz furnierte Möbel in das 17. Jahrhundert und verweist auf eine Entstehung in einer Münchener Werkstatt, konkret in ebenjener, in der ein ähnlicher Schrank entstand, der zum Bestand der Münchener Residenz gehört. Zweifelsfrei, denn Himmelheber argumentiert etwa, dass für ein bestimmtes Profil an der Innenseite sogar derselbe Hobel verwendet wurde.

Keinesfalls Historismus

Für die "handgeschlitzten" Rahmen-Füllungs-Konstruktion (Rückwand, Türen) sei weiters bei beiden Schränken "ein höchst originelles System" angewendet worden, das "bei einer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts selbstverständlich maschinell ausgeführten Schlitzung gar nicht möglich gewesen wäre".

Mit einem Möbel des Historismus, erläutert der ehemalige Landeskonservator am Bayerischen Nationalmuseum anhand zahlreicher anderer Aspekte, habe "das in Rede stehende" definitiv nichts zu tun. Auf Anfrage erklärt das Dorotheum dennoch "voll und ganz hinter der Katalogbeschreibung" zu stehen. Aufgrund von "Zweifeln punkto Materialalterung" habe man ergänzend eine Holzanalyse, konkret eine Infrarot-Spektroskopie, in Auftrag gegeben - zur Absicherung, aber nicht zur Information für Käufer.

Nein, den Namen des Institutes will man nicht nennen, nur so viel, das Ergebnis hätte die Einschätzung der Experten bestätigt: das Blindholz (Korpus) stamme etwa von 1750 +/-40 Jahre und das Deckholz (Furnier, Applikationen) 1850 +/- 30 Jahre.

Die Datierungsdifferenz der verbauten Hölzer erklärt Martin Mattaes auf Standard-Anfrage mit späteren Reparaturen, die etwa über eine Abnutzung notwendig geworden sein könnten. Er betreibt in Nonnenhorn am Bodensee ein Labor, das solche spektroskopische Datierungen durchführt. Das von seinem Vater entwickelte Patent basiert auf der Tatsache, dass sich Moleküle mit fortschreitendem Alter des Holzes verändern. In einer Datenbank habe man Analysen von Holzproben aus gesichert datierten Museumsbeständen erfasst, mit denen aktuelle Werte abgeglichen werden. Zu seiner Hauptklientel zählt Matthaes Privatsammler und Auktionshäuser, etwa auch das Dorotheum. Dass sich seine naturwissenschaftlichen Ergebnisse nicht immer mit der Meinung von Kunstexperten decken, würde vorkommen.

In der Fachwelt gilt jedoch einzig die Dendrochronologie (Jahresringe) als anerkannte Datierungsmethode. Bei Antiquitäten ist diese jedoch auch nur dann absolut treffsicher, sofern Kantholz verarbeitet wurde und die Herkunft des Holzes bekannt ist.

Datierung über Pendant

Im vorliegenden Fall attestiert Georg Himmelheber jedenfalls eine Entstehung des Fassadenschranks um 1670/75. Er orientiert sich dabei nicht nur an Details der Verarbeitung, etwa den geschnitzten Ornamentleisten, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts maschinell gefertigt wurden, sondern vor allem am Pendant in der Münchner Residenz, dessen Schloss die Datierung 1674 aufweist.

Sybe Wartena verweist auf stilistische Merkmale, etwa die Applikationen, konkret des Knorpelwerks, das in die frühen 1630er/ 40er-Jahre datiert, oder die halbrunden Furnierfelder hinter den Säulen, die nach der Mitte des 17. Jahrhunderts keinesfalls mehr üblich waren. In der Sammlung des Bayerischen Nationalmuseums, bestätigt der Kurator, befindet sich ein ähnliches Exemplar, das zwischen 1855 und 1868 aus dem Augsburger Adel in den Bestand kam. Der für die zeitliche Einordnung des Wien-Souvenirs relevante Schrank, mit dem sich Wartena intensiver beschäftigte, gelangte wiederum 1867 im Zuge der Neugestaltung unter Ludwig II. über den Kunsthandel an die Münchner Residenz.

Er pflichtet der Himmelheber-Expertise auf ganzer Linie bei. Dass eine IR-Spektroskopie Aufschluss über das Alter liefern könne, sei ihm nicht geläufig. Eine Nachbildung hält Sybe Wartena übrigens für ausgeschlossen. Schon weil der Aufwand der detailreichen Arbeit für einen Kopisten in keinem Verhältnis zum möglichen Gewinn stünde.

Für den deutschen Kunsthändler mit den Adleraugen ist ein solcher wiederum sehr realistisch. Denn Renaissance-Möbel haben ihren Preis, und der des Fassadenschranks liegt aktuell bei 285.000 Euro.  (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 23./24.3.2013)

  • Klarer Fall von Renaissance: Für 18.600 Euro erwarb ein deutscher Händler den vom Dorotheum in das 19. Jahrhundert datierten Schrank. Ein Gutachten verweist nun auf eine Ausführung 1670/75, der neu kalkulierte Preis liegt nun bei 285.000 Euro.
    foto: mühlbauer

    Klarer Fall von Renaissance: Für 18.600 Euro erwarb ein deutscher Händler den vom Dorotheum in das 19. Jahrhundert datierten Schrank. Ein Gutachten verweist nun auf eine Ausführung 1670/75, der neu kalkulierte Preis liegt nun bei 285.000 Euro.

Share if you care.