"Die Erinnerung vom Schmerz trennen"

Interview22. März 2013, 18:15
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Der israelische Autor David Grossman über sein Schreiben gegen den Schmerz und den Trost durch Umarmungen oder wunderbare Wesen wie Esel

STANDARD: Herr Grossman, im Vorjahr erschien Ihr Buch "Die Umarmung", eine kurze, von Michal Rovner illustrierte Geschichte, in der ein kleiner Junge an der Einmaligkeit seines Ichs verzweifelt und schließlich die Umarmung durch seine Mutter als begehbare Brücke zwischen sich und der Welt erlebt. Macht diese vermeintlich simple Erfahrung so etwas wie den Kern Ihrer Literatur aus?

Grossman:  Ich habe darüber noch nicht nachgedacht, aber ja, es stimmt schon. Eigentlich beschreibt es meine Bücher sehr gut und auch meine Motivation für das Schreiben insgesamt. Jeder von uns ist in seinem Menschsein einzigartig, und im Grunde ist es uns nicht möglich, den anderen in seiner Andersartigkeit vollständig zu begreifen. Der einzige Trost besteht darin, dass wir uns temporär begegnen können, indem wir einander umarmen. Ich meine damit nicht nur die körperliche Umarmung; Berührung kann auch über Bücher oder Gespräche geschehen, über alles, was mit dem Bemühen einhergeht, verstehen zu wollen, was es wirklich bedeutet, der andere zu sein, sei es dein Kind, dein Partner, dein Freund oder Feind.

STANDARD:  Wie äußert sich eine so verstandene Umarmung in Ihrem aktuellen Buch "Aus der Zeit fallen"?

Grossman: Im Versuch der Eltern, die ihr Kind verloren haben, den pulsierenden Punkt zu berühren, an dem die Toten immer noch am Leben sind. Die Toten sind verstorben, aber etwas von ihnen lebt weiter. Das kann eine Erinnerung sein oder eine Art Wärme, eine Form von Präsenz, die nicht vergeht. Die Umarmung in diesem Buch besteht im Bemühen um eine Sprache für etwas, wofür es keine Worte gibt. Wenn man ein Kind verliert, wird man von einem Moment zum nächsten in ein anderes Land geschleudert, man lebt von nun an im Exil. Es ist das Ende aller Selbstverständlichkeiten, auch jener der eigenen Existenz. Für diesen Zustand wollte ich meine eigene Sprache finden.

STANDARD:  Kann man mit Sprache dem Sog des Verstummens entrinnen?

Grossman:  Es zeichnet unser Menschsein aus, dass wir uns artikulieren wollen und müssen, dass wir nicht in diesem sprachlosen Zustand verharren, weil es unsere einzige Möglichkeit ist, aus der Opferrolle herauszutreten. Es ist die einzige Freiheit, die uns in so einer Situation bleibt, dass wir mit unseren eigenen Worten die Katastrophe benennen und dadurch verhindern, dass es andere mit ihren Worten tun, die nur die falschen und klischeehaften sein können, auch wenn es mit den besten Absichten geschieht.

STANDARD: Im Buch sagt der "gehende Mann" zu seinem verstorbenen Sohn: "Um eines würd' ich dich gern bitten: Ich möchte trennen die Erinnerung vom Schmerz; zumindest den Teil, den man trennen kann, denn sonst ist die Vergangenheit für immer schmerzgetränkt." Hat Ihnen die Arbeit am Buch geholfen, die Erinnerung vom Schmerz trennen zu können?

Grossman:  Sie hat mir zumindest dabei geholfen herauszufinden, dass ich das möchte; ich habe das vorher nicht gewusst. In Israel gibt es viele Menschen, die ihre Kinder im Krieg oder durch Anschläge verloren haben, und ich sehe ständig, wie sehr der Schmerz entweder die Erinnerung paralysiert oder diese unwirklich macht, indem er zu einer idealisierten Erinnerung führt. Beides ist nicht heilsam.

STANDARD: Worin sehen Sie einen Ausweg?

Grossman: Ich möchte einen Weg finden, die Erinnerung lebendig zu halten. Natürlich geht es nicht darum, den Schmerz aufzugeben, weil Schmerz ist auch eine Form des Kontaktes zum Verstorbenen, aber ich möchte mich vom Schmerz nicht lähmen lassen; möchte nicht, dass er meine Erinnerung an Uri einfriert. Das ist es ja, wozu der Schmerz häufig führt; er lässt die Erinnerung erstarren, macht eine Statue aus ihr, und durch das Schreiben halte ich dem etwas entgegen, halte ich die Erinnerung wach, massiere sie.

STANDARD:  "Er ist tot, (...) doch sein Tod ist nicht tot", sagt oder denkt der "gehende Mann" gegen Ende des Buches.

Grossman: Ja, den Tod darf man nicht sterben lassen.

STANDARD: Die deutschsprachige Kritik hat den Text mit viel Wohlwollen und einer tiefen Verbeugung aufgenommen. Freut Sie das?

Grossman:  Wenn die Verbeugung dem Text als Kunstwerk gilt, dann sehr. Es handelt sich nicht um ein persönliches Bekenntnis, sondern um Kunst. Ich habe lange und hart daran gearbeitet, das Buch von meiner eigenen Geschichte zu befreien. Ich habe so über das Thema geschrieben, als würde ich über Liebe, Kindheit oder Krieg schreiben, über eine Situation, die viele von uns irgendwann betrifft, nämlich die Erfahrung von Verlust eines geliebten Menschen.

