Missbräuchlichkeiten

22. März 2013, 17:06
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Der alte Reigen von Schuld und Sühne

Gut, dass es Vereine gibt, die straffällig Gewordenen helfen. Keine Frage, dass in vielen Fällen der Verlust von Wohnung und Job die Kriminalitätsspirale abwärts in Gang setzt. Gelebte Transparenz wäre allerdings auch hier erwünscht: Der Verein Neustart profitiert mit 17 von 22 Euro am Tag von dem Einsatz der Fußfessel pro Fußfesselträger. Gleichzeitig darf Neustart Empfehlungen abgeben, wer dafür infrage kommt.

Im Fall des Salzburgers, der rechtskräftig verurteilt wurde, weil er eine Minderjährige mehrfach vergewaltigt hat - und dessen Opfer sich immer noch von ihm bedrängt fühlt -, befand der Verein, er wäre für die Fußfessel bestens geeignet. Nun wurden von den lächerlichen sechs Monaten pünktlich zum Frühlingsbeginn noch zwei Monate abgezogen. Dem entsetzten Opfer wurde zuvor mitgeteilt, es möge sich mit dem Täter zu einer Unterhaltung treffen. Das stellt mir die Haare im Nacken auf.

Und leider, leider, mutete Neustart exakt die gleiche Vorgangsweise auch mir und meinem Kind zu, als meine Tochter von einer alkoholisierten Frau im Kaufhaus attackiert wurde. Ich riss die Tobende vom Kind. Niemand half uns, bis die Securitys eintrafen. Ich musste mehrere Runden mit ihr kämpfen. Es folgten Anzeige und Verurteilung: eine schwerverdauliche Erfahrung. Meine Tochter fürchtete sich lange, dieses Kaufhaus wieder aufzusuchen. Wir übten also das Einkaufen in der Gegend penibel. Sie solle sich doch mit der Dame zusammensetzen, die sehr unter dem Ausrutscher leide, teilte mir die Neustart-Betreuerin mit. Meine Tochter war zu dem Zeitpunkt neun Jahre alt.

Dass das Kind sich um den Erwachsenen, das Opfer um den Täter kümmern soll, ist falsch verstandene Solidarisierung und eine weitere Schädigung des Opfers. Neustart für Täter: ja, gerne. Eingefordertes Mitgefühl des (auch minderjährigen) Opfers: nein. Schon gar nicht, wenn man die Verweigerung dessen mit Sprüchen garniert, die an das schlechte Gewissen appellieren sollen. Ich staunte nicht schlecht, als man mir auch nahelegte, auf das Schmerzensgeld zu verzichten - die Frau wäre arm.

Mag sein. Arm war meiner Ansicht nach vor allem meine Tochter, die als Heranwachsende mit dieser Methode vermittelt bekommen hätte, dass die Täter Mitgefühl verdienten und sich recht viel leisten dürften, wenn sie nur schlimm vom Schicksal gebeutelt worden waren. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Dieses verständliche Bedürfnis des Opfers, der Täter würde mit den Konsequenzen seiner Taten konfrontiert, hat nichts mit Rache zu tun. Nur mit Gerechtigkeit. Ein Verein, der sich mit diesem Themenkreis beschäftigt, sollte so sensibel sein, auch diese Tatsache anzuerkennen und nicht zu polemisieren.  (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 23. /24.3.2013)

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