Sir Elton putzt sein Nasenfahrrad

Kolumne22. März 2013, 17:13
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Notizen zur Evolution der Brille

Vor kurzem ging die Meldung durch die Gazetten, dass der Sänger Elton John bei seiner jüngsten Tournee ein eigenes Hotelzimmer für seine Brillen gebucht habe. In den Hiltons, Radissons und Kempinskis dieser Welt lautet der klassische Marschbefehl: Macht ein Brillenzimmer frei, Sir Elton übernachtet bei uns!

Der umsichtige Umgang des bamstigen britischen Barden mit seinen Sehbehelfen ist ein schöner Beleg dafür, dass in der Beziehung von Mensch zu Brille gegenwärtig alles in Butter ist. Das war nicht immer so. Noch in den 1960ern wurde die Brille meist als mehr oder minder uninteressanter Gebrauchsgegenstand ohne ästhetischen Mehrwert angesehen ("Nasenfahrrad"). Brillenfeindliche Sprüche machten die Runde ("Mein letzter Wille: Frau mit Brille.")

Erst in den 1970ern schaffte es die Scheanglprothese, sich von ihrer bloßen Zweckdienlichkeit zu emanzipieren und einen unübersehbaren Da-schau-her-Faktor zuzulegen (bahnbrechend: die garantiert sichthemmende Insektenbrille von Roxy-Music-Gitarrist Phil Manzanera).

Die unwahrscheinlichsten Modelle mit Glöckchen, Antennen und Puscheln kamen auf und eroberten auch die Welt der Politik im Sturm. Fürderhin konnte selbst der konturloseste Provinzpolitiker mithilfe eines extravaganten Brillenmodells Charakter simulieren und die Öffentlichkeit mit brillensprachlich vermittelten Ich-Botschaften überraschen ("Meine Brille ist scharf, aber ich bin noch viel schärfer.")

Unvergessen die ausgezuckten Gestelle, die sich die Ex-Justizministerin und jetzige saudische Toleranzbeauftragte Claudia Bandion-Ortner auf den Nasenrücken hievte. Ebenso unvergessen die Dioptrienmonster, mit denen Norbert Darabos seine Generäle zur Weißglut trieb.

Wie sich das Zusammenleben von Elton John (off topic: Heißt der Mann eigentlich Elton oder John mit Vornamen?) und seinen Brillen im Detail gestaltet, wurde in den Gazetten übrigens nicht kolportiert. Ich stelle es mir aber warmherzig und intim vor.

Ich glaube, Elton John führt für jede einzelne Brille ein eigenes Brillenbettchen mit sich, am Abend putzt er sie liebevoll mit einem Brillenputztüchlein und gibt ihnen eine Nährlösung aus einem Brillenfläschchen, bevor er sie dann mit einem winzigen Brillensteppdeckchen zudeckt. Schlaf gut, kleine Brille, und träum etwas Schönes!    (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 23./24.3.2013)

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