STANDARD: Möchten Sie mit Ihrem Buch auch jenen zu einer Sprache der Trauer verhelfen, die aus gleich welchen Gründen dazu nicht in der Lage sind?

Grossman: Ich weiß nicht, ob mein Buch anderen die Worte geben kann, derer trauernde Menschen so dringend bedürfen, aber es kann sie zumindest daran erinnern, dass sie ein Anrecht darauf haben, ihren äußersten Schmerz in einer Sprache zu formulieren, die die ihre ist und nicht aus den allgegenwärtigen Klischees besteht. Wenn wir diese Klischees aufgreifen, dann spüren wir sofort, dass wir missbraucht werden - so als würden wir einen Mantel tragen, der nicht uns gehört.

STANDARD: Um das Verhältnis von Sprache und Identität geht es auch in vielen Ihrer Romane. Wodurch wird diese Beziehung am meisten gestört?

Grossman: Ich bin jetzt 59 Jahre alt, und ich lebe seit 59 Jahren in einem Land, das sich im permanenten Ausnahmezustand befindet. Ich lebe in diesem Klima des Krieges und somit im Klima einer Sprache, die diesen Krieg beschreibt, und ich beobachte das seit vielen Jahren, wie dieses Klima eine bestimmte weißgewaschene Sprache hervorbringt; eine Sprache, die uns in erster Linie die Regierung vorsetzt, in zweiter Linie die Armee und in dritter Linie die Medien, die mit den beiden Erstgenannten kollaborieren, weil sie ja ausschließlich daran interessiert sind, die Geschichten zu erzählen, die die Menschen hören möchten oder Geschichten, von denen sie das annehmen.

STANDARD: Kann die Literatur etwas gegen diese weißgewaschene Sprache ausrichten?

Grossman:  Literatur kann helfen, unser Leben stimmiger auszurichten, sie kann uns in eine tiefere Verbindung mit uns selbst bringen. Es gibt zahllose Versuchungen, die uns ablenken wollen, uns auf vorübergehend angenehme Weise in Watte hüllen. Literatur ist eine Art von Gegenbewegung zu diesen Zerstreuungen, sie weist uns den Weg zum Wesentlichen unseres Daseins.

STANDARD:  Hat das auch etwas mit Trost zu tun?

Grossman:  Nach dem Verlust meines Sohnes war das Schreiben für mich ein Weg, wieder ins Leben zurückzufinden. Nach der Trauerwoche bin ich zurück an den Schreibtisch gekehrt und habe versucht, an meinem Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht", der zu diesem Zeitpunkt schon weit fortgeschritten war, weiterzuschreiben. Zunächst ist mir dieses stundenlange Feilen an einzelnen Worten oder Sätzen absolut sinnlos erschienen, aber nach und nach hat sich bei einer gelungenen Formulierung das Gefühl eingestellt, das Richtige zu tun in einer Welt, in der plötzlich alles falsch war. Und dieses Gefühl hält bis heute an. Schreiben hat ja immer auch etwas mit Korrektur zu tun, es geht um Genauigkeit, um das Ausgleichen von Diskrepanzen durch Präzision inmitten einer Umgebung, die uns mit überflüssigen Informationen überhäuft, manchmal auch mit für uns unwichtigen Menschen, die bis zu einem gewissen Grad unser Leben steuern. Und darin liegt das große Vergnügen des Schreibens, dass man sich ungestört mit den relevanten Dingen beschäftigen kann.

STANDARD:  Und mit Eseln. Warum trifft man in Ihren Büchern so häufig auf einen Esel?

Grossman:  (lacht) Weil ich Esel liebe. Das sind so wunderbare Wesen. Sie sehen aus wie der erste Entwurf zu einem anderen Tier, sie sind von einer bezaubernden Einfachheit. Und die Art, wie sie ihre Nase an deinen Schultern reiben, ist schlichtweg herzerwärmend. Und ihre Laute ... (lacht wieder, imitiert einen Esel).

STANDARD: Haben Sie denn einen Esel bei sich zu Hause?

Grossman: Leider nicht. Aber Michal Rovner, mit der ich auch über "Die Umarmung" hinaus an verschiedenen Projekten arbeite, hat einen, und immer, wenn ich bei ihr bin, habe ich für eine Weile meinen ganz persönlichen Esel. Ich kann das jedem nur ans Herz legen: Berühren Sie von Zeit zu Zeit einen Esel!     (Josef Bichler, Album, DER STANDARD, 23./24.3.2013)

David Grossman, geb. 1954 in Jerusalem, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der israelischen Gegenwartsliteratur. 2008 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis, 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei Hanser erschienen zuletzt die Romane "Die Kraft zur Korrektur" (2008), "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" (Roman, 2009) und das Bilderbuch "Die Umarmung" (2012).

Ende Jänner 2013 erschien David Grossmans neuer Roman "Aus der Zeit fallen" im Hanser-Verlag.

  • David Grossmann (59): "Ich habe lange und hart daran gearbeitet, das Buch von meiner eigenen Geschichte zu befreien."
    foto: isolde ohlbaum

    David Grossmann (59): "Ich habe lange und hart daran gearbeitet, das Buch von meiner eigenen Geschichte zu befreien."

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